Königsklasse

Hoeneß fixiert sich auf Dortmund

Vor der Halbfinal-Auslosung der Champions League haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur

Man kann Ruud van Nistelrooy sicherlich einiges nachsagen. Dass er in den gegnerischen Abwehrreihen durch seine zahlreichen Treffer nicht gerade übermäßig viele Freunde gefunden hat. Auch dass der Stürmer immer dann zur Stelle war, wenn man es am wenigsten vermutete. Eines war der ehemalige niederländische Nationalspieler jedoch meistens: ein fairer Sportsmann. Wenn heute Mittag in Nyon/Schweiz die Halbfinalpaarungen von Champions League ausgelost werden (12 Uhr, Sky und Eurosport), wird ganz Fußball-Europa van Nistelrooy allerdings genau auf die Finger schauen.

Mit Bayern München und Borussia Dortmund stehen zwei deutsche, mit Real Madrid und dem FC Barcelona zwei spanische Klubs im Halbfinale der Königsklasse. Das klingt nach zwei deutsch-spanischen Duellen um die Vorherrschaft im kontinentalen Fußball. Und nach der Chance, erstmals in der Geschichte des Wettbewerbs zwei Bundesligisten im Endspiel gegenüberstehen zu sehen. Doch es ist kein Geheimnis, dass der europäische Fußballverband Uefa kein großer Freund derartiger Konstellationen ist.

Schaut man nun zurück auf die Auslosungen der vorangegangenen Runden, könnte man flugs vermuten, die Uefa könnte mit allen Mitteln versuchen, die beiden deutschen Klubs in ein Halbfinale zu bekommen, und damit auch die beiden spanischen.

Wenn es um den wichtigsten Wettbewerb im europäischen Fußball geht, haben Verschwörungstheorien bei der Auslosung dieses Jahr Hochkonjunktur. Ob Achtel- oder Viertelfinale – irgendeinen Beigeschmack gab es immer. Und dabei geht es nicht mehr nur um den Vorwurf, die Kugeln, in denen die Zettelchen mit den Namen der qualifizierten Vereine liegen, seien angewärmt.

Vorwürfe an die Uefa

Von magnetischen Loskugeln, die auf einen Metallring am Finger der „Glücksfee“ reagieren, ist inzwischen die Rede. Der ehemalige türkische Schiedsrichter Ahmet Cakar erhob jedenfalls nach Ziehung der Viertelfinals durch den früheren englischen Profi Steve McManaman schwere Manipulationsvorwürfe an die Uefa. Der Verband habe ein Aufeinandertreffen der großen Vereine um jeden Preis verhindern wollen. „Damit ist ein hochklassiges Halbfinale gesichert“, so Cakar. Das Kuriose an den Vorwürfen ist: Cakar wiederholte im türkischen Fernsehen die Auslosung der Europa-League-Viertelfinals – und kam auf die Paarungen, die auch bei der Auslosung in Nyon zustande gekommen waren. In der exakt gleichen Reihenfolge, Klub für Klub. Schon nach der Ziehung der Achtelfinalpaarungen gab es Irritationen, als die Grafik einer Probeziehung auftauchte, die vollkommen identisch gewesen ist wie die spätere offizielle Auslosung. Die Uefa sprach seinerzeit von Zufall. Findige Köpfe sehen die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Zufall jedoch bei 1:231,8 Millionen.

Ob Manipulation oder nicht – in München hätte man nichts gegen ein deutsches Duell. „Ich will Dortmund haben. Erst in Dortmund, dann in München. Ich glaube, sie sind schlagbar. Schlagbarer als die Spanier“, sagte Bayern Münchens Präsident Uli Hoeneß auf dem Bankett nach dem 2:0 bei Juventus Turin. Am Tisch der Bosse herrschte die Meinung: „Dortmund wäre schön.“ Hoeneß: „Wir wollen ins Endspiel, und Dortmund wäre der Gegner, bei dem wir am meisten Chancen haben. Meinen Sie, dass Dortmund besser ist als Real oder Barcelona? Ich glaube nicht.“

Vor einem halben Jahr hätten die Bayern wohl lieber gegen zwei Teams gleichzeitig als gegen Dortmund gespielt. Fünf Niederlagen in Folge, die Borussia war ein Angstgegner. Nach einem Remis und zwei Siegen sind sie nun sehr zuversichtlich, dass sie die Westfalen auch in zwei Partien bezwingen würden. Hoeneß’ Motto: Über Dortmund ins Finale nach Wembley.

Hans-Joachim Watzke, Dortmunds Geschäftsführer, nahm die Kampfansage gelassen auf. „Ich bin da offenbar romantischer veranlagt. Für mich liegt der Reiz des Europapokals auch darin, internationale Partien zu spielen. Darum würde ich mich über zwei deutsch-spanische Duelle mehr freuen als über ein Halbfinale gegen die Bayern.“ Sollte es allerdings ein deutsches Duell geben, werde er auch das mit Freude annehmen: „Die vergangenen Jahre haben ja gezeigt, dass wir gegen die Münchner durchaus das ein oder andere Spiel gewinnen können. Da sollte sich Uli Hoeneß also nicht zu sicher fühlen.“

Auch Jürgen Klopp nahm das Geklapper aus München nicht sonderlich Ernst: „Da wir ja mittlerweile Wunschgegner sind, hab ich mir gedacht: Egal, wer der Gegner ist, wir wollen versuchen weiterzukommen. Auch wenn das von anderen Leuten offenbar anders gesehen wird.“ Er sei sogar „einigermaßen dankbar, wenn mir gewisse Vorlagen gegeben werden“. Vor der Viertelfinalniederlage im DFB-Pokal sei das nicht so gewesen, „da war es einigermaßen ruhig“. Anscheinend habe das Ergebnis den Bayern „den Respekt vor uns genommen“.

Respekt vor den Bayern klingt vor allem bei den internationalen Medien durch. In Italien titelte Corriere della Sera: „Bayern ist die perfekte Mannschaft.“ Die Gazetta dello Sport meinte: „Ciao Juve, Italien ist kaputt!“ Und in Spanien schrieb As: „Bayern ist das Schreckgespenst im Halbfinale.“

Robben will spanischen Gegner

Barcelona und Madrid sind bereits zum dritten Mal gemeinsam für die Runde der letzten Vier qualifiziert. Wird der Europapokal der Landesmeister mitgerechnet, gehört der FC Bayern zum 15. Mal zu den Halbfinalisten, neunmal schaffte er es ins Finale. In der Rangliste des Weltverbandes Fifa liegt Spanien vor Deutschland auf Platz eins. „Dass zwei deutsche Klubs im Halbfinale stehen, spricht für die Entwicklung bei uns. Das ist super für Deutschland“, sagte Kapitän Philipp Lahm. Arjen Robben hofft auf eine spanische Mannschaft im Halbfinale. „Das finde ich in der Champions League besser als ein deutsches Duell.“

Hoeneß findet, Barcelona habe etwas von seinem Nimbus verloren. Lahm sieht die Katalanen „immer noch als den Favoriten“. Seine Mannschaft sei in den vergangenen Jahren enorm gereift und habe in Turin bewiesen, dass sie auch in einem Stadion mit hitziger Stimmung bestehen kann. Ruud van Nistelrooy wird die Bayern heute wissen lassen, welcher Hexenkessel im Halbfinale auf sie wartet.