Boxen

Alles unter Kontrolle

Mit einer routinierten Leistung schickt Weltmeister Klitschko seinen überforderten Herausforderer Pianeta dreimal zu Boden

Er versuchte alles, um die Tränen zurückzuhalten, doch schließlich verlor Francesco Pianeta auch den Kampf nach dem Kampf. Und wieder war es Wladimir Klitschko gewesen, der ihn ausgeknockt hatte, nach dem physischen Niederschlag war es nun die Seele, die Qualen litt. Eine halbe Minute hatte Klitschko im Ring auf seinen Herausforderer eingeredet, ihm zu seinem Mut gratuliert, und als der Boxweltmeister im Schwergewicht der Verbände WBO, WBA und IBF dann in Pianetas Ecke auf die Seile stieg, um in den Ovationen der 14.000 Fans in der ausverkauften SAP-Arena zu baden, da wurde dem Deutsch-Italiener schmerzhaft klar, was für eine Chance er verpasst hatte. Also zog er die schwarze Wollmütze tiefer ins Gesicht und verbarg seine Tränen hinter einem weißen Handtuch.

8,94 Millionen sehen den Kampf

Es spricht für den Mann aus dem Magdeburger SES-Stall, dass er in die Lobeshymnen, die auf ihn gesungen wurden, nicht einstimmen wollte. „Ich habe eine Scheiß-Leistung gebracht, es war nicht mein Tag. Er war besser und bleibt verdient Weltmeister“, so kommentierte der 28-Jährige die erste Niederlage seiner Profikarriere. Acht Sekunden vor Ende der sechsten Runde war er von Ringrichter Ernest Sharif (USA) vor schweren Gesundheitsschäden bewahrt worden, als dieser ihn nach einer Links-Rechts-Kombination zum Kopf aus dem Kampf nahm, den 8,94 Millionen bei RTL verfolgten.

Was auch immer der „Rocky aus Gelsenkirchen“ gegen den 37 Jahre alten Ukrainer versucht hatte, es war lediglich mit Mut verbunden. Klitschkos stets wie eine Lanze vorgestreckte linke Führhand konnte er nie umgehen. Alle Versuche, zu Körpertreffern zu kommen waren zu planlos vorgetragen, als dass Pianeta hätte mit Erfolg rechnen können. Klitschko wahrte einfach den für seine Kampfführung nötigen Abstand und nahm Pianetas wenig durchdachten Attacken die Wirkung, indem er selbst den Schritt in die Nahdistanz ging und clinchte. „Francesco war sehr mutig. Ich wusste ja, dass er nicht aufgibt, wenn es hart wird“, sagte Klitschko in Anspielung auf die Hodenkrebserkrankung, die Pianeta 2010 überstanden hatte, und ließ sich auf der Pressekonferenz zu einer minutenlangen Laudatio auf seinen Kontrahenten hinreißen, dem er versicherte: „Du wirst Weltmeister werden, so wie es mein früherer Trainer Emanuel Steward dir versprochen hat.“ Das war im Sommer 2012 gewesen, als Pianeta als Sparringspartner im Klitschko-Camp einen guten Job gemacht hatte.

So weit ist es also schon gekommen in der Königsklasse des Berufsboxens, dass sich ihr Herrscher bei seinem Herausforderer bedanken muss, nur weil dieser den Mut aufgebracht hatte, ihm immerhin in Ansätzen einen Kampf zu liefern. Klitschkos Dominanz drückte sich einmal mehr darin aus, dass er einzig mit Links-Rechts-Doppelschlägen agieren konnte. Körpertreffer, Schlagserien oder Aufwärtshaken vermied er, weil sie ein Risiko bergen, das der perfekteste Defensivboxer der Welt scheut: getroffen zu werden. „Wladimir beherrscht alle Schläge, aber es genügt, dass er sich auf die Grundlagen beschränkt“, sagte Trainer Johnathon Banks, der den im vergangenen Herbst an Darmkrebs verstorbenen Steward ersetzt hat. „Wladimir hatte den Kampf jederzeit im Griff“, lobte auch Bruder Vitali, 41, der russische Medienberichte dementierte, denen zufolge er seinen WBC-WM-Titel gegen Pflichtherausforderer Bermane Stiverne aus Kanada verteidigen werde. Vielmehr hat er sich angesichts seiner politischen Ambitionen noch immer nicht endgültig zu einer Fortsetzung der Boxkarriere durchringen können.

Die Erkenntnis, den wertvollsten Sieg seiner Karriere eingefahren zu haben, setzte sich nur langsam in Wladimir Klitschkos Gedanken fest. Weil er seine Titel erfolgreich verteidigte, darf er in seinem nächsten Kampf zur Pflichtverteidigung seines WBA-Superchampion-Gürtels gegen den Russen Alexander Povetkin antreten. Dieses Duell war am 23. April in Panama-City versteigert worden. Den Zuschlag erhielt der russische Geschäftsmann Andrey Ryabinsky, der unglaubliche 23,2 Millionen Dollar geboten hatte. Klitschko erhält als Titelverteidiger 75 Prozent dieser Summe, also rund 17,2 Millionen Dollar.

Manager bestätigt Gespräche

Wlad Hrunov, Unterhändler Ryabinskys und ehemaliger Manager Povetkins, bestätigte in Mannheim, dass das Angebot ernst gemeint ist. „Wir werden den Kampf auf jeden Fall ausrichten, er wird am 7. oder 14. September in Moskau stattfinden. Povetkin ist mit dem Ziel Profi geworden, Wladimir Klitschko herauszufordern. Diesen Traum wollen wir ihm erfüllen.“ Klitschko-Manager Bernd Bönte bestätigte, in der vergangenen Woche in Hamburg ein mehrstündiges Gespräch mit Hrunov geführt zu haben.