WM-Qualifikation

„Fans sehen Fußballer oft nicht mehr als Menschen“

Die Pfiffe gegen Nationaltorwart Neuer werfen Fragen auf: Was dürfen Zuschauer? Und was müssen Profis aushalten?

Glückliche Geburtstage sehen anders aus. Am Mittwoch wurde Manuel Neuer 27 Jahre alt. Und ausgerechnet da wurde landauf, landab über seinen Fehler im Länderspiel gegen Kasachstan diskutiert. Und über den Umgang der Fans mit dem Fauxpas ihres Keepers. Die Pfiffe und der hämische Applaus der Zuschauer im Nürnberger Stadion nach Neuers Fehler beim 4:1 (3:0) in der WM-Qualifikation gegen Kasachstan am Abend zuvor haben Fragen aufgeworfen: Was dürfen Fans? Was müssen Profis abkönnen?

Neuer hatte sich den Ball nach einem Rückpass zu weit vorgelegt, der Kasache Heinrich Schmidtgal traf zum 3:1 (46.). Ein Teil der Zuschauer pfiff danach bei jedem Ballkontakt Neuers und klatschte hämisch bei einem gelungenen Pass. Neuer entschuldigte sich nach der Partie. „Der Fehler war die Initialzündung dafür, dass wir eine zweite schlechte Halbzeit gezeigt haben. Ich war danach sehr unglücklich. Am liebsten wäre ich direkt in die Kabine gegangen“, so der Torwart des FC Bayern.

Bundestrainer Joachim Löw war erbost auf einen Teil der Stadionbesucher: „Der Fehler ist passiert, das muss man ihm ankreiden. Was ich nicht gut finde, ist, dass das Publikum ihn dann auspfeift. Er hat in den vergangenen Jahren hervorragende Leistungen gebracht. Dass er für den Rest des Spiels durch das Publikum mit Ironie begleitet wird, finde ich unsportlich.“ Die Pfiffe sind für die Verbandsführung nicht gerade ein Argument, bald wieder ein Länderspiel nach Nürnberg zu vergeben.

In den vergangenen Wochen haben mehrere Fälle gezeigt, dass das Verhältnis zwischen den Fans und den Spielern schnell problematisch werden kann. Stuttgart-Trainer Bruno Labbadia erklärte, dass er seinen Mittelfeldprofi Tamas Hajnal im Heimspiel gegen Hamburg nicht einsetzte, weil die Fans Hajnal zuvor ausgepfiffen hatten. Er wollte seinen Spieler schützen. Hoffenheimer Anhänger hingen bei einem Spiel ein Plakat auf, das sich an Torwart Tim Wiese richtete: „Ey Tim, fahr ma auswärts. Wir zahlen den Alk.“ Wiese hatte zuvor bei einer Karnevalsfeier mit anderen Gästen gestritten. Und Schalkes Torhüter Timo Hildebrand erhielt auf Facebook kürzlich eine Aufforderung zum Selbstmord. Der Absender der Nachricht war mit den Leistungen des Keepers nicht zufrieden.

Nun gehören Emotionen zum Sport. Aber wie weit darf es gehen? Kauft ein Zuschauer mit der Eintrittskarte die Lizenz zum Pfeifen? Werner Schneyder kennt beide Seiten. Als Kabarettist stand er auf großen Bühnen und stellte sich dem Publikum, als Boxkommentator durfte er austeilen. Sein Fazit: „Das Publikum ist eine Bestie. Wenn sich der Held eine Blöße gibt, bricht die Häme aus gegenüber dem gefallenen Gott. Neuer ist als Nationaltorhüter so ein Held.“ Der Bayern-Profi könne die Pfiffe aber als Lob auffassen: „In der Oper bekommen auch nur die Weltklasse-Tenöre Pfiffe, wenn sie das Hohe C vermasseln. Das Mittelmaß interessiert die Zuschauer nicht.“

Experten stellen fest, dass die Kluft zwischen Anhängern und Profis insgesamt größer wird. Der Sportpsychologe Kurt Banse war gegen Kasachstan im Stadion und betreut auch Fußballprofis. Er sagt: „Fans sehen die Fußballer oft nicht mehr als Menschen, sondern nur noch als Maschinen an, die zu funktionieren haben – insbesondere, weil sie dafür so hoch bezahlt werden. Deshalb fällt es auch zunehmend weniger schwer, auch Spieler der eigenen Mannschaft hart anzugehen. Es ist ein Hochgefühl für diejenigen, die sich in dieser Situation zum Richter über die Privilegierten aufschwingen können.“

Früher war der Fußballprofi einfach ein guter Kicker. Einer von ihnen, nur mit mehr Talent, härterem Schuss und mehr Disziplin. Heute scheinen sie für viele nur noch Medienfiguren zu sein. Hohe Gehälter, Berater, Models als Freundinnen, dicke Uhr am Handgelenk, sonnabends auf der Couch bei „Wetten, dass...?“ – es geht oft um Klischees, die Spieler sind für viele nicht mehr greifbar. Offensichtlich ist durch diese Entwicklung die Hemmschwelle gesunken.

Neuer sprach nach dem Spiel in Nürnberg übrigens recht cool über die Reaktionen der Fans. „Es ist jedem selbst überlassen, wie er Emotionen zeigt. Ich kann es ja eh nicht ändern.“ Eins stehe für ihn fest: „Ich werde mein Spiel nicht umstellen.“