Interview

„Meine Eisbären haben den längeren Atem“

Daniel Brière spielte einige Wochen in Berlin. Nun drückt der NHL-Star aus der Ferne die Daumen fürs Play-off – und plant eine Rückkehr

Seine Auftritte als Eisbär waren die Höhepunkte dieser DEL-Saison, zehn Mal traf Daniel Brière (35) in 21 Spielen für die Berliner. Nach dem Tarifstreit in der NHL kehrte der Stürmer im Dezember nach Philadelphia zurück, wo seine Künste mit 6,5 Millionen Dollar pro Saison entlohnt werden. Marcel Friederich besuchte Brière nun in den USA.

Berliner Morgenpost:

Herr Brière, die Eisbären duellieren sich derzeit im Play-off mit den Hamburg Freezers. Verfolgen Sie die Ergebnisse Ihres Ex-Clubs noch?

Daniel Brière:

Auf jeden Fall! Über das Internet halte ich mich immer auf dem Laufenden. Ich habe mitbekommen, dass das gegen die Freezers eine ziemlich kuriose Serie ist. Aber ich bin überzeugt, dass die Eisbären den längeren Atem haben werden. Ich drücke fest die Daumen!

Haben Sie noch Kontakt zu den Berlinern?

Natürlich. Besonders mit T.J. Mulock und Rob Zepp, mit denen ich mich am besten verstanden habe, bin ich am engsten in Kontakt. Durch die neuen Medien gibt es ja viele Möglichkeiten dazu. Aber auch ansonsten gibt es keinen einzigen Spieler, über den ich etwas Schlechtes sagen könnte. Die Eisbären haben ein großartiges Team. Es war für mich eine Ehre, für diesen Klub spielen zu dürfen.

Anfangs dachten viele, Sie würden nur nach Berlin kommen, um ein bisschen Geld abzustauben und während des NHL-Lockouts fit zu bleiben ...

So oberflächlich darf man das auf keinen Fall betrachten. Natürlich wusste ich anfangs nicht so genau, was mich bei den Eisbären erwartet. Zumal es völlig unklar gewesen ist, wie lange der Lockout dauert. Doch am Ende bin ich mehr als die Hälfte der Hauptrunde bei den Eisbären gewesen. Das war eine ziemlich lange Zeit. Deshalb finde ich, dass die Eisbären immer noch mein Team sind. Einmal ein Eisbär, immer ein Eisbär!

Wie steht es um Ihre Deutsch-Kenntnisse?

Könnten wir vielleicht schon zur nächsten Frage wechseln? (lacht)

Da müssen Sie jetzt durch.

Ich kann noch ein paar Zahlen aufzählen, auch an die Namen einiger Farben kann ich mich erinnern. Und natürlich weiß ich noch, wie die wichtigsten Getränke und Mahlzeiten in Deutschland heißen. Allen voran die Currywurst! Aber das war es dann auch schon.

Warum?

Was meine Deutsch-Kenntnisse betrifft, war es ein großer Nachteil, dass ich in der Berliner Innenstadt gewohnt habe. Dort konnte ich mit den meisten Leuten auf Englisch kommunizieren, weil fast alle dort sehr weltoffen sind. Dadurch habe ich mich sehr schnell integriert und wohlgefühlt. Um noch mehr deutsche Vokabeln zu lernen, war ich ein wenig zu faul. (lacht)

Vermissen Sie Berlin trotzdem ein bisschen?

Nicht nur ein bisschen. Ich vermisse die Stadt und meine ehemaligen Teamkollegen sehr. Es war ein schreckliches Gefühl, als ich die Eisbären mitten in der Saison verlassen musste. Die Jungs haben mir zwar alle gesagt: „Kein Thema, Danny, geh zurück in die USA, das ist doch absolut nachvollziehbar.“ Ich fand es super, dass die Jungs so reagiert haben. Trotzdem habe ich immer noch ein schlechtes Gewissen, dass ich die Mannschaft ein bisschen im Stich gelassen habe.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Stadt Berlin?

Nur positive. Ich habe es jedes Mal sehr genossen, durch Berlin zu spazieren und die Stadt zu erkunden. Das Brandenburger Tor, Checkpoint Charlie oder der Kudamm – Berlin hat so viele coole Dinge zu bieten! In der Zukunft werde ich definitiv zurückkehren, um noch mehr Zeit in dieser großartigen Stadt zu verbringen.

Was wussten Sie über Berlin, bevor Sie zu den Eisbären gewechselt sind?

Ich wusste ein klein wenig über die Geschichte der Berliner Mauer. Mehr allerdings nicht. Umso beeindruckender war es für mich, als ich von der ganzen Historie erfahren habe, allen voran der Zweite Weltkrieg. Ich habe unheimlich viel dazu gelernt. Besonders zwischen den Amerikanern und den Berlinern gibt es spätestens seit John F. Kennedys berühmter Rede vor 50 Jahren ja eine ganz enge Beziehung. Okay, ich bin zwar Kanadier (lacht), aber trotzdem fand ich das unheimlich spannend. Leider sind die Leute in den USA und in Kanada sehr auf ihr eigenes Land fixiert. Was um sie herum passiert, interessiert sie kaum. Doch dank meiner Zeit bei den Eisbären kann ich jetzt auch bei diesem Thema sehr gut mitreden.

Bei den Philadelphia Flyers sind Sie ein umjubelter Star, der an jeder Straßenecke erkannt wird. War Ihre Zeit bei den Eisbären nicht auch ein bisschen Urlaub?

Es war sehr schön, dass ich in Berlin problemlos in der Menge verschwinden konnte. Das geht in Philadelphia nicht so einfach. Da werden wir Profisportler echt überall angesprochen. Das ist einerseits schön, weil man dadurch weiß, wie viele Flyers-Fans es hier gibt. Doch ich habe es sehr genossen, in Berlin viel mehr Privatleben zu haben.

Fast in jedem Interview sind Sie gefragt worden, wie Sie den Vergleich der NHL zur DEL sehen.

Die NHL ist und bleibt die beste Eishockey-Liga der Welt. Doch über das spielerische Niveau in dieser Saison bin ich sehr enttäuscht. Viele Spiele sind richtig langweilig. Es fallen viel weniger Tore als in den Jahren zuvor. Das hat damit zu tun, dass wir durch den Lockout fast keine Vorbereitungszeit hatten. Die Offensiv-Formationn sind daher kaum eingespielt. Wir müssen dringend einen Weg finden, um das Spiel in der NHL wieder attraktiver zu machen.

In der NHL gibt es regelmäßig Boxkämpfe , während dies in der DEL viel weniger geduldet wird. Was halten Sie davon?

In der NHL gibt es diese Kämpfe schon seit ewig langer Zeit. Die Zuschauer lieben es. Deshalb wird man es nicht schaffen, diese Kämpfe von den Eisflächen zu eliminieren. Und ich finde das auch gut so.

Warum?

Durch diese Kämpfe können einige Leute ihre Aggressionen gut abbauen. Wenn es die Kämpfe nicht gäbe, würden sie ihrem Frust wohl durch „dirty plays“ freien Lauf lassen. Das wäre noch viel schlimmer. Aber ich bin mit meinen 35 Jahren ja fast schon ein alter Mann – von daher versuche ich, diesen Kämpfen so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. (lacht)

Die deutsche Nationalmannschaft hat die Qualifikation für die Olympischen Spiele verpasst. Haben Sie davon mitbekommen?

Ja, und ich finde es eine Schande, dass eine so große Eishockey-Nation wie Deutschland nicht bei Olympia vertreten ist.

Haben Sie irgendwelche Vorschläge, wie es mit dem deutschen Eishockey wieder bergauf gehen kann?

Ich weiß ja nicht mal, wer die Leute in den verantwortlichen Positionen sind. Es wäre unfair, aus der Ferne jetzt irgendwelche Ratschläge zu geben.

Sie waren zweimal Weltmeister und auch wertvollster Spieler des All-Star-Games. Allerdings gibt es einen Makel: Sie haben in der NHL noch nie einen Titel gewonnen.

Das ärgert mich sehr. Jede Nacht, wenn ich schlafen gehe, denke ich an den Stanley Cup. Ich will den Pott unbedingt gewinnen, bevor ich meine Karriere beende.

Ihre Flyers stehen aktuell nicht auf einem Play-off-Platz.

Das stimmt. Wir müssen schauen, dass wir irgendwie noch dahin kommen. Aber wer weiß: Vielleicht holen ja die Eisbären den Titel. Dann hätte ich zumindest einen kleinen Teil dazu beigetragen.