Eishockey

Nerven eines Champions

Zum vierten Mal in Folge gewinnen die Eisbären mit 3:2 und zeigen mentale Stärke. Heute folgt das zweite Spiel gegen Krefeld

Die beiden waren sich einig: Krefeld hätte dieses Spiel im ersten Drittel gewinnen können. Weil es aber mit der Chancenverwertung nicht gut klappte, verlor Krefeld diese Partie im zweiten Drittel. Über das dritte Drittel dieses ersten Kräftemessens im Halbfinale der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) zwischen den Pinguinen und dem EHC Eisbären gingen die Meinungen dann aber auseinander. Krefelds Trainer Rick Adduono sah genug Möglichkeiten für sein Team, doch noch als Sieger das Eis zu verlassen. Don Jackson, der Coach der Berliner, sagte: „Wir haben ihnen am Schluss wenig Chancen gegeben.“

Überaus zufrieden gaben sich die Eisbären mit ihrem Endspurt – oder vielmehr ihrem Verhalten in den 20 letzten Minuten der Partie in Krefeld, die den ersten Erfolg in der „Best of five“-Serie und den Titelverteidiger vor dem Heimspiel am Freitag (19.30 Uhr, O2 World, ServusTV) in eine komfortable Situation brachte. Es war zwar eng, aber offenbar entwickeln die Berliner eine neue Spezialität. Seit dem Viertelfinale setzten sie sich zum vierten Mal in Folge mit 3:2 durch. Mit einer bislang ungekannten Nervenstärke schaukeln sie die Spiele über die Zeit, im Play-off eine sehr kostbare Eigenschaft.

Selbst in Unterzahl souverän

Besonders gut kam sie in Krefeld zum Tragen. „Das war unser bisher bestes letztes Drittel im Play-off“, sagt Kapitän André Rankel. Dem Trainer gefiel besonders, dass es ohne Gegentreffer abgelaufen ist. Obwohl die Eisbären kurz vor dem Ende sogar in Unterzahl spielen mussten. Aber selbst dieser Nachteil wirft sie in der Schlussphase kaum mehr aus der Bahn. Bei drei der vier 3:2-Erfolge standen die Berliner unmittelbar vor der Sirene mit einem Mann weniger auf dem Eis.

Lange ist es noch nicht her, da wäre das Versagen in solchen Situationen die logische Konsequenz gewesen. Die ganze Saison über beklagten die Eisbären ihre fehlenden Nervenstärke. Mit dem Absenken des Altersdurchschnitts ging ein Tieferlegen der Abgeklärtheit einher. Ein Treffer genügte oft schon, um die Berliner in Angst und Schrecken zu versetzen, die Mannschaft zerfiel regelrecht. Beim 3:5 in Spiel zwei der Viertelfinalserie gegen Hamburg trat dieser Makel in all seiner Schmerzlichkeit hervor. Binnen der letzten vier Minuten wurde aus einem 3:1 und einem fast sicheren Sieg eine nie für möglich gehaltene Niederlage.

Das Trauma scheint überwunden, die Anfälligkeit zur rechten Zeit gestoppt. Aber wie? „Es geht vor allem um ein gutes Defensivverhalten als Mannschaft. Alle müssen eng zusammenspielen, von vorn bis hinten“, sagt Jackson in Englisch. Dann fällt ihm das passenden Wort ein, „auf Deutsch sagt man immer kompakt spielen“. Im geschlossenen Verband, das hat der Trainer den Profis vermittelt, sollen sie agieren, um die Lücken für den Gegner gar nicht erst entstehen zu lassen.

Dabei hilft den Eisbären ihre unglaubliche Play-off-Erfahrung. Trotz der vielen neuen Spieler sind noch genug alte da, die mehr als zwei Titel mit dem EHC gewannen. Viel hat sich aber auch erst mit den jüngsten Erfolgen ergeben. „Das ist das, wovon Don immer spricht. Wir haben uns als Team mit den Spielen immer mehr Selbstvertrauen geholt. Jeder kann sich jetzt auf seine Mitspieler verlassen“, sagt Rankel. Mit jeder Partie stieg die Sicherheit, parallel sank die Angst und die Gefahr, doch noch alles zu verspielen. Cool im Kampf gegen Zeit und Gegner, so wirkten die Eisbären in Krefeld.

Allerdings gibt es auch Einschränkungen. Nicht alles war gut, die Berliner sind ein hohes Risiko eingegangen mit einem völlig missratenen ersten Drittel. Mit ein wenig mehr Glück wären die Pinguine hoch in Führung gegangen. „Wir haben nicht gut reingefunden“, erzählt Rankel. In der Kabine erfolgte ein kurze Analyse der Lage. „Wir sind dann mehr gelaufen und darüber ins Spiel gekommen. Dadurch erzeugen wir unseren Druck und unsere Gefahr“, sagt der 27-jährige Stürmer. Es wäre dennoch fahrlässig, dem Kontrahenten weiterhin solche Angebote zu unterbreiten. Krefeld verfügt trotz großer Verletzungsprobleme über genügend Potenzial, diese Offerten irgendwann auch anzunehmen.

Die Gefahr scheint in Berlin sogar größer zu sein. „Krefeld ist ein gutes Auswärtsteam“, sagt Trainer Jackson. Auch die Berliner präsentierten sich zuletzt auswärts deutlich stabiler als daheim. Doch die Unterstützung durch die vierte Reihe kann nun dazu beitragen, auch in der eigenen Arena sicherer aufzutreten. Nach der Rückkehr von Laurin Braun und Matt Foy spielte Jackson in Krefeld erstmals konsequent mit vier Sturmreihen durch. „Sie haben gute Arbeit geleistet und deren erste Reihe oft in ihrer Defensivzone gehalten“, lobt der Coach.

Pinguine mit Verletzungssorgen

Beim Gegner kommen derzeit nur drei Angriffsformationen zum Einsatz. „Mit vier haben wir da einen gewissen Vorteil“, sagt Laurin Braun, der bemerkt zu haben meinte, dass die Krefelder ihrem hohen Anfangstempo später Tribut zollen mussten. „Ihr Köpfe waren ganz schön rot“, so Braun. Zur Annahme, das könnte ein Zeichen für die weitere Serie sein, sollte das niemanden verleiten. Krefeld war schon für einige Überraschungen gut, gewann in der Hauptrunde beide Spiele in Berlin in der Verlängerung mit 4:3. Aber damals hatten die Eisbären noch nicht diese drahtseildicken Nerven, die sie jetzt gegen Spielende regelmäßig präsentieren.