Interview

„Für die Bayern ist das eine Frage der Ehre“

Warum Zé Roberto heute dem HSV die Daumen drückt

Als Zé Roberto im fernen Porto Alegre von den frostigen Temperaturen in Deutschland erfuhr, schüttelte er sich am Telefon. Den deutschen Winter vermisst der Brasilianer nicht, den Fußball in Deutschland schon. Sechs Jahre FC Bayern, zwei beim Hamburger SV, da denkt Zé Roberto (38) auch im sonnigen Brasilien an den Nord-Süd-Schlager an diesem Sonnabend.

Berliner Morgenpost:

Wie werden Sie das Spiel Ihrer früheren Vereine verfolgen?

Zé Roberto:

Ich habe Glück, weil wir mit Grêmio Porto Alegre erst am Sonntag gegen Passo Fundo spielen. Die Partie zwischen Bayern und dem HSV wird sicherlich bei ESPN Brasil übertragen, und dieses Spiel werde ich um keinen Preis verpassen.

Wem drücken Sie die Daumen?

Ich ahnte, dass diese Frage kommen würde. Beide Vereine haben einen Platz in meinem Herzen. Da Bayern die Meisterschaft aber nicht mehr zu nehmen ist, der HSV dagegen auf jeden Punkt im Kampf um die Europa League angewiesen ist, drücke ich einen Tick mehr für Hamburg die Daumen.

Sie hatten vor der Saison vorausgesagt, dass die Bayern die beste Saison aller Zeiten spielen könnten. Fühlen Sie sich bestätigt?

Klar. Wissen Sie, was mich damals schon so sicher machte?

Verraten Sie es uns.

Dass Dortmund zwei Jahre in Folge Meister wurde, konnten die Münchner nicht auf sich sitzen lassen. Deswegen war klar, dass diese Saison für den Verein eine Frage der Ehre sein würde. Bayern ist richtig hungrig auf Titel.

Wäre es für Bayern eine erfolgreiche Saison, wenn der Klub nach dem Titelgewinn in der Champions League ausscheidet?

Es wäre eine gute, aber keine perfekte Saison. Jeder weiß, dass die Bayern seit 2001 unbedingt die Champions League mal wieder gewinnen wollen.

Die Bayern spielen in dieser Saison wie befreit auf. Ist es wirklich so einfach, in München mit dem Druck umzugehen?

Einfach ist es nicht. Man muss das lernen. Für Bayern ist ein Unentschieden ja schon wie eine Niederlage, die ganze Woche wird dann ungemütlich. Als ich aus Leverkusen damals nach München kam, musste ich mit diesem Druck erst mal klar kommen. Aber wer die Philosophie des Vereins verinnerlicht, der kann bei Bayern Karriere machen. Ich habe sechs Jahre in München gespielt und acht Titel gewonnen. Und nur darum geht es bei den Bayern: Titel.

Wie läuft der Tag in München nach einer Niederlage in einem wichtigem Spiel?

Ach, im Detail weiß ich das gar nicht mehr so genau. Wobei ich mich sehr wohl an meine erste Saison bei den Bayern erinnern kann. Uli Hoeneß hatte im Sommer auf dem Transfermarkt so richtig zugeschlagen. Michael Ballack und ich kamen aus Leverkusen, Sebastian Deisler wurde von Hertha verpflichtet. Als wir dann aber in der Gruppenphase der Champions League sang- und klanglos ausgeschieden waren, hat er von uns eine deutliche Reaktion in der Meisterschaft gefordert. Am Ende wurden wir Meister mit 16 Punkten Vorsprung und holten auch noch den DFB-Pokal. Der Druck nach dem Aus in der Champions League war gewaltig.

Wie war das, als Uli Hoeneß nach einer schlimmen Niederlage mit hochrotem Kopf in die Kabine kam?

Das passierte tatsächlich mal, aber wirklich unangenehm wurde es für uns nur, wenn er die ganze Mannschaft zu einer überlegten Standpauke einbestellte. Er hatte dann jedes Wort genau durchdacht. Hoeneß ist eine Respektsperson, dessen Worte großes Gewicht haben. Er ist aber auch sehr ehrlich und immer fair.

Haben Sie beim HSV, der natürlich andere Ziele hatte als die Bayern, einen anderen Leistungsdruck verspürt?

Druck gibt es überall im Profifußball, aber in Hamburg war das natürlich anders. Der HSV hatte nie die Philosophie, mit Millionen-Investitionen die Bayern anzugreifen. Natürlich wollten auch dort die Verantwortlichen immer Erfolg haben, aber ein Unentschieden war kein Weltuntergang.

In Hamburg weigert man sich diese Saison, die Europa League als Ziel zu formulieren. Ist das Anspruchsdenken vielleicht der größte Unterschied dieser beiden Vereine?

Das kann man so sagen. Für die Bayern gibt es nur ein Ziel: Titel. Der HSV wäre wohl schon mit Platz sechs zufrieden, weiß aber, dass es viele Mannschaften gibt, die auch auf Platz sechs hoffen. In Hamburg muss man den Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit schaffen.