Hertha-Präsident Gegenbauer

„Das Träumen werde ich niemandem verbieten“

Der Präsident von Hertha BSC dosiert seine öffentlichen Auftritte. Doch der Morgenpost stellte sich Werner Gegenbauer (62), Unternehmer aus Berlin, zum Aufstiegsinterview. Im Gespräch mit Redakteur Uwe Bremer lobt Gegenbauer den Erfolgstrainer, kritisiert Teile seines Präsidiums und lässt durchblicken, dass Manager Michael Preetz mit einer baldigen Vertragsverlängerung rechnen kann.

Berliner Morgenpost:

Herr Gegenbauer, macht Zweite Liga mehr Spaß als Bundesliga?

Werner Gegenbauer:

Der Maßstab ist die erste Liga. Die macht grundsätzlich mehr Spaß, auch wenn wir in dieser Saison mehr Erfolgserlebnisse hatten. Es geht auch nicht darum, was mir gefällt, sondern um das, was die Fans wollen. Und die Fans wollen eindeutig erste Liga.

Hertha wird mit 37.000, 38.000 Fans pro Heimspiel einen stattlichen Schnitt haben. Das sind aber fast 10.000 weniger als in der Zweitliga-Saison 2010/11. Was sagt das über den Stellenwert von Hertha in der Stadt?

Auch mit 38.000 bis 40.000, warten wir mal die letzten Spiele ab, ist das ein sensationeller Besuch für die Zweite Liga. Aber nach dem zweiten Abstieg ist mehr Vertrauen kaputtgegangen als nach dem ersten. Es ist schwieriger, wieder ein Wohlwollen aufzubauen.

Gab es im Saisonverlauf einen Moment, an dem Sie Zweifel hatten: Niederlage beim FSV Frankfurt, eine Woche später Aus im DFB-Pokal bei einem Viertligisten?

Das Pokal-Aus in Worms, das war eine schwierigere Geschichte, weil die Mannschaft kaum eine Struktur gezeigt hat. Aber wir wussten, dass es zu Beginn holprig werden kann. Klar war, dass man dann im Verein die Ruhe bewahren muss. Und das haben die Verantwortlichen getan.

Als Königstransfer gilt die Verpflichtung von Trainer Jos Luhukay. Man hört aber auch: Mit diesem hochkarätigen Team wäre auch der Busfahrer aufgestiegen.

Das sagen hinterher immer alle. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob nach dem Holper-Start gegen Paderborn, Frankfurt und Worms auch schon alle der Meinung waren, dass der Aufstieg ein Selbstläufer wird. Natürlich braucht man Qualität, um aufsteigen zu können. Aber es braucht auch einen Trainer, der in der Lage ist, aus der Qualität eine Mannschaft zu formen. Und insbesondere, wenn man davon eine Abstiegssaison wie Hertha gespielt, mit den Schlussereignissen in Düsseldorf, da steckt eine Menge Arbeit drin, den Bock umzustoßen.

Wer sind die Gesichter des Aufstiegs?

Aus der Mannschaft will ich niemanden hervorheben, das ist nicht mein Thema. Darüber hinaus sind das Manager Michael Preetz und Trainer Jos Luhukay mit seiner Crew.

Der Vertrag von Luhukay läuft bis Juni 2014. Im Moment signalisieren Geschäftsführung und Trainer, gern über 2014 hinaus zu verlängern. Der vorsichtige Kaufmann könnte auch sagen: Der erste Schritt ist gelungen. Schauen wir mal, wie der Trainer in der Bundesliga zurecht kommt.

Das finde ich völlig verkehrt. Wenn wir so anfangen, geben wir das falsche Signal. Es gibt doch keine Zweifel, dass die Situation als Aufsteiger schwierig ist. Jos Luhukay wird auch in diesem Sommer allen Spielern die Chance geben, sich zu beweisen. Es ist möglich, dass es zum Saisonstart etwas ruppelt und zuppelt. Mag sein, dass Hertha in der Bundesliga Zeit braucht. In genau dieser Phase einen Druck aufzubauen auf den Trainer, da weiß jeder, wie das öffentlich begleitet werden würde. Nein, das kommt überhaupt nicht in Frage.

Was sind die Lehren bei Hertha aus dem direkten Wiederabstieg 2011/12? Was soll in der kommenden Saison anders werden?

Wir werden mit Hochdruck um das Vertrauen des Publikums werben. Als Verein müssen wir diese ganzen Erschütterungen vermeiden. Und da, wo es nötig ist, müssen wir konsequent und schnell handeln.

Was heißt das für das Präsidium?

In dieser Saison gibt es im Präsidium eine größere Disziplin, das hat Gründe . . .

Welche?

Den durchgehenden Erfolg etwa. Aber mir stehen noch zu viele Interna in den Zeitungen. Mein Eindruck ist, der eine oder andere will es einfach nicht lernen. In so einer Erfolgsphase spielt das keine Rolle. Ich habe aber intern deutlich gesagt, was die Auswirkungen von solchen Durchsteckereien sind, wenn die sportliche Situation schwieriger ist. Und in der Bundesliga werden wir schwierige Phasen haben.

Hertha wird in dieser Saison noch eine außerordentliche Einnahme für einen demnächst abzuschließenden Catering-Vertrag verbuchen, rund 10 Millionen Euro. Der Vertrag soll von 2014 bis 2020 gültig sein. Was sagen Sie Kritikern, die meinen, dass Hertha da wieder heute Geld ausgibt, das erst morgen und übermorgen reinkommt?

Wenn die Verträge zustande kommen, ist das Geld ausschließlich für den Abbau von Verbindlichkeiten bestimmt.

Wie ist der Spagat zu bewältigen, Hertha wirtschaftlich zu sanieren und gleichzeitig dauerhaft in der Bundesliga zu etablieren?

In der Zweiten Liga kann ein Bundesliga-Absteiger grundsätzlich keine Verbindlichkeiten abbauen. Entscheidend ist in unserer Situation, dass die Liquidität nachgewiesen wird und dass Hertha die Lizenz bekommt. Das hat Ingo Schiller nun 15 oder 16 Mal bewerkstelligt. So auch für die Saison 2013/14.

Die Befürchtung ist, dass Hertha ein Fahrstuhl-Team bleibt. Was muss zusammenkommen, damit Hertha sich etabliert?

Wenn man auf Freiburg oder Frankfurt oder Mainz schaut: Es gibt Beispiele in der Bundesliga, wo es gut geht. Die Frage ist immer, wie lange hält die Positivphase an? Grundsätzlich nimmt in der Liga die Spreizung zu zwischen den Vereinen, die aus der Champions League exorbitante Einnahmen erhalten, und denen, die da nicht vertreten sind. Wir müssen uns dem Wettbewerb mit denen stellen, die ähnliche Ausgangsbedingungen haben wie wir.

Es gibt eine Aussage von Trainer Luhukay, er sehe Hertha auf einem Niveau mit acht oder zehn Bundesligisten. Teilen Sie diesen Optimismus?

Es ist die fachliche Analyse unseres Cheftrainers. Wir vertrauen ihm, warum soll ich das nicht auch in diesem Punkt tun?

Ronny hat gesagt, sein Traum sei es, mit Hertha in der Champions League zu spielen. Ist das realistisch?

Ich werde Ronny das Träumen nicht verbieten.

Im neuen Bahn-Vertrag gibt es erstmals eine Klausel, die Zusammenarbeit mit den Fans messbar zu verbessern. Wie hat sich das Verhältnis zu den Fans verändert?

Der Zugang zu den Fans hat sich verbessert. Die Übernahme von Verantwortung hat sich verbessert, gerade nach den Vorkommnissen von Düsseldorf. Es gibt jetzt auch bei den Fans ein Bewusstsein, was diese Vorfälle für Hertha BSC bedeutet haben. Es gab bei manchen eine erhebliche Differenz in der Eigenwahrnehmung als Fans und der Fremdwahrnehmung. Über diese Themen haben wir glaubwürdig miteinander gesprochen. Aber wir wissen auch, dass es immer eine Minderheit geben wird, die aus anderen Gründen ins Stadion geht als zum Fußball gucken oder um die Mannschaft zu unterstützen.

Reden wir über den Manager. Sie haben im vergangenen Frühjahr Ihr Schicksal mit dem von Michael Preetz verknüpft. Dafür gab es damals viel Kritik.

Damals war der entscheidende Punkt, dass zu einem Zeitpunkt, als Hertha noch nicht abgestiegen war, eine Kampagne gegen den Manager losgetreten wurde, das war verrückt. In der Analyse ging es darum: Mit wem hat Hertha die besten Chancen, in die Bundesliga zurückzukehren? Ich habe immer kommuniziert, dass die Chancen mit Michael Preetz am besten waren. Das habe ich vor der Präsidiumswahl klar und offen gesagt. Und bei Hertha entscheiden die Mitglieder, was passiert. Ich bin froh, dass sie meinem Vorschlag gefolgt sind. Das Zwischenziel Aufstieg ist erreicht. Insofern: Bis zum heutigen Tag war es die richtige Entscheidung.

Die Außenwahrnehmung ist: Zweite Liga kann der Manager. Was macht Sie zuversichtlich, dass er auch erste Liga kann?

In der Rückschau verblassen manche Dinge. Beide Hertha-Mannschaften galten als absolut Bundesliga-tauglich. Ich erinnere Schlagzeilen vom „unnötigsten Bundesliga-Abstieg aller Zeiten“. Aber im Rückspiegel geht es immer nur um den, der Schuld hat: der Manager. Der Trainer. Der Präsident. Die Erfahrung aus diesen Abstiegen ist, wir müssen noch genauer arbeiten, loyaler miteinander umgehen, um zu versuchen, alle Unruhe von der Mannschaft fernzuhalten. Es ist ja abzusehen, dass wir kommende Saison in der Bundesliga nicht so viele Spiele gewinnen werden wie jetzt in der Zweiten Liga.

Wie beim Trainer läuft der Vertrag von Michael Preetz bis 2014. Wollen Sie den ebenfalls verlängern?

Lassen Sie sich überraschen.