Hertha BSC

Wieder der richtige Joker

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Sandro Wagners 3:2 sichert Hertha einen nicht mehr erwarteten Sieg. Trainer Luhukay beweist beim Wechseln erneut ein goldenes Händchen

Die Werbebande konnte nichts dafür, aber Sandro Wagner ließ seine Freude dennoch rustikal an ihr aus. Mit einem mächtigen Tritt gegen die Reklametafel feierte Herthas Stürmer seinen Siegtreffer in der 90. Minute der Partie gegen den FC St. Pauli. Es war der Schlusspunkt eines fulminanten Spiels, bei dem Hertha dank des Treffers des 25-Jährigen mit 3:2 (1:0) zwar als verdienter, aber auch als glücklicher Sieger vom Platz ging.

Nur 140 Sekunden vor Wagners Siegtreffer hatte der Brasilianer Ronny erst den Ausgleich für die Mannschaft von Trainer Jos Luhukay erzielt (88.). Die Berliner, die bereits vor einer Woche durch den Heimsieg gegen Sandhausen vorzeitig die Rückkehr in die Bundesliga perfekt gemacht haben, untermalen damit ihren Anspruch, nunmehr auch die Zweitliga-Meisterschaft gewinnen zu wollen und halten Verfolger Eintracht Braunschweig mit vier Punkten Vorsprung auf Distanz.

Zehntes Joker-Tor von Hertha

„Das war ein wichtiges Tor für mich und für die Mannschaft“, sagte Wagner nach dem Spiel. „Unser großes Ziel Aufstieg haben wir geschafft, aber wir haben noch ein weiteres: Wir wollen jetzt die Zweitliga-Meisterschaft.“ Dass die Blau-Weißen sich berechtigte Hoffnungen darauf machen können, verdanken sie wieder einmal dem goldenen Händchen ihres Trainers. Luhukay hatte Wagner erst elf Minuten vor Ende der Partie aufs Feld geschickt. Und wie schon gegen Sandhausen, als der eingewechselte Pierre-Michel Lasogga das Siegtor erzielte, stach auch diesmal der Joker. Für die Berliner war es bereits das zehnte Tor eines Einwechselspielers in der laufenden Saison. Auf seinen guten Riecher angesprochen, sagte Luhukay später lapidar: „Das ist ja meine Aufgabe als Trainer.“

Dass Hertha überhaupt ein so dramatisches Finish brauchen würde, war lange Zeit nicht abzusehen. Luhukay hatte sein Team auf zwei Positionen umgebaut: Für Peer Kluge, der wegen Adduktorenproblemen passen musste, rückte Alfredo Morales ins defensive Mittelfeld. Statt des jungen Nico Schulz begann Änis Ben-Hatira auf dem linken Flügel. Bevor die Begegnung aber angepfiffen wurde, erklang über die Lautsprecher im mit 29.063 Zuschauern ausverkauften Stadion am Millerntor Frank Zanders Hertha-Hymne „Nur nach Hause“. Es sollte ein Geschenk an den frisch gebackenen Aufsteiger sein. Doch als das Spiel längst im Gange war, erwies sich St. Pauli weiter als freundlicher Gastgeber und verteilte fleißig Präsente. Abwehrspieler Christopher Avevor wartete im 16-Meterraum so lange auf den heranstürmenden Adrian Ramos, bis der ihm frech den Ball stahl und zu Sami Allagui rüberschob, der aus fünf Metern ungestört zum 1:0 einschieben konnte (23.).

Die Hamburger, die eigentlich wichtige Punkte im Kampf gegen den Abstieg sammeln wollten, agierten zunächst ängstlich. Erst nach einer halben Stunde war Herthas Torwart Thomas Kraft erstmals gefordert, als er zunächst per Kopf gegen Dennis Daube rettete und kurz darauf einen Freistoß von Daniel Ginczek aus 20 Metern parierten musste. Kurz vor der Pause hatte Hertha Glück. Rechtsverteidiger Marcel Ndjeng wehrte einen Kopfball von Lennart Thy regelwidrig mit dem Arm ab, doch Schiedsrichter Felix Brych übersah die Szene.

Die zweite Hälfte begann mit einem Lattentreffer. Herthas Ronny drosch einen Freistoß aus 25 Metern ans Gebälk (66.). Im Gegenzug aber glich St. Pauli aus: Finn Bartels spielte Lennart Thy im Strafraum frei und dieser tunnelte Kraft zum 1:1 (67.). Das Spiel wurde nun hektisch. Maik Franz, der in der Innenverteidigung große Probleme mit Ginczek hatte, sah seine fünfte Gelbe Karte und fehlt damit ebenso wie Ndjeng Freitag gegen Aue.

Beide Mannschaften spielten jetzt auf Sieg. Zunächst scheiterten Ginczek und Thy noch knapp hintereinander für St. Pauli (70.). Dann köpft der eingewechselte Wagner einen Eckball nur hauchdünn vorbei. Wenig später hatte erneut Franz das Nachsehen gegen Ginczek, doch der Stürmer, ein Leihspieler von Borussia Dortmund, schoss den Ball ans Lattenkreuz des Berliner Tores (82.). Fünf Minuten vor dem Abpfiff schien Hertha der dritten Saisonniederlage entgegen zu trudeln. Torwart Kraft erwischte bei einer Faustabwehr statt des Balles den Kopf von Marius Ebbers – Elfmeter. Ginczek markierte seinen 15. Saisontreffer, Hertha lag 1:2 zurück (85.).

Alles klar? Nicht, wenn der Hauptstadt-Klub auf dem Platz steht. Ronny schoss den Ball spektakulär aus 20 Metern in den linken Winkel (88.), 2:2. St. Pauli war geschockt. Die Gäste legten nach, Kobiashvili flankte, Sahar ließ geschickt passieren, Wagner befördete den Ball artistisch ins Netz – 3:2. Es waren die Tore Nummer 20 und 21, die Hertha in dieser Saison in der Schlussviertelstunde erzielen konnte.

„Man hat gesehen, dass wir nicht abschenken wollten“, sagte Kapitän Fabian Lustenberger. „Dass wir so ein Spiel noch drehen zeigt, welch tolle Mentalität wir haben.“ Ebenso sah es Luhukay: „Ich kann nur den Hut vor meiner Mannschaft ziehen. Sie kommt immer wieder zurück.“ Ein kleines Lob für das eigene gute Händchen bei den Wechseln hatte er dann doch noch für sich selbst: „Vielleicht habe ich heute ein Stückchen dazu beigetragen.“