Fall Uli Hoeneß

Im gesellschaftlichen Abseits

Selbst Bundeskanzlerin Merkel wendet sich enttäuscht ab. Nun drohen heute auch in „seinem“ Stadion Pfiffe gegen Uli Hoeneß

Der Superstar kam pünktlich zum Mittagessen. Um 12.35 Uhr landeten Lionel Messi und seine Kollegen vom FC Barcelona am Montag in München und checkten im Hotel „Bayerischer Hof“ ein. Um 19 Uhr trainierte die Mannschaft in der Arena. Der Zirkus ist in der Stadt.

Am Dienstag (20.45 Uhr, Sky) treten die Spanier im Hinspiel des Halbfinals der Champions League beim deutschen Rekordmeister an. Es sollte der Fußballabend des Jahres werden, doch plötzlich reden alle lieber über Steuerhinterziehung als über Tiki-Taka. Die Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung und das Finanzgebaren des Vereinspräsidenten Uli Hoeneß führen dazu, dass sich die Bayern bei der obligatorischen Pressekonferenz am Tag vor Anpfiff Fragen zu dem Thema ausdrücklich verbeten müssen. Dabei hat Hoeneß angekündigt, trotz allem auf jeden Fall ins Stadion kommen zu wollen.

Spannend wird sein zu beobachten, welche Reaktion es auf ihn gibt. In der politischen Gesellschaft hat sich der einst so bewunderte Macher ins Abseits manövriert. Am Montag distanzierte sich nun sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ausdrücklich vom Fußballmanager, dessen Rat sie bisher ebenso schätzte wie der frühere Finanzminister und jetzige Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (SPD). Laut Leipziger Volkszeitung kam Steinbrück mit seiner kleinen Prominenten-Beraterrunde, darunter unter anderem Hoeneß und beispielsweise auch Margot Käßmann, mindestens zwei Mal jährlich zusammen. Das erste Treffen fand am 20. Dezember 2006 statt. In die Zeit dieser Promi-Beratung fiel unter anderem das sich später als eher untauglich erwiesene Steuerhinterziehungsbekämpfungsgesetz.

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte: „Viele Menschen sind jetzt enttäuscht von Uli Hoeneß, die Bundeskanzlerin zählt auch zu diesen Menschen.“ Diese Enttäuschung sei natürlich umso größer bei jemandem, der für so viel Positives stehe. Es gebe weiterhin Verdienste. „Aber es ist jetzt durch die Tatsache der Selbstanzeige wegen Steuerbetrugs eine andere, traurige Facette hinzugekommen“, sagte Seibert. Steuerhinterziehung sei ohne zweifellos ein schweres Delikt.

Im Kreuzfeuer der Politiker

Die schnelle und kühle Reaktion der Bundeskanzlerin hängt auch mit den zunehmenden Angriffen der SPD auf die Union in dieser Affäre zusammen. Der Chef der SPD-Bundestagsfraktion, Frank-Walter Steinmeier, forderte Aufklärung von Horst Seehofer (CSU), wann und auf welchem Weg er vom Fall Hoeneß erfahren habe. „Warum ausgerechnet hat sich der bayerische Ministerpräsident so lange für das Deutsch-Schweizer Steuerabkommen eingesetzt?“, fragte Steinmeier in Berlin. „Sind möglicherweise aus der CSU an Herrn Hoeneß Informationen geflossen, dass und wann das Steuerabkommen scheitern würde?“ Er wolle auch wissen, ob FC-Bayern-Präsident Hoeneß zu den Spendern der CSU gehöre.

„Ich kann Herrn Seehofer nur raten, jetzt nicht in ein Versteckspiel einzutreten, sondern öffentlich Farbe zu bekennen und die Fragen zu beantworten“, sagte Steinmeier. Union und FDP warf er vor, sie hätten durch ihr Festhalten am Steuerabkommen mit der Schweiz bis zuletzt versucht „zu verhindern, dass endlich bekannt wird, wer sich der Steuerpflicht und damit der Solidarität entzieht“. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer wurde von seinem Finanzminister Markus Söder (beide CSU) über den Fall Hoeneß und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft informiert. Das sei „gegen Ende Januar“ gewesen, als das Verfahren von der Steuerbehörde an die Staatsanwaltschaft abgegeben wurde – also kurz nach der Selbstanzeige. Es habe sich um eine generelle Information für den Chef der Staatsregierung gehandelt, Details seien dabei nicht mitgeteilt worden.

„Selbstverständlich ist Steuerhinterziehung nicht akzeptabel, das ist ein Foulspiel an der Gesellschaft und verdient die rote Karte“, sagte der FDP-Finanzexperte Volker Wissing. „Wenn die Zahlen, die in der Welt sind, nur halb zutreffen, dann handelt es sich hier nicht um ein Kavaliersdelikt“, erklärte der nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD). Es gehe dann vielmehr um eine Straftat, für die der Bundesgerichtshof eine Haftstrafe ohne Bewährung für angemessen halte.

Hoeneß teilte mit, er werde erst mal „einige Wochen ins Land ziehen lassen, ehe ich mich äußere“. Auf seine Ämter in Verein und Aufsichtsrat will er vorerst nicht verzichten. Doch selbst Dieter Kürten, als langjähriger ZDF-Sportreporter ein intimer Kenner der Branche, glaubt nicht an eine solche Gegenwehr: „Auf Dauer werden die Attacken so massiv sein, dass er sich zurückziehen wird.“

Nicht alle Fans milde gestimmt

Zumal die Ermittlungen der Staatsanwaltschaften auch eine gewisse Zeit brauchen. „Das lässt sich rein zeitlich sehr schwer einschätzen, das hängt immer von der Fallgestaltung ab“, sagte Staatsanwalt Ken Heidenreich. „Es müssen viele Dinge geprüft werden.“ Begegnet waren sich die Münchner Staatsanwaltschaft und Hoeneß bereits, als der Vereinspatron die Ermittler wegen ihres Vorgehens im Fall der Brandstiftung durch Innenverteidiger Breno harsch attackiert hatte. Aus dem Bayern-Aufsichtsrat gab es zunächst keine Stellungnahme. Ein Sprecher des Hauptsponsors Telekom, für den Finanzvorstand Timotheus Höttges im Aufsichtsrat sitzt, verwies darauf, dass es sich um eine Privatangelegenheit von Hoeneß handele. Herbert Hainer, Vorstandsvorsitzender von Bayern-Anteilseigner Adidas, und VW-Vorstandschef Martin Winterkorn äußerten sich ebenfalls nicht.

Die Bayern-Fans sind gespalten. Die überregionale Organisation Club Nr.12 wollte keine Stellungnahme abgeben. „Wir sind bestürzt. Er ist für uns der Mister FC Bayern, die gute Seele des Vereins, hat aber anscheinend doch Dreck am Stecken“, sagte Wolfgang Richard, Vorstand des Fanklubs Allgäu. „Persönlich meine ich, dass es seine private Angelegenheit ist und seine Lebensleistung überwiegt, deshalb will ich ihm nicht den Rücktritt nahelegen. Andere sehen das aber auch anders.“

Zumal die Höhe der hinterzogenen Steuern und der von Hoeneß bereits geleisteten Zahlung zum Ausgleich des Steuerschadens noch unklar sind. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete, der 61-Jährige habe drei Millionen Euro an Steuern und Zinsen nachgezahlt. Er habe kein Schwarzgeld in die Schweiz geschafft. Das Steuervergehen soll darin bestehen, dass Hoeneß auf ein Millionenvermögen keine Kapitalertragssteuer gezahlt habe. Die „Bild“ berichtete hingegen, Hoeneß habe zehn Millionen Euro hinterlegt. Beide Zeitungen schrieben, dass der Ursprung des Vermögens durch den inzwischen verstorbenen, ehemaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus gelegt worden sei. Dieser soll Hoeneß 2000 ein Darlehen über zehn bis fünfzehn Millionen Euro gegeben haben, mit dem er an der Börse spekulierte, ohne die Gewinne zu versteuern.