Boxen

Millionen-Poker um Wladimir Klitschko

Weil der Weltverband eine Versteigerung des Kampfes gegen Povetkin ansetzte, droht dem Champion nun eine Premiere in der ARD

Auf den Hängen des Wilden Kaisers liegt der Schnee noch meterhoch. Im Tal, wo sich das Nobelhotel „Stanglwirt“ in die Ausläufer des Gebirgsmassivs der Kitzbüheler Alpen schmiegt, ist jedoch der Frühling eingezogen, die Sonne wärmt die Erholungssuchenden. Wladimir Klitschko gehört zwar nicht in diese Kategorie, er ist zum Arbeiten hier. Doch auch der Dreifach-Boxweltmeister im Schwergewicht, der sich in Tirol auf seine für den 4. Mai geplante Titelverteidigung gegen den Deutsch-Italiener Francesco Pianeta vom Magdeburger SES-Stall vorbereitet, genießt die Ruhe, die er hier hat, um sich ganz auf die anstehende Aufgabe zu konzentrieren.

Und doch gibt es in diesen Tagen etwas, das den 37 Jahre alten Ukrainer und vor allem seinen Manager Bernd Bönte stört. Der Weltverband World Boxing Association (WBA), der Klitschko als Superchampion führt, hatte am vergangenen Wochenende angeordnet, dass Klitschkos Pflichtverteidigung gegen den Russen Alexander Povetkin vom Berliner Sauerland-Team am 23. April in Panama-Stadt versteigert werden soll. Diese „Purse Bid“ genannten Kampfversteigerungen werden immer dann angesetzt, wenn die beteiligten Parteien sich nicht bis zu einer vom Verband festgelegten Frist auf die Kampfmodalitäten einigen können.

Verzicht auf einen Protest

„Ich kann nicht verstehen, dass ein Weltverband die Versteigerung eines Duells zweier Kämpfer ansetzt, die beide noch Kämpfe zu bestreiten haben. Man hätte sie bequem zwei Wochen später ansetzen können. So erweckt die WBA den Eindruck, dass Wladimir den Kampf gegen Pianeta schon gewonnen hat, und das ist schlecht für das Image des Boxens“, sagte Bönte. Einen Protest wolle man sich trotzdem ersparen.

Im Sauerland-Lager, für das der Technische Direktor Hagen Doering nach Mittelamerika reisen wird, kann man die Bedenken gegen den frühen Versteigerungstermin zwar grundsätzlich verstehen, zumal auch Povetkin voraussichtlich am 17. Mai einen Aufbaukampf bestreiten soll, weil er seit September 2012 nicht mehr im Ring gestanden hat. „Aber das Problem ist doch überhaupt erst dadurch entstanden, dass das Klitschko-Lager viel zu spät den Antrag auf eine freiwillige Titelverteidigung gestellt hat“, sagt Sauerland-Geschäftsführer Chris Meyer. Die Frist für die Pflichtverteidigung des WBA-Titels sei, nachdem Klitschko diesen im Juli 2011 durch den Sieg gegen den damaligen WBA-Champion David Haye (England) gewonnen hatte, auf zwei Jahre festgelegt worden. Dass der Verband überhaupt eine erneute freiwillige Verteidigung genehmigt habe, sei der Kulanz genug. „Und wir sind sogar bereit, die Frist für den Povetkin-Kampf, die die WBA bis Ende August gesetzt hat, bis zum 15. September auszudehnen“, sagte Meyer.

Die Schärfe, mit der die Diskussion in beiden Lagern geführt wird, erklärt sich aus der Historie dieses Duells, das bereits zweimal angesetzt war. Tatsächlich hatte Povetkin es beide Male platzen lassen, einmal wegen einer beim Waldlauf erlittenen Fußverletzung, das andere Mal auf Anraten seines damaligen Trainers Teddy Atlas, der ihn nicht in der nötigen Verfassung wähnte, um Klitschko gefährden zu können. Beide Male war der Kampf in die Versteigerung gegangen. Alle Gebote werden gesammelt, der Bieter mit dem höchsten Gebot ersteigert alle Rechte, muss aber, ausgehend von der gebotenen Summe, auch alle Kosten des gegnerischen Lagers inklusive Kampfbörse, Reise- und Hotelrechnungen tragen. 2008 gewann das Klitschko-Lager mit einem Gebot von rund 13 Millionen Dollar, zwei Jahre später reichten rund acht Millionen Dollar zum Sieg.

Sollte das Klitschko-Lager das „Purse Bid“ in der kommenden Woche verlieren, würde der Ukrainer trotz des bestehenden Exklusivvertrags mit RTL bei Sauerlands Haussender ARD boxen müssen, da der Gewinner auch die TV-Vermarktungsrechte erhält. „So sind die Regeln, wir würden das akzeptieren, aber natürlich wünschen wir uns diesen Fall nicht“, sagte RTL-Sprecher Matthias Bolhöfer. Um als Boxsender akzeptiert zu werden, braucht RTL eine gewisse Regelmäßigkeit in der Übertragung von Klitschko-Kämpfen. Fällt der Povetkin-Kampf an die ARD, wäre diese unterbrochen, vor allem aber die Exklusivität angekratzt. Bönte bekräftigte, dass man gemeinsam mit RTL alles tun werde, das Duell auszurichten. „Wir werden wieder eine ordentliche Summe bieten“, sagte er. „Wenn Sauerland den Kampf will, dann müssten sie sich sehr strecken, immerhin kassiert Wladimir 75 Prozent der Börse.“ Bei WBA-Pflichtverteidigungen wird die in der Versteigerung gebotene Gesamtsumme in der Regel im Verhältnis 75:25 zugunsten des Weltmeisters aufgeteilt.

Die ARD und Sauerland wiederum haben das Problem, dass ihnen zuletzt die Hauptkämpfer ausgingen, um die im bis Ende 2014 laufenden Vertrag festgeschriebenen acht bis zehn Kampfabende pro Jahr bestücken zu können. Nach den verletzungsbedingten Ausfällen von Cruisergewichts-Weltmeister Yoan Pablo Hernandez und Schwergewichtshoffnung Robert Helenius wäre ein Klitschko-Kampf im Ersten ein dringend benötigter Quotenbringer. Unterstützung für die Versteigerung ist aus Russland zu erwarten, wo potente Povetkin-Sponsoren großes Interesse daran signalisiert haben, den Kampf in Moskau auszutragen. „Es wird spannend am 23. April in Panama“, verspricht Meyer.