Interview

„Es zählt einzig die Leistung, nicht das Geschlecht“

Frauenquote: DFB-Schiedsrichterchef Herbert Fandel über einen möglichen Bundesliga-Einsatz von Bibiana Steinhaus

Seit 2007 pfeift Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus (Hannover) in der Zweiten Liga. Bis zur Premiere in der Bundesliga muss sich die 34-Jährige aber noch gedulden, sagt Herbert Fandel, Vorsitzender der Schiedsrichterkommisson des Deutschen Fußball-Bund. Nach wochenlanger Kritik an den Unparteiischen sieht Fandel nun einen positiven Trend, wie er Morgenpost-Redakteur Lars Gartenschläger verriet.

Berliner Morgenpost:

Herr Fandel, in Bibiana Steinhaus pfeift eine Frau in der Zweiten Liga. Wann ist die Zeit reif für sie, auch in der Bundesliga Spiele zu leiten.

Herbert Fandel:

In dem Moment, wo sie stark genug ist. Es zählt einzig und allein die Leistung, nicht das Geschlecht. Ich sehe in ihr die beste Schiedsrichterin der Welt. Aber ich will verantwortungsvoll mit ihren Leistungen und ihr als Person umgehen.

Zumindest ist Steinhaus in der Ersten Liga immer öfter an der Seitenlinie zu sehen. Als es dort vermehrt Probleme zwischen den Trainern und den vierten Offiziellen gab, drängte sich der Eindruck auf, als würden Sie sie bewusst dort einsetzen.

Das mag durchaus sein. Ich überlege sehr genau, wen ich zu welchem Spiel schicke – zum Wohl aller Beteiligten. Die Ansetzungen für einen Spieltag können schon mal anderthalb Tage in Anspruch nehmen. Und was Bibiana Steinhaus betrifft: Sie ist eine sehr starke Persönlichkeit, eine tolle Frau und eine großartige Schiedsrichterin in der Zweiten Liga. Bibiana Steinhaus ist in der Lage, Dinge an der Seitenlinie zu moderieren. Und zwar nicht nur, weil sie eine Frau ist, sondern genug Persönlichkeit dazu hat.

Es gab oft Manager oder Präsidenten, die nach kritischen Spielen gesagt haben, dass sie einen Schiedsrichter künftig ablehnen werden. Berücksichtigen Sie das?

Nein, das interessiert mich nicht. Es gibt aber viele andere Faktoren für eine Ansetzung. Beispielsweise, wie wir die momentane Leistungsfähigkeit eines Schiedsrichters einschätzen oder welche Schwierigkeitsgrad eine Begegnung hat.

In dieser Saison gab es bislang so viel Kritik wie selten zuvor an den Schiedsrichtern. Sind sie zu schlecht?

Nein, absolut nicht. Ich finde, dass es in den vergangenen sieben, acht Wochen bedeutend ruhiger um sie geworden ist. Aber wir hatten eine Phase kurz nach der Winterpause, die recht unruhig verlief. Es gab einige strittige Entscheidungen, das stimmt. Es ist allerdings auch so, dass Schiedsrichterleistungen und scheinbare Fehler in der Öffentlichkeit viel schneller und massiver diskutiert werden, als das noch vor fünf, sechs Jahren der Fall war. Wir passen uns da einem Niveau an, das es in anderen Ländern längst gibt. Ob wir dem entgehen können, weiß ich nicht. Für uns als Verantwortliche steht aber fest, dass die Schiedsrichter in Deutschland auf einem sehr guten Niveau agieren und sicher nicht schlechter geworden sind.

Sie haben es angesprochen: Schiedsrichterfehler liefern nicht nur Schlagzeilen, sondern sind auch Gegenstand von heftigen Diskussionen in den sozialen Netzwerken.

Zwei Minuten nach einem Spiel können sie heute schon deutschlandweit oder aber auch in ganz Europa lesen, was bestimmte Menschen von Schiedsrichtern und deren Leistungen halten. Meistens sind es kritische Worte. Es wird viel geschimpft. Da hat sich neben dem medialen Druck etwas entwickelt, was es unseren Schiedsrichtern in der Spitze immer schwerer macht. Das sollten wir bei all den Gründen, die es für Kritik immer wieder gibt, nicht außer Acht lassen.

Damit die Schiedsrichter mehr Zeit haben, sich auf ihre Aufgaben zu konzentrieren, erhalten sie künftig neben dem üblichen Honorar für ein Spiel noch ein Grundgehalt. Das liegt zwischen 15.000 bis 40.000 Euro.

Seit 2010 forcieren wir die Professionalisierung, das stimmt. Ich habe immer betont, dass das notwendig ist, um unsere Schiedsrichter zu schützen und angemessen zu entlohnen. Wir benötigen professionelle Rahmenbedingungen für sie und müssen sie unabhängiger von ihren Berufen machen. Das heißt, wir müssen sie auch finanziell ein Stück weit versorgen, damit sie selbst entscheiden können, wie viel Zeit sie für den Beruf noch aufwenden und wie sie den Anforderungen des modernen Profifußballs gerecht werden können.

Spieler und Trainer haben sich oft über Schiedsrichter beschwert. Da war von Arroganz die Rede.

Gerade in Bezug auf den Umgang miteinander hat sich viel getan. Das Klima ist viel besser als noch vor wenigen Monaten. Da haben sich die Gespräche mit den Trainern ausgezahlt, in denen wir an das gegenseitige Verständnis appelliert haben. Es ist deutlich ruhiger an den Trainerbänken geworden. Was vielleicht auch daran liegt, dass wir bei der Wahl des vierten Offiziellen verstärkt auf erfahrene Schiedsrichter setzen.