Zweite Liga

Treffen am Fahrstuhl

Die heutigen Gegner Hertha BSC und VfL Bochum sind Experten im Auf- und Absteigen

Locker ist Hertha BSC in den vergangenen Wochen an der Konkurrenz vorbeigezogen: 1. FC Nürnberg/810 Punkte – überholt. FC Homburg/841 Punkte – überholt. Arminia Bielefeld/856 Punkte – überholt. Mit dem Siegeszug durch die aktuelle Saison hat sich der Hauptstadt-Klub (859) jetzt auf Rang 17 vorgeschoben. So viel zu Bilanzen, die kein Mensch braucht, in diesem Fall der „ewigen Tabelle der Zweiten Liga“. Welcher Hertha-Fan hat schon ein Interesse daran, dass die von Alemannia Aachen (1480 Punkte) angeführt und als 123. vom Spandauer SV (10) beschlossen wird?

Weil der Berliner vom Selbstverständnis her, wenn schon nicht die Champions League, dann wenigstens die Bundesliga als Maßstab akzeptiert. Aber da will Hertha erst noch hin und ist auch derzeit auf einem sehr vielversprechenden Wege. Pikant: Wenn heute der VfL Bochum im Olympiastadion antritt, haben die Gäste Hertha etwas voraus. Der VfL nämlich verzeichnet in seiner Historie seit 1971 sechs Bundesliga-Abstiege. Und sechs Bundesliga-Aufstiege. Der Nimbus der einst Unabsteigbaren hat sich schon seit einiger Zeit gewandelt in das Bild einer klassischen Fahrstuhlmannschaft.

Schlüsselspiel gegen Bochum

Hertha BSC verzeichnet seit 1965 ebenfalls sechs Abstiege, allerdings erst fünf Aufstiege. Wenn die Mannschaft von Trainer Jos Luhukay ihr Ziel von der direkten Rückkehr ins Oberhaus erreicht, wird Hertha demnach mit dem VfL Bochum gleichziehen. Deshalb heißt es heute ab 13 Uhr in der Arena des WM-Finales von 2006: Willkommen zum Duell der Fahrstuhl-Teams.

Eine Bezeichnung, die sowohl Hertha-Anhängern als auch -Verantwortlichen Schauder über den Rücken jagt. Aber es hilft nichts. Mit einem Sieg kann Hertha bei acht ausstehenden Begegnungen wieder die Tabellenspitze der Zweiten Liga übernehmen. „Bochum ist ein Schlüsselspiel für uns“, sagte Trainer Jos Luhukay mit Blick auf die weiteren Ansetzungen. Eine gute Woche später kommt es zum Topspiel gegen Dauerkonkurrent Eintracht Braunschweig (8. April).

Keine Frage: Der aktuelle Hertha-Jahrgang ist auf einem gutem Weg. Der Vorsprung auf Relegationsplatz drei beträgt scheinbar beruhigende zwölf Zähler. Doch es bleibt dabei, Hertha setzt Maßstäbe: Abstieg 2010, Aufstieg 2011, Abstieg 2012 und nun gute Hoffnung auf die Rückkehr – mehr Fahrstuhl zwischen Ober- und Unterhaus war in den vergangenen vier Spielzeiten schlicht nicht möglich.

Dazu passt die Einschätzung von Manager Michael Preetz, der das Hochwerfen des Trainers, die Champagner-Dusche und das unfreiwillige Bad im Entspannungsbecken aus seiner Zeit als Profi kennt: Als Spieler war er mit Fortuna Düsseldorf, dem MSV Duisburg und Hertha aufgestiegen, ein weiteres Mal als Geschäftsführer von Hertha. Im internen Kreis sagt Preetz allerdings: „Ich ertrage Aufstiegsfeiern nicht mehr.“

Das kurzfristige Ziel des Hauptstadt-Klubs ist jedoch der erneute Lift nach oben. Das mittelfristige lautet: Hertha will unbedingt dem Schicksal einer Fahrstuhl-Mannschaft entgehen und sich wieder in der ersten Liga etablieren. Nicht für eine Saison, sondern über Jahre, am liebsten für immer. Die Partie heute können alle Herthaner nutzen, um die Gefährlichkeit des Unterfangens zu studieren. Kein Klub übersteht das dauernde Fahrstuhlfahren unbeschadet. Der VfL Bochum, 2010 abgestiegen, verpasste 2011 in der Relegation die Rückkehr (0:1/1:1 gegen Borussia Mönchengladbach). Vergangene Saison stemmte sich der VfL dann schon mit letzten Kräften gegen den Sturz in Liga 3. Aktuell reist Bochum als abstiegsgefährdeter Tabellen-15. an.

Hertha-Kapitän Peter Niemeyer warnt: „Der VfL steht mit dem Rücken zur Wand. Für die sind das alles Endspiele. Darauf müssen wir vorbereitet sein.“ Schon einige Male zeigten die wackeren Westfalen, dass sie nicht unterschätzt werden dürfen. Beim auf den Relegationsplatz schielenden TSV 1860 München gewann das Team von Trainer Karsten Neitzel, der das Team im Oktober letzten Jahres übernahm, überraschend mit 1:0. Dem 1. FC Kaiserslautern trotzten die Bochumer ein torloses Remis ab, ehe es gegen Braunschweig eine 0:1-Niederlage setzte.

Trainer Luhukay kann aus dem Vollen schöpfen. Bis auf Maik Franz (Grippe) stehen alle Profis zur Verfügung. Der Coach konnte sich nicht ganz entscheiden. Statt der erforderlichen 18 Profis nahm er 19 Spieler mit ins Mannschaftshotel. Heute wird einer von ihnen kurzfristig auf die Tribüne müssen. Es sieht so aus, als ob diese Frage auf entweder Ben Sahar oder Pierre-Michel Lasogga zuläuft. Dessen Mutter Kerstin hatte unlängst via Boulevardpresse vehement mehr Einsatzzeiten für ihren Sohn gefordert („sonst ist Pierre im Sommer weg“). Davon wird sich der Holländer allerdings kaum unter Druck setzen lassen.

In der Startelf wird Luhukay jene Stammkräfte einbauen, die gegen 1860 München (0:0) ausgefallen waren: Im defensiven Mittelfeld kehrt Niemeyer ebenso zurück wie Peer Kluge. Fabian Lustenberger und John Brooks spielen im Abwehrzentrum.

Die einzig offene Frage ist, wer startet im rechten Mittelfeld: Sami Allagui oder Marcel Ndjeng. Die Hausherren werden selbstbewusst beginnen. Hertha hat als einzige aller 36 deutschen Profimannschaften kein einziges Saison-Heimspiel verloren. „Diese Superserie wollen wir ausbauen“, sagte Niemeyer.

Zweite Liga als Minus-Geschäft

Wer sich als gefühlter Erstligist versteht, ruiniert sich im Unterhaus. Auch in diesem Jahr werden Herthas Ausgaben klar über den Einnahmen liegen. In den Lizenzunterlagen, die Mitte des Monats bei der DFL in Frankfurt/Main abzugeben waren, mussten die Berliner (neben einem Bundesliga-Etat) auch die Planung für ein weiteres Zweitliga-Jahr vorlegen. Da würde es die Lizenz für 2013/14 nur mit Auflagen und unter Bedingungen geben.

Und der Hauptstadt-Klub würde mit einem deutlich reduzierten Haushalt dann nicht mehr als Aufstiegskandidat ins Rennen gehen. Insofern führt der kürzeste Weg, um ein weiteres Zweitliga-Jahr in Konkurrenz zum Spandauer SV zu vermeiden, über einen Sieg gegen Fahrstuhl-Rivale Bochum.