Kaderverstärkung

Wie viel Bundesliga steckt eigentlich in dieser Hertha?

Für den Klassenerhalt soll es drei bis vier Zugänge geben

– Im Moment des Erfolgs schaute Jos Luhukay bereits nach vorn. Herthas Trainer hielt nach dem Sieg gegen Sandhausen (1:0), der die vorzeitige Rückkehr seiner Mannschaft in die Bundesliga bedeutete, einen Moment inne, und ließ dann einen Satz folgen, der eine ebenso banale Wahrheit beschreibt, wie er nachdenklich stimmt: „Ich weiß, dass die erste Liga noch etwas mehr von uns verlangt.“

Doch was ist dieses „etwas mehr“? Wie viel Bundesliga steckt schon in Hertha, und wo müssen die Zweifel darüber noch ausgeräumt werden, dass die Berliner den Fahrstuhl zwischen Ober- und Unterhaus des deutschen Fußballs verlassen können? Die Strukturen, die vielen Aufsteigern große Probleme bringen, sind erstklassig bei den Blau-Weißen und über Jahre erprobt. Die Nachwuchsarbeit ist vom Deutschen Fußballbund mit der höchsten Auszeichnung (drei Sterne) versehen worden. Zudem hat Herthas Heimstätte, das Olympiastadion, ebenso das Prädikat „erstklassig“ erhalten (fünf Sterne von der Uefa) und war nicht nur Austragungsort des WM-Endspiels 2006, dort wird darüber hinaus auch das Finale der Champions League 2015 gespielt.

Die Jungen auf dem Prüfstand

Die Mannschaft, die Hertha zurück in die Bundesliga geführt hat, verfügt über genügend Bundesligaerfahrung. Das zumindest lassen die Zahlen vermuten. 1442 Partien in der Bundesliga standen Herthas Profis auf dem Rasen. Die zweite Wahrheit dahinter aber lautet auch, dass drei Profis im Kader über die Hälfte der Erstliga-Erfahrung auf sich vereinen. Verteidiger Maik Franz (192 Bundesliga-Einsätze), Peer Kluge (218) und der Georgier Levan Kobiashvili (336), der im Juli bereits 36 Jahre alt wird. Dahinter ist der Kader der Berliner vornehmlich von jungen Gesichtern wie Innenverteidiger John Anthony Brooks (20/kein Bundesligaspiel), Nico Schulz (20/0), Alfredo Morales (22/8) und Fabian Holland (22/2) geprägt. Auf sie muss Hertha allein schon aus wirtschaftlichen Zwängen verstärkt setzen. Doch ihre Erstliga-Tauglichkeit müssen die Youngster erst noch beweisen. Besonders Brooks trauen viele den Durchbruch in der Bundesliga zu. Doch auch Schulz soll zu einer festen Größe aufgebaut werden. Aber Hertha verfügt auch über Akteure, die das Prädikat „Bundesliga-tauglich“ schon jetzt verdienen: Torwart Thomas Kraft zum Beispiel, die Abwehrspieler Fabian Lustenberger und Peter Pekarik sowie die Angreifer Adrian Ramos und Pierre-Michel Lasogga. Zudem bilden mit Kluge und Peter Niemeyer zwei Profis das Herz der Mannschaft, die ihre Tauglichkeit in der Vergangenheit bereits nachweisen konnten. Drei bis vier Zugänge sollen das Team dennoch verstärken.

Das größte Fragezeichen aber steht hinter der größten Überraschung dieser Zweitligasaison: Ronny. Der Brasilianer spielt eine beeindruckende Runde und ist an mehr als der Hälfte aller Hertha-Tore (29 von 56) direkt beteiligt. Ob seine Pässe und Dribblings aber auch gegen Kontrahenten mit dem Format eines Dante (FC Bayern) oder Mats Hummels (Borussia Dortmund) von Erfolg gekrönt sein werden, ist fraglich. „Ich traue ihm eine ähnlich dominante Rolle in der Bundesliga zu“, widersprach Luhukay allen Zweiflern, und der Verein verlängerte den Vertrag des 26-Jährigen um vier Jahre zu deutlich verbesserten Bezügen. Ronnys starke Leistungen in dieser Saison sind ein Versprechen für die Zukunft. Kann der Freistoßspezialist dieses in der kommenden Spielzeit halten, steigen Herthas Chancen auf einen Verbleib in Liga eins.

Die wenigsten Zweifel dürfte es beim Trainer geben. Dass Luhukay eine Mannschaft, die er zuvor in die Bundesliga geführt hat, dort auch etablieren kann, hat er mit dem FC Augsburg bewiesen, als er mit dem FCA in der Saison 2011/12 sensationell den Klassenerhalt schaffte. Doch auch er verfügt lediglich über die Erfahrung aus 56 Bundesligaspielen als Cheftrainer. Marcel Ndjeng, der bereits in Paderborn, Mönchengladbach und Augsburg mit dem Niederländer zusammenarbeitete, hat bei Luhukay eine Veränderung erkannt, seit dieser bei Hertha ist: „Er wirkt hier noch überzeugter als früher“, sagte der Mittelfeldspieler. Luhukay traut sich die schwere Aufgabe zu, Hertha mit wenig finanziellen Mitteln in der Bundesliga zu etablieren, sagt aber auch: „Wir müssen uns in allen Bereichen noch verbessern.“