Monica Seles

„Es beschädigte meine Seele“

Vor 20 Jahren stach Günter Parche beim Turnier in Hamburg auf Monica Seles ein. Die Wunden sind bis heute nicht verheilt

Fast 6000 Zuschauer bevölkern am frühen Abend des 30. April 1993 den Centre-Court, um die Viertelfinalspiele beim Tennisturnier am Hamburger Rothenbaum zu sehen. Ein sanfter Luftzug weht über die Anlage. Die Weltranglisten-Erste Monica Seles spielt gegen die Bulgarin Magdalena Malejewa. Den ersten Satz hat die 19-Jährige 6:4 gewonnen, im zweiten steht es 4:3. Das Publikum applaudiert, wenn die gebürtige Jugoslawin den Ball unter lautem Stöhnen in die Ecken des Feldes peitscht.

Um 18.50 Uhr zerreißt ihr spitzer Schrei die heitere Atmosphäre. Es ist der Moment, der die Tenniswelt verändert wie kein anderer.

Günter Parche, ein arbeitsloser Dreher aus Görsbach in Thüringen, besucht in diesem Jahr an jedem Nachmittag die Spiele am Rothenbaum. Er bleibt stets bis zum letzten Ballwechsel. Parche wartet seit vier Tagen auf die Gelegenheit, seinen Plan umzusetzen. Jetzt ist der Moment gekommen. Seles hockt während des Seitenwechsels auf ihrer Bank und wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht. Parche nutzt die 60-sekündige Unterbrechung, lehnt sich blitzschnell über die nur einen halben Meter hohe Balustrade und rammt Seles die Klinge eines 23 Zentimeter langen Messers in den Rücken. Das Messer hatte Parche in einer Plastiktüte.

Nie wieder nach Deutschland

Sein Motiv ist schnell ermittelt: Der damals 38-Jährige ist ein glühender Verehrer von Steffi Graf. Er habe es nicht mehr ertragen können, wird Parche bei seiner Vernehmung aussagen, dass die Deutsche ihre Spitzenposition in der Weltrangliste an Seles verloren hat. Er habe sie verletzen, keinesfalls töten wollen. Sie sollte eine Zeit lang pausieren müssen, damit Graf im Ranking an ihr vorbeiziehen kann – was kurz danach auch passiert. Die Richter verurteilen ihn wegen Körperverletzung zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung. Wegen dieses für sie unverständlich milden Urteils hat Seles bis heute nie wieder deutschen Boden betreten. „Deutschland ist das Land, das den Mann, der mich hinterrücks angegriffen hat, nicht ausreichend bestrafte“, sagt sie: „Ich kann nicht verstehen, warum dieser Mensch nicht für seine Tat büßen musste.“

Zwei Umstände bewahren sie vor schweren körperlichen Schäden. Als Parche zusticht, hat sich Seles gerade nach vorn gebeugt, um aufzustehen; der Berliner Schiedsrichter Stefan Voß hatte das Kommando „Time“ zum Weiterspielen gegeben. Die Klinge dringt knapp zwei Zentimeter neben dem vierten Brustwirbel in Seles‘ Rücken. Ordner Manfred Groppel, ein Feuerwehrmann aus Buchholz, ist sofort zur Stelle, reißt Parche zu Boden und nimmt ihn in den Schwitzkasten.

Groppel arbeitet seit zehn Jahren für den Hamburger Sicherheitsdienst Bekos. Er sitzt drei Meter entfernt in der ersten Reihe der Tribüne. Er sieht Parche kommen, hält ihn jedoch zunächst für einen Autogrammjäger. Als dieser sein Messer herausholt, springt Groppel auf. Den ersten Stich kann er nicht mehr verhindern, einen zweiten schon. Seles sinkt auf den Sandboden. Auf ihrem Tennishemd zeichnen sich rote Punkte ab. Blut. „Ich wusste nicht, was genau passiert ist. Mir fiel das Atmen plötzlich schwer, und ich fühlte einen schrecklichen Schmerz im Rücken“, sagt sie später. Parche wird von zwei Polizeibeamten in Handschellen abgeführt.

Vor dem ersten Halbfinalspiel am Sonnabendnachmittag bittet Turnierdirektor Günter Sanders die Besucher, Seles per Applaus und Transparenten Genesungswünsche zu übermitteln. Der minutenlange Beifall ist im gesamten Stadtteil zu hören. Malejewa unterliegt im Halbfinale der Spanierin Arantxa Sánchez Vicario. Das Endspiel gewinnt Sánchez gegen Steffi Graf. Sanders sagt: „Eine traurigere Siegerehrung habe ich nie erlebt.“

Wenn Malejewa an den Tag zurückdenkt, kommt ihr als Erstes die gespenstische Atmosphäre in den Sinn, die nach dem Attentat am Rothenbaum herrschte. „Alle waren geschockt, niemand wusste genau, was passiert war. Dann sah ich Monica auf den Platz taumeln und stürzen.“ Dass das Turnier weitergespielt wurde, versteht sie bis heute nicht.

Peter Wind ist seit 1984 einer der Turnierärzte am Rothenbaum. Aus dem Ärzteraum wird er über sein Funkgerät auf den Centre-Court gerufen. Im Laufschritt begleiten ihn drei Sanitäter. „Als ich hörte, dass es sich um einen Messerstich handelt, habe ich das Schlimmste befürchtet“, sagt Wind. „Wenn dabei die Lunge getroffen ist, kann der Patient kollabieren und zu einem Notfall werden.“ Der Mediziner veranlasst, dass Seles umgehend in den am Eingang der Anlage bereitstehenden Rettungswagen getragen wird. In dem Spezialfahrzeug versucht Wind der Verletzten in der rechten Armbeuge einen Zugang zu legen. Über ihn könnte Seles mit überlebenswichtigen Medikamenten versorgt werden. Es gelingt ihm nicht. Seles ist nicht zu beruhigen. Sie reagiert hysterisch, hat Panik in den Augen, fuchtelt mit den Armen. Wind gibt sein Vorhaben auf, auch weil er erkennt, dass die Verletzung weniger dramatisch ist als anfangs befürchtet. Die Stichwunde ist nicht so tief wie angenommen und hat keine Organe verletzt. „Die körperlichen Blessuren gaben keinen Anlass, besorgt zu sein“, sagt Wind: „Die möglichen schwerwiegenden seelischen Folgen des Attentats konnte in diesem Moment allerdings niemand abschätzen.“

Seles’ Eltern sind inzwischen mit dem Fahrdienst des Tennisturniers im UKE eingetroffen. Vater Karolj telefoniert mit seinem Anwalt in den USA. Als die Eltern die Diagnose hören, verhängen sie eine Nachrichtensperre. Sie gilt für die Klinikärzte bis heute.

Jens-Peter Hecht ist der Pressesprecher des Deutschen Tennis Bundes (DTB). In seinem Arbeitszimmer im Stadion klingeln die Telefone zwei Minuten nach dem Anschlag unaufhörlich. Reporter von CNN und der New York Times sind die ersten Anrufer. In Deutschland ist der Angriff auf Seles in den Abendnachrichten das Topthema bei ARD und ZDF. Hecht erkennt die Dimension des Falls. „Mir war klar, dass auf den DTB Schadensersatzforderungen in zweistelliger Millionenhöhe zukommen könnten.“ Er rät seinen Verbandskollegen, nichts zu sagen. Jedes falsche Wort könnte teuer werden.

Das Turnier hat der DTB gegen Schadensfälle bis zu einer Gesamtsumme von 50 Millionen Mark versichert. Hecht lässt Polizeisprecher Dankmar Lund vom „Tanz in den Mai“ aus dem Hotel Atlantic an den Rothenbaum kommen. Der soll Rede und Antwort stehen.

Rechtsanwalt Wolfgang Burandt, damals der Sicherheitschef am Rothenbaum und Teilhaber der Firma Bekos, ist auch heute noch davon überzeugt, dass dieses Attentat nicht zu verhindern war: „Es war weltweit das erste Mal, dass gezielt auf einen einzelnen Spitzensportler ein Anschlag verübt wurde.“ Die Gerichte teilen später diese Einschätzung. Die hohen Schadensersatzforderungen der Familie Seles werden abgewiesen. Ein weiterer Grund: Die Sicherheitsmaßnahmen in Hamburg liegen weit über dem Standard anderer Tennisturniere.

Für die in den USA lebende Seles werden wegen Balkankonflikt und ihrer Herkunft aus dieser Region ohnehin zusätzliche Vorkehrungen getroffen. Ständig sind vier Bodyguards in ihrer Nähe, einer auch nachts im Hotel. Den Rothenbaum betritt sie jedes Mal durch einen anderen Eingang. Im Umkleidebereich des Stadions muss sie ständig die Kabine wechseln. Etwa sechs Stunden vor Parches Attacke fragt Burandt beim zuständigen Polizeirevier 17 an der Sedanstraße routinemäßig nach, ob es neue Hinweise auf eine Gefährdung von Seles gebe. Es gibt keine.

Am Rothenbaum werden am Tag nach dem Anschlag die Bänke der Spielerinnen einen halben Meter in Richtung Spielfeld gerückt. Die Ordner sitzen nicht mehr auf der Tribüne, sie stehen während der Seitenwechsel mit dem Rücken zum Court direkt an der Bank, verfolgen jetzt aufmerksam die Bewegungen im Publikum.

Für Monica Seles kommen diese Maßnahmen zu spät. Wer wissen möchte, wie sie diesen 30. April 1993 erlebt hat, wie dieser Tag ihr Leben veränderte, der muss ihre Biografie lesen. Interviews gibt sie zu diesem Thema keine. Ihr Buch ist 2009 unter dem Originaltitel „Getting a grip“ erschienen. Dort schreibt sie über den Moment des Angriffs: „Es ist seltsam, was für eine ungeheure Auswirkung die winzigste Kleinigkeit auf das Leben haben kann.“

Die Ärzte in Eppendorf sagen ihr bei der Entlassung, „dass ich, wenn ich mich nicht genau in jener Sekunde nach vorn gebeugt hätte, wahrscheinlich jetzt gelähmt wäre. Ich hatte meinen Trinkbecher kaum am Mund, als ich plötzlich einen entsetzlichen Schmerz im Rücken spürte. Instinktiv drehte ich meinen Kopf in Richtung des Schmerzes und sah einen Mann mit einer Baseballmütze und einem boshaften Grinsen im Gesicht. Er hatte die Arme über den Kopf erhoben, seine Hände umklammerten ein langes Messer, und er wollte wieder auf mich einstechen. Ich verstand nicht, was da gerade passierte.“

Zwei Tage nach dem Attentat erhält Seles im Krankenhaus Besuch von Steffi Graf. Sie erfährt, dass das Turnier nicht abgebrochen wurde. „Steffi und ich konnten uns nur ein paar Minuten unterhalten, bevor sie zum Finale musste. Ich war bestürzt. Das Turnier lief weiter, als ob nichts geschehen wäre? Das war eine harte Lektion über das Tennisbusiness. Eigentlich geht es nur ums Geld.“

30 Kilogramm zugenommen

Erst nach mehr als zwei Jahren, in denen sie nach Fressattacken zwischenzeitlich bis zu 30 Kilogramm Gewicht zulegte, schafft sie bei einem Schaukampf im Juli 1995 in Atlantic City gegen Martina Navratilova ihr Comeback. 1998 gewinnt sie in Melbourne ihr neuntes Grand-Slam-Turnier, ganz die alte wird sie aber nie wieder. Als Fazit steht in ihrer Biografie. „Ich bin niedergestochen worden, auf dem Tennisplatz, vor Tausenden von Leuten. Es ist nicht möglich, distanziert darüber zu sprechen. Es veränderte meine Karriere unwiderruflich und beschädigte meine Seele. Ein Sekundenbruchteil machte aus mir einen anderen Menschen.“

Anwalt Otmar Kury verteidigt Parche vor Gericht. „Parche lebte in einer Fantasiewelt, er hatte nie Kontakt zum anderen Geschlecht und idealisierte Steffi Graf. Er schrieb ihr Briefe, machte ihr sogar Geldgeschenke zum Geburtstag. Allerdings war das Urteil der Tatsache zu verdanken, dass Parche in seiner Persönlichkeitsstruktur erkannt werden konnte. Die psychologischen Gutachter bestätigten im Prozess seine Persönlichkeitsstörung. Es war kein versuchter Mord. Es war eine versuchte Körperverletzung.“

Günter Parche lebt nach mehreren Schlaganfällen entmündigt in einem Pflegeheim in Nordhausen. Ein Besuch ist unerwünscht, die Angehörigen bitten um Rücksichtnahme, auch die Heimleitung will sich nicht äußern. Niemand hat Interesse, die alten Wunden aufzureißen.