Motorsport

Vettel greift Webber nun auch mit Worten an

Stallorder hätte der Australier nicht verdient: „Ich habe nie Unterstützung von ihm bekommen“

Sebastian Vettel ist beileibe nicht nur der nette Blondschopf von nebenan. Der Formel-1-Weltmeister ist darüber hinaus ein mit allen Wassern gewaschener Profi. Und entsprechend selbstbewusst trat er zur Aufarbeitung der „Malaysia-Affäre“ an. Zehn Kamerateams und rund 50 Journalisten belagerten das Motorhome von Red Bull an der Rennstrecke von Shanghai, wo am Sonntag das dritte Saisonrennen stattfindet. Alle wollten Vettels Version hören, und der Champion sprach Klartext wie lange nicht mehr. Von Reue keine Spur, er startete durch zur verbalen Attacke gegen seinen Teamkollegen Mark Webber, der entgegen der Weisungen aus der Box überholt hatte.

„Ich habe den Funkspruch nicht verstanden. Hätte ich ihn verstanden, hätte ich darüber nachgedacht, die Positionen zu halten. Aber ich hätte wohl wieder so gehandelt, weil Mark es wegen Vorkommnissen in der Vergangenheit nicht verdient hat, dass ich als Zweiter durch das Ziel fahre“, sagte der Heppenheimer vor dem Großen Preis von China (Sonntag 9 Uhr/RTL und Sky), „ich habe nie Unterstützung von ihm bekommen.“ Warum er bei einer nicht zu verstehenden Nachricht nicht über den Bordfunk nachgefragt habe, beantwortete Vettel nicht.

Webber dagegen bekam vom „Monster“, wie das britische Magazin Autosport nach den Vorkommnissen beim letzten Rennen den Deutschen nannte, die volle Breitseite. Im Wissen um seine uneingeschränkte Hausmacht bei den Bullen legte der dreimalige Champion nach. „Fakt ist: Ich fahre Rennen, war schneller als er und habe ihn überholt“, sagte Vettel, „ich entschuldige mich nicht dafür, das Rennen gewonnen zu haben. Ich sehe mich nicht als Bad Boy.“ Das Verhältnis zu Webber beschrieb Vettel als „professionelle Beziehung, aber ohne Vertrauen“. Wenn man seine Aktion als Retourkutsche interpretieren wolle, „kann man das machen“. Unter anderem spielte Vettel auf das Saisonfinale im vergangenen Jahr in Brasilien an, als ihn ein Manöver Webbers den Titel hätte kosten können.

In Malaysia hatte Vettel eine Teamorder missachtet und war an dem in Führung liegenden Webber vorbeigezogen. Red Bull hatte wegen des daraus resultierenden Zoffs unter der Woche verkündet, in Zukunft wegen der Vorfälle auf eine Stallorder zu verzichten – damit Vettel die Absolution erteilt und im Nachhinein gezeigt, dass die gespielte Entrüstung in Sepang Makulatur war. Vettel gab jedenfalls Einblicke ins Seelenleben des Teams. Auch wenn er nicht von einem offenen Krieg sprechen wollte, war Vettel sogar ein wenig stolz auf seine Aktion. Weil man „als Sportler ja in diesen Tunnel kommen will, wenn alle Dinge wie von alleine passieren“. Ex-Formel-1-Pilot Marc Surer pflichtete ihm bei: „Nette Fahrer werden nicht Weltmeister.“ Bleibt abzuwarten, ob sich Mark Webber bei passender Gelegenheit mal als nicht nett zeigen wird.

Vettel war es wichtig zu bestätigen, sich nicht absichtlich über die Order des Teams hinweggesetzt zu haben. „Dafür habe ich mich entschuldigt. Aber ehrlich gesagt, haben die Leute nicht verstanden, wofür ich mich entschuldige“. Nach der Saison wird Vettel einen neuen Kollegen bekommen. Der könnte laut Gerüchten aus der Boxengasse Kimi Räikkönen (derzeit Lotus) heißen.