Hertha BSC

Bereit für höhere Aufgaben

Herthas Kader macht Hoffnung für die Bundesliga. Bedarf gibt es aber noch in der Außenverteidigung

Das Primärziel der Saison hat Hertha BSC längst erreicht. Dass die Berliner nach dem katastrophalen Abstieg in der Vorsaison die sofortige Rückkehr in die Bundesliga schaffen würden, hatten viele erwartet. Nicht zu erwarten aber war die Dominanz, mit der das Team von Cheftrainer Jos Luhukay die Ligakonkurrenz distanzierte. Hertha kann in den verbleibenden zwei Spielen gegen Köln und Cottbus sogar einen neuen Punkterekord in der Zweiten Liga aufstellen. Das jedoch hat nicht dazu geführt, dass alle Fans und Begleiter des Vereins ausschließlich mit Zuversicht auf die kommende Spielzeit im deutschen Oberhaus schauen. Der Zweifel bleibt: Ist Hertha reif für die Bundesliga? Genau kann das niemand voraussagen. Wir versuchen es trotzdem.

Torhüter: Kein Spieler bei Hertha BSC ist so über jeden Zweifel an seiner Erstligatauglichkeit erhaben wie Thomas Kraft. Der 24-Jährige hat seine Klasse in der Bundesliga bereits bei Bayern München (auch vier Spiele in der Champions League) und im vergangenen Jahr bei Hertha unter Beweis gestellt. Und auch in Liga zwei überzeugt Kraft mit Bestwerten: Kein Schlussmann hat eine höhere Quote gehaltener Torschüsse als er (75,4 Prozent). Keiner hat weniger Gegentore kassiert (17). Und kein anderer Keeper hat öfter zu Null gespielt (14 Mal). Zudem ist Kraft einer der Anführer in der Mannschaft und scheint den stets mahnenden Zeigefinger aus München mitgebracht zu haben. Seine große Schwäche allerdings ist das Spiel mit dem Fuß. Nur 16 Abschläge kamen zum eigenen Mann – einer der schlechtesten Werte der Liga. Hinter Kraft allerdings befindet sich ein Leistungsgefälle: Ersatzmann Sascha Burchert gilt als guter Geist im Team. Ob er bei einem Ausfall von Kraft aber ein Rückhalt wäre, ist fraglich. Fazit: erstligareif.

Innenverteidigung: In Liga zwei hat sich mit Fabian Lustenberger und John Anthony Brooks unverhofft ein Abwehrpärchen gefunden, das vor allem durch gutes Stellungsspiel in der Defensive und Übersicht im Aufbauspiel überzeugen konnte. Kein Duo musste weniger Fouls begehen. Doch ähnlich wie Kraft wurden auch sie wenig geprüft. Als es aber drauf ankam, nahmen sie den besten Torjäger der Liga, Braunschweigs Domi Kumbela, aus dem Spiel. Doch für Lustenberger und den erst 20 Jahre alten, hoffnungsvollen Brooks gilt: Beide verfügen über keinerlei Erfahrung als Abwehrspieler in der Bundesliga. Diese brächten dafür Maik Franz und Roman Hubnik mit. Nach vielen Verletzungen ist allerdings fraglich, ob Franz das alte Leistungsniveau erreichen kann. Hubnik gilt nur als vierter Mann. Seine Zukunft ist ungewiss. Hertha wird mit Sebastian Langkamp aus Augsburg einen neuen Innenverteidiger verpflichten. Schlägt er ein, wären die Blau-Weißen zumindest vernünftig gegen die Bundesliga-Stürmer gerüstet. Fazit: bedingt erstligareif.

Außenverteidigung:Auf den Außenpositionen der Viererkette gibt es Parallelen zur deutschen Nationalmannschaft: Rechts ist man zufrieden. Links nicht. Nach seiner Verpflichtung hat Peter Pekarik auf rechts die Defensive stabilisiert und zunehmend auch nach vorn Gefahr entwickelt. Dass er erstligatauglich ist, hat er 2009 bewiesen, als er mit dem VfL Wolfsburg als Stammspieler Deutscher Meister wurde. Einzige Schwäche: Der Slowake ist verletzungsanfällig. Mit Marcel Ndjeng und Christoph Janker haben die Berliner nur durchschnittliche Alternativen. Die Problemzone der Herthaner aber liegt hinten links. Der junge Fabian Holland ist defensiv ordentlich, offensiv aber zu schwach. Der bundesligaerfahrene Felix Bastians spielt bei Luhukay vorerst keine Rolle. Der stabilste Akteur ist Levan Kobiashvili, der im Juli allerdings 36 Jahre alt wird. Hier muss sich Hertha verstärken. Mit Düsseldorfs Johannes van der Bergh kommt ein schneller, offensivstarker Linksverteidiger. Er wird dringend benötigt. Fazit: Handlungsbedarf.

Defensives Mittelfeld: Für Peer Kluge und Kapitän Peter Niemeyer spricht die Erfahrung. Vor allem aber überzeugen beide mit Siegermentalität. Niemeyer ist den großen Nachweis seiner Erstligatauglichkeit jedoch noch schuldig. Er hat Defizite am Ball, versteht es allerdings, diese mit Kampfgeist zu kompensieren. Er kann auch in Liga eins der Kopf der Mannschaft und defensiver Stabilisator sein. Zweifel an Kluge gibt es kaum: Er wird den Übergang in die Bundesliga ohne Probleme meistern. Wird Lustenberger nicht als Innenverteidiger gebraucht, ist er eine gute Alternative. Der junge Alfredo Morales hat vielversprechende Anlagen. Ob er Hertha auch in der Bundesliga helfen kann, bleibt allerdings abzuwarten. Zudem ist nicht ausgeschlossen, dass noch ein zentraler Mittelfeldspieler kommen wird. Fazit: erstligareif.

Flügelspieler:Hier hat Hertha eine Fülle von Alternative, aber nur einen Spieler, an dessen Qualitäten wenig Zweifel besteht: Änis Ben-Hatira. Bleibt der 24-Jährige gesund und findet zu alter Stärke zurück, hat Hertha auf dem linken Flügel wenig Sorgen. Nico Schulz als Ersatz ist talentiert und defensiv deutlich stärker als Ben-Hatira, muss aber einen Leistungssprung machen. Der Israeli Ben Sahar konnte in Liga zwei kaum überzeugen. Marcel Ndjeng hat seinen Wert für die Mannschaft als Allzweckwaffe unter Beweis gestellt. Er ist kein klassischer Flügelspieler. Ebenso geht es Sami Allagui, der aus Mangel an Perspektiven im Sturmzentrum auf rechts ausweichen musste. Seine Stärken aber liegen im Torabschluss. Ndjeng und Allagui wären nur 1b-Lösungen. Hertha wird einen weiteren Flügelspieler verpflichten, der auf beiden Seiten spielen kann. Vor allem auf der rechten Seite wird er gebraucht. Fazit: Handlungsbedarf.

Spielmacher: 18 Tore, 13 Vorlagen. Ronny ist in der Zweitklassigkeit endlich der Durchbruch bei Hertha gelungen. Kein Spieler dominierte die Liga so sehr wie der Brasilianer. An über der Hälfte aller Berliner Treffer (62) war er direkt beteiligt. Weil der 26-Jährige in der Vergangenheit aber keine konstanten Leistungen bringen konnte, bleibt fraglich, ob er für Hertha auch in Liga eins so wertvoll sein kann. Seine Gefährlichkeit bei Standards spricht dafür. Als Ersatz reift hinter ihm der talentierte Hany Mukhtar. Er braucht noch Zeit. Fazit: bedingt erstligareif.

Sturm: Hertha verfügt schon in Liga zwei mit Adrian Ramos, Pierre-Michel Lasogga, Sandro Wagner und Sami Allagui über vier Angreifer mit Erstligaerfahrung. Zusammen kommen sie auf 43 Bundesligatore. Luhukay hat angekündigt, auch in der kommenden Saison nur mit einem Stürmer spielen lassen zu wollen. Der sensible Ramos (16 Bundesligatore) wird zunächst gesetzt sein. Kann ihn Ronny weiter so in Szene setzen, wird er auch im deutschen Oberhaus treffen. Bleibt Lasogga (8 Bundesligatore) über den Sommer hinaus in Berlin, hat Hertha mit ihm eine erstklassige Alternative. Verlässt der U21-Nationalspieler Hertha, wird ein neuer Stürmer verpflichtet. Dabei könnte Luhukay ruhigen Gewissens Allagui ins Zentrum stellen (14 Bundesligatore). Wagner überzeugt mit Kampfgeist, hat aber Schwächen im Torabschluss. Dennoch ist Hertha im Sturm bestens aufgestellt. Fazit: erstligareif.