Hertha BSC

Bundesliga als Sehnsuchtsort

Herthas Ben-Hatira ist auf dem Weg zu alter Stärke und freut sich auf die kommende Saison

– Das süße Nichtstun ist nicht so seine Sache. Dennoch könnte es passieren, dass Herthas Mittelfeldspieler Änis Ben-Hatira am heutigen Montagabend im Müßiggang ins Ziel trudelt. Verliert Verfolger Eintracht Braunschweig am Abend sein Heimspiel gegen Energie Cottbus (20.15 Uhr/Sport1), sind der 24-Jährige und sein Klub zwei Spieltage vor Ende der Saison nicht mehr von Tabellenplatz eins zu verdrängen. Die Berliner könnten eine rekordverdächtige Spielzeit vorzeitig mit dem Zweitligameistertitel krönen. Gefallen aber würde Ben-Hatria dieses Szenario kaum: „Ich will lieber selbst Meister werden und nicht auf der Couch zusehen, wie die Konkurrenz verliert.“

Zusehen musste der in Berlin geborene Sohn muslimischer Eltern in dieser Saison allzu oft. Nach starkem Beginn mit drei Toren und zwei Vorlagen verletzte sich Ben-Hatira am 19. Oktober in Bochum am rechten Sprunggelenk. Was zunächst nur eine Blessur zu sein schien, die nach zwei Wochen ausheilen würde, entpuppte sich alsbald als mysteriöse Fußverletzung, die den Offensivspieler ein Vierteljahr lang mit immer wiederkehrenden, starken Schmerzen zur Pause zwang. Erst Bayern Münchens Mannschaftsarzt Doktor Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt erkannte einen Riss des Syndesmosebandes, der eine Abrissfraktur im Sprunggelenk zur Folge hatte. Die Zeit des Wartens und Zusehens habe ihn fast verrückt gemacht, sagte Ben-Hatira, als er im Januar wieder ins Mannschaftstraining einsteigen konnte. „Es gab Momente, da wäre ich am liebsten von der Tribüne auf den Platz gelaufen und hätte einfach mitgespielt.“

Ende einer Seuchensaison

Mitspielen aber ließ ihn Herthas Cheftrainer Jos Luhukay zunächst auch dann nicht, als der tunesische Nationalspieler, der mit der deutschen U21-Auswahl 2009 in Schweden Europameister geworden war, sich wieder topfit wähnte. Der Niederländer mahnte zu Geduld. Zum ersten Mal in seiner Zeit in Herthas Profiteam musste Ben-Hatira lernen, dass seine Mannschaft auch ohne ihn erfolgreich war. Und er musste mitansehen, wie sein Konkurrent auf dem linken Flügel, der junge Nico Schulz, die „Poleposition“, in der ihn Herthas Manager Michael Preetz zu diesem Zeitpunkt sah, mit guten Auftritten verteidigte. Als ihn dann auch noch eine Grippe zurückwarf, wurde es endgültig eine Seuchensaison für Ben-Hatira, und es war nicht abzusehen, dass er überhaupt noch einmal in Herthas Startelf in dieser Spielzeit stehen würde. Darüber beschwert aber hat er sich nie: „Ich war immer im ständigen Austausch mit dem Trainer und habe mich dem Erfolg der Mannschaft untergeordnet“, sagt Ben-Hatira heute.

Luhukay wusste, dass sein Kreativspieler vor allem Geschwindigkeit und die „Selbstverständlichkeit“, wie er sagte, brauchen würde, um seinen bisweilen anarchischen Spielstil mit vielen Dribblings und Zweikämpfen aufziehen zu können. 175 Tage dauerte es, bis Ben-Hatira nach seiner schweren Verletzung in Ingolstadt (1:1) erstmals wieder in Herthas Startelf stand. Und obwohl ihm dort der Ausgleich gelang, war ihm die mangelnde Spielpraxis deutlich anzumerken.

Starke Werte gegen Aue

Seitdem bot ihn Luhukay noch zweimal in der Anfangsformation seiner Mannschaft auf (gegen St. Pauli und zuletzt gegen Erzgebirge Aue), und plötzlich deutete sich an, was Ben-Hatira immer prognostiziert hatte: „Ich brauche Spiele, um wieder der Alte zu werden.“ Beim 3:2 gegen Aue am Freitagabend war der gläubige Moslem einer der besten Akteure der Berliner. Er gewann für einen offensiven Flügelspieler beachtliche 55 Prozent seiner Zweikämpfe und brachte 85 Prozent seiner Pässe zum Mitspieler. Ben-Hatira ist wieder auf dem Weg zu alter Stärke. Dass es so kommen würde, daran hatte er nie gezweifelt: „Es war nur eine Frage der Zeit. Der Trainer hat mir viel Zeit gegeben. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.“

Ben-Hatira hat sich vorgenommen, die verbleibenden zwei Partien gegen Köln am Sonntag und Energie Cottbus eine Woche später zu nutzen, um sich die nötige Sicherheit für die kommende Spielzeit zu holen. Zurückblicken will er nicht mehr: „Ich habe all das Schlechte hinter mir gelassen und gucke jetzt nur noch nach vorn“, sagt Ben-Hatira und dabei huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Denn die Bundesliga war stets ein Sehnsuchtsort für ihn, seit er dort mit dem Hamburger SV und im vergangenen Jahr mit Hertha spielen durfte. „Wir sind geil auf die erste Liga“, sagt der Linksfuß. Er ist sich sicher, dass Hertha den erneuten Abstieg diesmal verhindern wird. „Wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Wir sind zusammengerückt und haben einen Trainer, der dazwischen hauen kann, wenn etwas in die falsche Richtung läuft.“

Dieser Trainer könnte Ben-Hatira als Belohnung für die Geduld und das beharrliche Arbeiten an seinem Comeback in Köln sogar noch ein kleines Geschenk machen. Weil Spielmacher Ronny gelbgesperrt fehlen wird, könnte Luhukay sich für Ben-Hatira als Ersatz auf der 10er-Position entscheiden. Für Ben-Hatira war der Posten des Regisseurs vor der Saison eigentlich vorgesehen. Es kam anders, wie so vieles, was er sich für diese Spielzeit vorgenommen hatte. Es wäre ein versöhnlicher Abschluss einer Seuchensaison, „denn das ist meine Lieblingsposition“, sagt Ben-Hatira. „Aber ich bin froh, dass ich überhaupt noch Spielzeit bekomme.“