Tennis

Spiel, Satz und Sensation

Tennisprofi Tommy Haas erlebt noch einmal eine Sternstunde beim Erfolg gegen den Weltranglistenersten Novak Djokovic

So preußisch genau wollte Tommy Haas in dem Fall nun wirklich nicht sein. Gut, Valentina ist erst zweieinhalb. Und so kurz vor Mitternacht, das ist nun wahrlich keine Uhrzeit für die Kleine. „Für gewöhnlich geht sie um halb acht ins Bett“, sagte Haas, „sie war auch ganz schön müde.“ Als Vater überlege man da ja schon. Aber im Grunde war er viel zu euphorisiert, um zu jener historischen Stunde pädagogisch korrekte Antworten zu geben. Wer wollte es ihm verdenken?

6:2, 6:4 hatte Haas zuvor das Achtelfinale beim ATP-Masters-Turnier in Miami (USA) gewonnen. Dass dieser Sieg zum Sensationscoup gereichte, hatte damit zu tun, dass Haas den Weltranglistenersten Novak Djokovic bezwang. Haas ist 34 Jahre alt, am kommenden Mittwoch wird er 35. Er ist der Senior der Tour, der älteste Spieler unter den Top 50 und seit Dienstagabend der erste Ü-30-Profi seit 30 Jahren, der es geschafft hat, den Branchenprimus zu schlagen. Das alles muss man wissen, um Haas’ Emotionen richtig einordnen zu können. Es war eine Mischung aus Pathos und Glückseligkeit.

„Ich bin stolz“, sagte er etwa, „dass ich das noch erleben darf.“ Einen der größten Erfolge seiner Karriere nannte er diesen Abend. Ganze drei Punkte gab Haas im ersten Satz bei eigenem Aufschlag ab, nach gerade einmal 28 Minuten war der Durchgang erledigt. Haas blieb weiter cool. Und Djokovic gratulierte: „Er war der Bessere, er hat verdient gewonnen. Er hat großartig gespielt.“

Größter Pechvogel seiner Zeit

Dass Haas wieder dort steht, wo er jetzt steht, hat viel mit Valentina zu tun. Seine Tochter, das hatte er schon kurz nach deren Geburt gesagt, solle erleben, wofür er sich täglich schinde und ihn bewusst spielen sehen. Haas’ Vita ist ein schier unendliches Auf und Ab. Es gibt wohl kaum einen Spieler, der so viele Comebacks gestartet hat wie er. Operationen an Hüfte, Schulter. Dazu noch Knieprobleme und Missgeschicke zur wohl unpassendsten Zeit. In Wimbledon vor neun Jahren etwa trat er auf einen Ball und zog sich einen Bänderriss zu. Es war ein typischer Haas. „Er hatte das größte Pech aller Spieler dieser und der vergangenen Generationen“, sagte Roger Federer im vergangenen Mai. Haas hatte zuvor im Finale von Halle/Westfalen den Schweizer geschlagen.

„Er ist ein großer Fighter“, sagt Federer und dass er sehr wohl wisse, was Haas durchgemacht habe. Der Sieg in Halle war Haas’ 13. Turniererfolg auf der Tour, sein bislang letzter. Und doch haftet seiner Karriere das Unvollendete an. Haas war einst die Nummer zwei der Welt, er hat Silber bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney geholt. Vier Mal stand er im Finale eines Grand-Slam-Turnieres, nur gewonnen hat er eben nie eines. Dieser Sieg wird ihm wohl auch immer fehlen, selbst wenn er sich nun wieder unter die Top 20 gearbeitet hat.

Haas geht damit nüchtern um. Ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, bei dem es über drei Gewinnsätze geht, bei dem er Runde für Runde vier oder auch fünf Stunden auf dem Platz stehen und neben Djokovic auch noch Federer, Murray oder Nadal schlagen müsste. „Dieser Zug“, so sagte Haas jüngst in einem Interview gegenüber „Spox“, „ist wohl für mich leider abgefahren. Da müssen wir die Kirche auch im Dorf lassen.“

Das letzte Mal hatte er eine Nummer eins 1999 bezwungen, vor 14 Jahren also, Andre Agassi war das. In jenem Jahr stand Haas erstmals in den Top Ten, in Memphis gewann er sein erstes ATP-Turnier. Es war die Zeit, als Agassi, Pete Sampras oder Patrick Rafter die Hauptrollen im Profitennis inne hatten. Sie alle haben schon lange aufgehört, Haas ist noch dabei. Es gab immer wieder Zeiten, in denen er hinschmeißen wollte. So wie 2010, als er nur noch wenig Gefühl im rechten Bein hatte und seine Muskeln drastisch geschwunden waren, weil er sich kaum noch bewegen konnte. Dass ihn damals Zweifel plagten, scheint verständlich. Selbst jüngst im Januar bei den Australian Open in Melbourne, Haas war in der ersten Runde in fünf Sätzen am Finnen Jarkko Nieminen gescheitert, da befeuerte er die These. „Wenn morgen ein Angebot für etwas anderes kommt, würde ich es vielleicht annehmen“, sagte er damals. Es war nur eine kurze Laune, er meinte es nicht so. Von Abschiedstour jedenfalls will er nichts wissen. Seit Jahren schon wird Haas gefragt, wie lange er noch spielen wolle. Er, der Oldie, der nicht mal mehr einen Ausrüstervertrag hat.

Kleine Tochter ist immer dabei

Solange er Feuer habe, wolle er das Profidasein durchziehen, pflegt er zu antworten. Seine Prioritäten mögen sich verändert haben. Familie, sagt er, steht ganz klar an erster Stelle. Noch mehr, seitdem es Valentina gibt. Das alles hat ihn ein Stück weit gelassener werden lassen. Und dennoch, sagte er jüngst, verlieren könne er immer noch nicht. „Wenn ich ein Match verliere, bei dem ich eine Chance hatte, bin ich hinterher immer noch genauso enttäuscht und wild wie vor sechs oder zehn Jahren.“

Vor dem Achtelfinalspiel am Mittwoch in Miami gegen Djokovic hatte seine Verlobte Sara Foster ein Foto von Haas bei einer Trainingseinheit gepostet. Haas übte in der Sonne, nur mit Shorts bekleidet und dem verkehrt herum aufgesetzten Basecap, durchtrainiert wie zu besten Zeiten spielte er eine Vorhand. „Erblasst vor Neid, Ladies“, twitterte Foster. „Die lebende Legende ist 34 Jahre alt, bald 35.“