Motorsport

Alonso meldet sich zurück

Spanier fährt in Shanghai zum Sieg. Weltmeister Vettel wird Vierter und hadert mit den Reifen

Fernando Alonso ist etwas aus der Übung gekommen. Fast neun Monate lang wurde auf keinem Formel-1-Treppchen mehr die spanische Nationalhymne gespielt. In China lauschte der Mann aus Oviedo den ersten Tönen daher mit genüsslich geschlossenen Augen, bevor ihm die Mütze auf seinem Kopf einfiel. Hektisch korrigierte er das Missgeschick. Das Champagnerspritzen hat Alonso hingegen nicht verlernt: Mit kindlicher Freude durchnässte er den zweitplatzierten Kimi Räikkönen, auch der Dritte Lewis Hamilton bekam reichlich Brause ins Gesicht. Der Mann, der zuletzt dafür gesorgt hatte, dass permanent die deutsche Hymne gespielt wurde, war zu dem Zeitpunkt bereits auf dem Weg unter die Dusche.

Ferrari im Aufwind

Nach 28 Runden hatte Sebastian Vettel einen Funkspruch erhalten wie wohl noch nie in seiner Karriere. „Verschwende keine Zeit damit, gegen Alonso zu kämpfen“, befahl ihm Renningenieur Guillaume Rocquelin: „Es ist aussichtslos.“ Anders als in Malaysia hielt sich der dreimalige Weltmeister an die Anweisung vom Kommandostand; ihm blieb auch gar nichts anderes übrig. Wie ein Lamborghini auf Shanghais Straßen an einem rostigen Mofa zog der Spanier an seinem Red-Bull-Rivalen vorbei und feierte nach mittelmäßigem Saisonstart seine Wiederauferstehung. „Nach Malaysia standen wir unter Druck, wieder ein Rennen zu beenden“, sagte der Ferrari-Pilot: „Ich denke, wir haben mehr Potenzial als 2012.“

Bei Red Bull dürfen sie das getrost als Drohung verstehen, denn selbst 2012 hatte es eines maximalen Kraftaktes bedurft, um den Spanier in die Knie zu zwingen. Bei den Österreichern waren sie nach der magersten Team-Ausbeute in dieser Saison hin- und hergerissen. Einerseits hatte Vettel von Startplatz neun aus fünf Ränge gutgemacht. Andererseits war Stallgefährte Mark Webber nach einer bemerkenswerten Verkettung von Missgeschicken ausgeschieden; das rechte Hinterrad war nach seinem zweiten Boxenstopp nicht richtig befestigt worden und hatte sich kurz darauf verselbstständigt. Es passte zum rabenschwarzen Wochenende des Australiers, der sich mehr und mehr alleingelassen fühlt bei seinem Arbeitgeber.

Mit Blick auf den Gewinner des internen Machtkampfes sagte Motorsport-Direktor Helmut Marko, dass auch Rang zwei möglich gewesen wäre für Vettel: „Doch dafür hing er zu lange hinter Nico Hülkenberg fest.“ Der Sauber-Pilot führte sogar einige Runden, sicherte am Ende als Zehnter immerhin einen Zähler und meinte: „Es war ein Rennen mit gemischten Gefühlen. Wenn man die Führung hat oder Zweiter ist, hofft man verständlicherweise auf mehr.“ Bei Vettel selbst war die Emotionslage eindeutiger. „Der Speed ist da, damit können wir zufrieden sein.“ Im selben Atemzug aber kritisierte er die Reifen. „Im Moment hat die Formel 1 nicht viel mit Rennfahren zu tun.“ Vor allem die weichen Gummimischungen hatten auf dem heißen Asphalt sehr schnell abgebaut und für ein unübersichtliches Rennen gesorgt. Abgesehen von Alonsos Parforceritt sahen die 100.000 Zuschauer kaum direkte Überholmanöver.

Der Große Preis von China mutierte zu einem Wettstreit der Garagen-Crews. Zumindest bei Vettel machte das Red-Bull-Team einen sehr guten Job, unter anderem den wehrhaften Hülkenberg überholte er in der Boxengasse. Auf der Strecke lief es allerdings längst nicht so problemfrei für den Seriensieger der vergangenen Jahre. „Einige Teams haben besser mit den Reifen haushalten können“, meinte Vettel: „Es ist keine Überraschung: Auf uns wartet viel Arbeit.“

Das steht auch Mercedes bevor, gleichwohl die Reifen bei den Schwaben etwas länger hielten. Dennoch war die Stimmung im Motorhome mit den mintgrünen Farben gedämpft. Nach einem verheißungsvollen Qualifying mit den Startplätzen eins für Hamilton und vier für Nico Rosberg lief im Rennen wenig nach Plan. Zwar behielt Teamchef Ross Brawn recht mit seiner Ankündigung, dass es nach fünf Runden eng werden könnte in der Boxengasse. Fast alle Fahrer tauschten zu diesem frühen Zeitpunkt erstmals ihre Reifen, Hamilton und Rosberg gelang sogar das seltene Kunststück eines Doppelwechsels: Als der Brite vorn wieder herausgerollt war, drängte von hinten schon Rosberg in die Mechanikertraube. Doch gemessen am Vorjahr, als dem gebürtigen Wiesbadener ein beeindruckender Start-Ziel-Sieg gelungen war, verlief der Grand Prix für Mercedes ernüchternd.

Zweiter Ausfall für Rosberg

Rosberg wurde in aussichtsreicher Position ausgebremst von einem gebrochenen Stabilisator am Wagenheck, es war bereits sein zweiter Ausfall in dieser Saison. „Das war schade, denn es sah eigentlich gut aus“, meinte er frustriert. Der Rückstand auf die Spitzenfahrer sei nun schon so groß, dass es „immer schwieriger wird, die Jungs da vorn einzuholen.“ Damit meint der 27-Jährige wohl auch seinen Stallgefährten, der Mercedes zum ersten Mal seit dem Wiedereinstieg in die Formel vor gut drei Jahren zwei Podestplätze in Folge bescherte. „Ich bin sehr glücklich über das heutige Resultat. Das ist ein großartiges Ergebnis für das Team, und ich freue mich sehr über die Punkte.“ Sein Blick verriet allerdings, dass auch er sich mehr versprochen hatte.

Dafür fehlte dem Silberpfeil jedoch das Tempo von Lotus und vor allem Ferrari. Sowohl Alonso als auch der miserabel gestartete und später von Sergio Perez (McLaren) blockierte Räikkönen zogen mühelos am Weltmeister von 2008 vorbei.