Fußball

„Richtig Feuer drin“

Atmosphäre zwischen den Champions-League-Finalisten Dortmund und Bayern ist vergiftet

Der Plan der Bayern war ambitioniert. Gegen 21 Uhr, nur etwa 35 Minuten nach dem Schlusspfiff, sollten alle Spieler im Mannschaftsbus sitzen, um schnell zum Flughafen zu fahren und anschließend nach Hause zu fliegen. Sie wollten keine Minute länger als nötig in Dortmund bleiben.

So ging es nach der Generalprobe für das deutsch-deutsche Champions-League-Finale zwischen Borussia Dortmund und Bayern München fast genauso hektisch zu wie während des Spiels: Spieler wurden schnell von einem Interview zum nächsten geschoben, Betreuer schleppten Koffer durch die Katakomben, ständig deutete jemand mit dem Zeigefinger auf die Uhr. Als einer der letzten Münchner sprintete dann Sportdirektor Matthias Sammer zum Bus. In diesem Moment wirkten alle Beteiligten froh, es geschafft zu haben. Es kehrte ein wenig Ruhe ein, eine kurze Verschnaufpause nach all den Aufgeregtheiten.

Die Atmosphäre wird bis zum 25. Mai angespannt bleiben, das legten die Umstände nahe, unter denen das 1:1 (1:1) in einem eigentlich bedeutungslosen Bundesligaspiel zustande gekommen war: Schmähgesänge auf den Rängen, harte Zweikämpfe und Tumulte auf dem Rasen, ein Schiedsrichter, dem die Partie zwischenzeitlich aus den Händen zu gleiten drohte, und Verbalduelle am Spielfeldrand. „Da war richtig Feuer drin“, kommentierte BVB-Trainer Jürgen Klopp die Turbulenzen, in die er auch selbst verwickelt war. „Ein Spiel gegen Dortmund ist, egal wo es ausgetragen wird, nie ein Freundschaftsspiel“, sagte Bayern-Torhüter Manuel Neuer, dessen Strafraum vor der Südtribüne zeitweise mit Bananen übersät war. Was den Nationaltorhüter jedoch nicht davon abhielt, den Elfmeter von Robert Lewandowski zu halten.

Schmäh-Plakat gegen Götze

Das atmosphärische Knistern war schon vor dem Anpfiff zu spüren. Die BVB-Fans hatten sich mit zahlreichen „Anti-Hoeneß-Plakaten“ für Gegenprovokationen gewappnet. „Lieber Schwarzgelb als Schwarzgeld“ war unter anderem zu lesen. Beim Einlauf der Mannschaften wurde dann von den Dortmunder Ultras ein Transparent mit einer bösen Botschaft an Mario Götze hochgehalten. „Das Streben nach Geld zeigt wie viel Herz man wirklich hat. Verpiss dich Götze...“, hieß es in Richtung des Mittelfeldspielers, der zum Saisonende von Dortmund nach München wechseln wird.

Wegen des – nach Ansicht der Dortmunder – wenig stilvollen Verhaltens der Münchener im Fall Götze fiel die Begrüßung der Offiziellen unterkühlt aus. Ein kurzer Handschlag zwischen Hans-Joachim Watzke und Karl-Heinz Rummenigge, das war es. „Wenn die Bayern Redebedarf haben, können wir das auf Arbeitsebene jederzeit regeln. Wir haben guten Tag gesagt, die haben das erwidert, und gut ist's“, erklärte Watzke, den Sammer als Ursache für die neuerlich zerrüttete Beziehung zwischen den Branchenführern ausgemacht haben will. Sammers Verhältnis zu Watzke ist seit längerer Zeit angespannt. In einem Interview hatte Watzke erklärt, es hätte sich vielleicht auch deshalb abgekühlt, weil es bei den Bayern „eine personelle Veränderung“ in der Führungsriege gegeben habe – eine Anspielung auf Sammer, der erst im vergangenen Juli nach München gekommen war.

Sammer sieht Bayern im Recht

Am Sonntagabend reagierte Sammer: „Wir sind an einem guten Verhältnis mit dem BVB interessiert“, sagte er dem TV-Sender Sky. Bei der Verpflichtung von Götze habe sich der FC Bayern „korrekt verhalten“. Nur der Zeitpunkt der Bekanntmachung sei unglücklich gewesen. „Wir haben versucht, nach unserem eigenen Vorteil zu handeln, hätten uns aber einen anderen Zeitpunkt gewünscht.“ Sammer verwies jedoch darauf, dass die Information über den Götze-Deal nicht vom FC Bayern an die „Bild“-Zeitung herausgegeben wurde. „Das wurde mir von der ‚Bild‘ versichert“, so Sammer.

Beim Spiel wollte sich Sammer an alter Wirkungsstätte zurücknehmen und nicht provozieren. Doch die selbst auferlegte Zurückhaltung Sammers hielt nur bis zur 64. Minute. Von da an verwandelte sich ein normales Fußballspiel in ein Drama der entfesselten Emotionen.

Der Münchener Rafinha hatte dem Dortmunder Jakub Blaszczykowski im Zweikampf seinen Ellenbogen ins Gesicht gerammt. Blaszczykowski wälzte sich am Boden, Schiedsrichter Peter Gagelmann zeigte Rafinha Gelb-Rote. Als der Brasilianer dann vom Platz ging, bohrte er Blaszczykowski den Finger ins Gesicht, was zur Folge hatte, dass er nun auch noch von Klopp beschimpft wurde. Das wiederum führte dazu, dass Sammer von der Bayern-Bank aufsprang und Klopp anbrüllte. Selbst die von Gagelmann initiierte Versöhnung wirkte nur gespielt. Beim Gang der Mannschaften in die Kabine jedenfalls rief Sammer den Dortmundern und dem Schiedsrichtergespann hämisch hinterher: „Mit 14 Mann einen Punkt, Hut ab!“ Eine halbe Stunde später, als sich die Gemüter ein wenig beruhigt hatten, klang es zumindest etwas versöhnlicher. „Wir haben uns emotional, aber mit Respekt die Meinung gesagt“, erklärte Sammer: „Das kann ich zumindest von meiner Seite aus sagen.“ Klopp dagegen räumte ein, dass er an diesem Tag nicht darauf aus gewesen sei, „neue Freunde zu finden“.

Das Reizklima zwischen den Dortmunder und Münchener Verantwortlichen wird wohl auch in den kommenden Tagen anhalten. „Dortmund scheint sich schwer damit zu tun, gegen Bayern zu gewinnen“, sagte Karl-Heinz Rummenigge. „Wir haben einen Plan und haben gezeigt, dass wir die Bayern schlagen können“, erklärte dagegen BVB-Kapitän Sebastian Kehl. Davon war in der halben Stunde, in der der BVB in Überzahl agierte, aber nur wenig zu sehen. Erleichtert waren jedoch alle Beteiligten, dass das Spiel vorbei war. Bis zum Anpfiff in Wembley können sie sich nun aus dem Weg gehen können.