Marco Reus

„Der unangenehmste Gegner sind wir“

Dortmunds Nationalspieler Marco Reus über die Favoriten in der Champions League und die Erfolgsaussichten der Borussia

Marco Reus hat die Champions League schon mehrere Male durchgespielt – allerdings nur auf der Playstation. Die Tatsache, dass der 22-Jährige mit Borussia Dortmund nun gleich in seiner ersten Saison heute im Halbfinal-Rückspiel gegen den FC Malaga aus Spanien (20.45 Uhr, Sky) in die Vorschlussrunde der Königsklasse einziehen kann, kommt ihm vor wie ein Traum. Im Hinspiel in der vergangenen Woche dominierten die Dortmunder zwar das Spiel, allein das Toreschießen misslang. Nach dem 0:0 warnt Reus im Gespräch mit Oliver Müller vor den Spaniern.

Berliner Morgenpost:

Steht Borussia Dortmund schon mit einem Bein im Halbfinale?

Marco Reus:

Wir haben eine gute Ausgangsposition, aber es wartet noch ein schweres Spiel auf uns. Malaga hat enorme Qualität. Sie haben in der Vorrunde den AC Mailand hinter sich gelassen und im Achtelfinale den FC Porto ausgeschaltet. Außerdem werden Champions-League-Spiele auf dem Niveau oft durch Kleinigkeiten entscheiden.

Könnte die Rolle des Favoriten, die Sie erstmals in dieser Champions-League-Saison innehaben, zu einer Bürde werden?

Nein. Ich weiß auch nicht, ob wir Favorit sind. Wir haben die Gruppenphase der Champions League gut überstanden, ordentliche Spiele gezeigt. Daraus haben wir viel Selbstbewusstsein gezogen. Das war schon im Achtelfinale gegen Schachtjor Donezk zu sehen. Wenn wir aber so spielen, wie wir bisher in der Champions League gespielt haben und vielleicht noch eine kleine Schippe drauflegen, sind wir schwer zu besiegen.

Es ist Ihre erste Saison in der Champions League. Wie fühlt es sich denn an?

Es ist wirklich wie ein Traum. Ich habe früher immer Champions-League-Spiele auf der Playstation gespielt, und plötzlich spiele ich selbst in diesem Wettbewerb. Bei meinen ersten Match war ich schon richtig aufgeregt. Bei mir kam ja noch hinzu, dass es meine erste Saison in Dortmund ist. Da weißt du zu Beginn noch nicht so richtig, wie es läuft, musst dich erst eingewöhnen. Und die Mannschaft musste sich an mich gewöhnen. Das brauchte einige Spiele, ist aber ganz gut gelungen. Und in der Folge konnten wir uns dann kontinuierlich steigern und auch in der Champions League an Sicherheit gewinnen. Aber es ist immer noch sehr aufregend, in der Königsklasse zu spielen. Das spüre ich spätestens, wenn ich ins Stadion einlaufe und die Hymne höre. Die Atmosphäre ist eine ganz besondere.

In Malaga, Barcelona und Madrid sind noch drei spanische Mannschaften dabei, die Deutschen stellen mit Bayern und Dortmund das zweitstärkste Kontingent. Ist die spanische Liga die stärkste Liga in Europa?

Ich glaube, dass die englische Premier League immer noch einen Tick stärker ist. Auch wenn es diesmal keine englische Mannschaft in die Runde der letzten acht Teams geschafft hat. Aber das wird sich auch wieder ändern. Die spanische Liga ist sehr stark, doch die Bundesliga hat aufgeholt. In Spanien gibt es in Barcelona, Real, Valencia und auch Malaga richtig gute Teams in der Spitze. Aber danach ist das Niveau nicht mehr so hoch. Die Bundesliga ist ausgeglichener. Das macht sie ja auch so spannend.

Welcher Viertelfinalist spielt den besten Fußball?

Barcelona spielt unverändert einen richtig guten Fußball. Das wurde beispielsweise im Rückspiel des Achtelfinals gegen den AC Mailand deutlich. Jeder Fußballspieler weiß, wie schwierig es ist, gegen elf Verteidiger zu spielen, die sich rund um den eigenen Strafraum aufstellen und die Räume eng machen. Eine Spitzenmannschaft wie Barcelona ist dann trotzdem in der Lage, viele Räume zu schaffen. Deshalb ist Barcelona auch der Topfavorit auf den Gewinn der Champions League.

Welche Mannschaft ist denn am unangenehmsten?

Wir. Wir spielen attraktiv und offensiv, sind aber für jeden Konkurrenten unangenehm zu spielen. Wir spielen nach vorn, starten schnelle Angriffe, stehen aber auch sehr kompakt und arbeiten konsequent gegen den Ball. Mit dieser Philosophie haben wir in der laufenden Champions-League-Saison noch keine Partie verloren. Das sagt schon viel aus. Darauf sind wir stolz. Aber wir haben noch nichts erreicht und wollen noch mehr.

Welche Mannschaft hat das zweitbeste Mittelfeld?

(lacht) Also nach uns?

Wir dachten: nach dem FC Barcelona?

Das ist wirklich schwer zu sagen. Alle Mannschaften sind gut besetzt, auch der FC Malaga hat eine große Qualität im Mittelfeld mit guten Spielern wie Jeremy Toulalon und Isco. Der FC Barcelona und Real Madrid sowieso. Aber wir müssen uns nicht verstecken. Was die Spielstärke angeht, sind die Unterschiede nicht groß.

In Ilkay Gündogan, Mario Götze, Nuri Sahin, Sven Bender, Sebastian Kehl, Jakub Blaszczykowski und Ihnen gibt es im Dortmunder Mittelfeld reichlich Potenzial. Wen würden Sie denn aufstellen, wenn Sie der Trainer von Borussia Dortmund wären?

Wenn ich Playstation spiele, wähle ich uns als Mannschaft bewusst nicht aus. Weil ich einfach niemanden bei der Aufstellung benachteiligen möchte. Das wäre mir unangenehm, selbst wenn es meine Mannschaftskollegen nicht mitbekommen würden. Es ist brutal schwer zu entscheiden: Dieser Spieler spielt - der nicht. Für Trainer Jürgen Klopp ist es nicht einfach. Aber für uns als Mannschaft und auch für uns als Spieler ist es gut, weil wir uns durch die hohe Qualität der Mitspieler gegenseitig zu noch besseren Leistungen pushen können. Außerdem macht es riesig Spaß, in einer starken Mannschaft zu spielen.

Ist das wirklich nur positiver Druck oder auch eine psychische Belastung? Niemand darf sich bei einer solch großen Konkurrenz viele Fehler erlauben.

Manche empfinden das vielleicht so, ich eher nicht. Ich bin jemand, der einfach Freude am Spiel hat. Ich setzte mich auch nicht unter Druck, wenn ich mal ein schlechtes Spiel gemacht habe. Das kommt halt vor. Ich versuche trotzdem, jeden Tag besser zu werden, meine Schwächen auszumerzen und meine Stärken noch weiter zu verbessern.

Kann es der BVB bis ins Endspiel am 25. Mai im Wembley-Stadion schaffen?

Es bringt doch nichts, nur über das Finale zu reden. Wir wollen jedes Spiel so angehen, dass wir es gewinnen, und wir wollen möglichst weit kommen. Aber zunächst wollen wir ins Halbfinale.

Bayern München ist seit dem vergangenen Wochenende Deutscher Meister. Ärgert es Sie, dass sich der BVB diese Saison so früh aus dem Titelrennen verabschiedet hat?

Wir haben einfach zu viele Punkte liegen gelassen. Wir haben viele Spiele nicht gewonnen, die wir hätten gewinnen müssen. Wir sind zwar immer noch Zweiter, haben immer noch guten Fußball gespielt. Trotzdem ärgert es uns, dass wir den Titel nicht verteidigen konnten. Auch wenn es nichts bringt, sich darüber zu ärgern. Wir müssen den Bayern zu einer sehr guten Saison und zur Meisterschaft gratulieren. Das machen wir ohne Neid sehr gern.