Fußball

Hertha hat wieder ein Gespür für die jungenWilden

Trainer Luhukay integriert trotz Pflicht zum Aufstieg fünf Talente ins Profiteam. Der Klub profitiert sportlich und finanziell

Matchball am Sonntagmittag: Mit einem Sieg gegen den Abstiegskandidaten SV Sandhausen kann Hertha BSC im heimischen Olympiastadion den entscheidenden Schritt für die Rückkehr in die Bundesliga machen. Das war das erklärte Saisonziel aller Profis im Team, nun, am 30. Spieltag der Zweiten Liga, ist es soweit. Berlin freut sich auf die erste Liga – und einige Spieler können vor der Ostkurve ihren ganz persönlichen Aufstieg feiern.

Eine rasante Entwicklung, die sie sich während der vergangenen zehn Monate hart erarbeitet haben. Fußballer wie John Brooks (20) und Nico Schulz (20) haben sich vom Talent zur Stammkraft gemausert. Fabian Holland (22) ist auf 18 Einsätze gekommen, Alfredo Morales hat in der Rückrunde auf sich aufmerksam gemacht. Und Rohdiamant Hany Mukhtar (18) ist ebenfalls fest für die Bundesliga eingeplant. Neben dem Aufstieg ist genau dieser Schritt, die rasante Entwicklung von selbst ausgebildeten Nachwuchsspielern, die zweite Meisterleistung von Trainer Jos Luhukay.

Als am zweiten Spieltag nach der 1:3 beim FSV Frankfurt Brooks und Schulz direkt nach der Partie zur U21-Nationalelf gehen wollten, rannte ihnen Luhukay hinterher: „Das könnt ihr vergessen. Zurück in den Bus!“ Obwohl das vorher anders abgesprochen war, setzte der Trainer damit ein Signal. Die Mannschaft gewinnt zusammen. Und verliert zusammen. Von den jungen Spielern forderte der Trainer, die Zweite Liga als Chance zu begreifen. Als Möglichkeit, sich in das Team zu spielen. „Es darf ihnen nicht genügen, nur mit den Profis zu trainieren“, so Luhukay.

Angesprochen auf diese Szene zu Saisonbeginn, antwortet Nico Schulz: „In dem Moment habe ich das damals nicht verstanden. Aber wir haben das gleich besprochen. Der Trainer war ja nicht auf uns speziell sauer, sondern auf das gesamte Team.“ Aus heutiger Sicht wirkt diese Szene weit weg. Bei der Rekordsaison, die Hertha mittlerweile hingelegt hat. Aber sie steht symbolisch für Luhukays Ziel, der Integration der Jungen. Das ist sportlich wichtig. Aber auch finanziell interessant, weil da Werte für die Zukunft entwickelt werden.

So wie Brooks. Der Deutsch-Amerikaner ist aus dem Abwehrzentrum nicht mehr wegzudenken und steht auch gegen Sandhausen in der Startelf. Brooks spielte erstmals kontinuierlich. Erstaunlich dabei: In 24 Einsätzen hat der Manndecker keine Gelbe Karte kassiert. Dabei ist es gerade ein Jahr her, als Manager Michael Preetz die mangelnde Fitness bei Brooks kritisierte hatte. Heute sagt Preetz: : „John hat hart gearbeitet und verstanden, worum es im Profifußball geht.“ Wenn Brooks seine Entwicklung beschreiben soll, benutzt er häufig das Wort „super“. Und rasend schnell sei die Zeit in dieser Saison vergangen.

Doch nicht nur die Nachwuchskräfte, die länger dabei sind, bekommen ihre Möglichkeiten. Mukhtar, der direkt von der B-Jugend als 17-Jähriger in die Profi-Saison ging, hat mitterweile sieben Mal Zweite Liga gespielt. nach der Vertragsverlängerung mit Regisseur Ronny auf die Verpflichtung eines Backups für den Brasilianer angesprochen, verwies Luhukay bereits auf den Teenager Mukhtar.

Luhukay hat ein Rezept für die Einbindung des Nachwuchses. Das heißt Gleichbehandlung. Einen Bonus für die Jungen gibt es nicht.. „Das hat man gleich im ersten Spiel gesehen“, sagt Nico Schulz. „Man muss hundert Prozent geben, dann bekommt man seine Chance.“

Das gilt auch für Holland. Der war in der Hinrunde als Linksverteidiger gesetzt, hat aber in der Rückrunde darum zu kämpfen, berücksichtigt zu werden. Beim 1:1 gegen Ingolstadt durfte Holland sich über 90 Minuten beweisen. Für Schulz macht das eine Besonderheit von Luhukay aus. „Wenn man mal nicht spielt oder wie ich Ende des letzten Jahres verletzt ist, kommt der Trainer und sagt, dass man nah bei der Mannschaft bleiben soll. Irgendwann werde sich die Chance ergeben. Für mich kam sie überraschend Ende Februar gegen Kaiserslautern.“ Beim 1:0 gegen den Aufstiegskonkurrenten durfte der Youngster an Stelle der erfahreneren Änis Ben-Hatira oder Marvin Knoll spielen.

Knoll (23) konnte nicht wie gewünscht auf sich aufmerksam machen. Sein Vertrag läuft zum Saisonende aus. Dass wenig positive Akzente und ein auslaufender Vertrag nicht automatisch ein Ende der Zeit bei Hertha bedeuten, beweist im Gegenzug der defensive Mittelfeldspieler Alfredo Morales, der sich erst in der Rückrunde zeigte. Für Kapitän Peter Niemeyer ein Musterbeispiel: „Alfredo steht sinnbildlich für die Jungen, die schon länger dabei sind. Dieses Jahr bekommen sie die Kurve.“ Aktuell verhandeln Hertha und Morales über einen neuen Vertrag.

Klar, nicht alle Eigengewächse kommen durch. Marco Djuricin wurde an den Liga-Letzten Regensburg ausgeliehen. Fanol Perdedaj an den dänischen Zweitligisten Lyngby BK. Schwer vorstellbar, dass diese Spieler (zu denen auch Daniel Beichler/Sandhausen gehört) in Herthas Bundesliga-Kader 2013/14 stehen werden.

Dagegen verdeutlicht nichts den Entwicklungssprung von Spielern wie Brooks, Holland oder Morales so sehr wie das Fazit von Nico Schulz: „Ich mag es nicht, als Jugendspieler behandelt zu werden. Irgendwann möchte man als normaler Profi wahrgenommen werden. Und das ist das Positive an Jos Luhukay. Er macht das genau so.“