Rede

„Rassismus ist wie Malaria“

Vor den UN fordert Ex-Herthaner Kevin-Prince Boateng den aktiven Kampf gegen Fremdenhass

– Der Auftritt auf der ungewohnten Bühne war wohl vorbereitet. Im feinen Anzug mit modischer, schmaler Krawatte betrat Kevin-Prince Boateng das Podium am Sitz der Vereinten Nationen in Genf. Und als auch die erste Metapher seiner auf Englisch gehaltenen Rede saß, war dem 26-Jährigen anzusehen, wie die Anspannung wich. „Rassismus muss aktiv bekämpft werden, er verschwindet nicht von selbst“, sagte er. „Als ich in der Nationalmannschaft Ghanas spielte, habe ich gelernt, Malaria zu bekämpfen. Impfungen genügen nicht. Man muss die Teiche trocken legen, in denen die Malaria-Mücken gedeihen. Ich denke, dass Malaria und Rassismus vieles gemeinsam haben.“

Früher, sagte Boateng bei der Debatte mit dem Thema „Rassismus und Sport“, habe es eine Zeit gegeben, da habe er versucht, Rassismus zu ignorieren. „So wie Kopfschmerzen.“ Die würden auch irgendwann weggehen, „aber das war eine Illusion. Er geht nicht weg. Wir müssen ihm entgegentreten.“ Der Profi hat das neulich symbolisch getan. Bei einem Testspiel gegen den italienischen Viertligaklub mit dem kruden Namen Pro Patria (Für das Vaterland) verließ er wegen rassistischer Beleidigungen den Platz. Seine Mitspieler des AC Mailand schlossen sich ihm an, die Partie musste abgebrochen werden. Seither gilt der Junge, der von klein auf oft wegen seiner Hautfarbe gehänselt worden war, als moralische Instanz unter den Fußballprofis. Die renommierte, italienische Sportzeitung Gazzetta dello Sport titelte: „Wir alle sind Boateng“. Eine mehr als seltsame Wandlung im Leben des gebürtigen Berliners.

Anfänge im Wedding

Im Grunde kennt Boateng Fremdenhass von klein auf. Er ist im Wedding aufgewachsen, einem Stadtteil von Berlin, der so ziemlich jedes Klischee erfüllt, um als Problembezirk eingeordnet zu werden. Hohe Kriminalitätsrate, hohe Arbeitslosigkeit und viele Einwohner mit Migrationshintergrund. Mutter Deutsche, Vater Ghanaer. Als Boateng geboren wurde, hatten sich seine Eltern längst getrennt. „Wenn die Leute da hinkommen, wo wir aufgewachsen sind, sehen sie: Entweder du wirst Gangster und Drogendealer oder Fußballspieler“, hat er mal gesagt. Boateng entschied sich für letzteres.

Unweit der Panke, einem kleinen Fluss im Norden Berlins, ist einer dieser Bolzplätze. Kein feiner Rasen, stattdessen eingezäunter Asphaltboden, raues Pflaster bekommt hier eine wortwörtliche Bedeutung. Jener Fußballkäfig war der Ort, an dem Boateng ganz Grundsätzliches lernte. „Ich oder er“, so lief es ab, auch außerhalb des Fußballs. Seine feine Technik ist das eine. Seine Robustheit ist das Produkt dieser paar Quadratmeter. Er war noch nie einer, der sich alles gefallen ließ, egal auf welchem Terrain. Auch nicht, wenn es um den alltäglichen Rassismus ging.

Boatengs Antwort war nicht immer die feine verbale Klinge so wie am Donnerstag vor den UN. Früher war es oft eine Mischung aus Wut, Unverständnis und Trotz, mit der er zu reagieren pflegte. Noch mehr aber wusste er, wie er fußballerisch Antworten geben konnte. Boateng war gesegnet mit Talent, ihm sagten sie schon früh die ganz großen Weihen voraus. Er spielte in der Jugend bei Hertha BSC, in den deutschen Juniorennationalmannschaften. Mit 20 wurde er für 7,9 Millionen Euro nach England zu Tottenham Hotspur verkauft. Dann aber lief ziemlich viel aus dem Ruder. Er verdiente Millionen, hatte aber nicht den Hauch einer Ahnung, wie er mit Popularität und Luxus umzugehen hatte.

Es lief weder sportlich noch privat, er kaufte Luxuskarossen, um sich Glücksmomente zu bescheren. Sie waren nur von kurzer Dauer. Was in der Öffentlichkeit in Erinnerung blieb aus jenen Jahren nach seinem Weggang aus Berlin, waren durchweg Dinge, die sein Image befeuerten. Sein Karatetritt gegen den Wolfsburger Makato Hasebe, als er zu Borussia Dortmund ausgeliehen wurde. Sein Rauswurf aus der U21-Nationalmannschaft, der übereilte Entschluss, nun für Ghana, das Land seines Vaters zu spielen. Das Foul gegen Michael Ballack im englischen FA-Cup-Finale 2010, das ihn zur persona non grata in Deutschland machte. Das alles gehört zu seiner Vita.

Es gab wohl keinen aktiven Fußballer, der in Deutschland einen miserableren Leumund hatte. „Fiesling der Bundesliga“, so nannte ihn Lothar Matthäus. Boateng war nun endgültig der Halbstarke aus dem Wedding, das Ghetto-Kid. Kurzum, nichts war einfacher als den Mann mit den exzentrischen Käppis und Tattoos in eine Schublade zu stecken. „Der macht einen auf Rapper aus der Bronx“, schrieb einst die „Daily Mail“, nur mit seinen Moves käme er nicht hinterher. Dass der Sommer 2010 für ihn zur Wende wurde, wurde in Deutschland lange nicht wahrgenommen. Er spielte eine brillante WM, die Titelkämpfe waren seine Bühne, erst im Viertelfinale das Aus für Ghana, selbst Nelson Mandela gratulierte. „Jene Begegnung“, sagte Boateng am Donnerstag, sei für ihn eine der beeindruckendsten in seinem Leben gewesen. Der AC Mailand verpflichtete ihn. Neuer Berater, neues Image, er wolle noch mal durchstarten. Und was scherte die Italiener schon ein verletzter Ballack? Mit Mailand wurde er im ersten Jahr Meister, sein Moonwalk à la Michael Jackson bei der Titelfeier verzückte San Siro. Dazu seine neue Freundin, Melissa Satta, ein Showgirl, die auch in Genf an seiner Seite war.

„Boa“ nennen sie ihn in Italien, mittlerweile ist er eine Marke. Sie lieben ihn für das, was er auf dem Platz macht. Dass er ein bisschen verrückt ist, wer ist das nicht, sagen sie. Er lasse sich nichts zu Schulden kommen, sagt er. Am heutigen Freitag wird Boateng nach Zürich in die Zentrale des Weltverbandes reisen.Fifa-Chef Josef Blatter bat um ein Gespräch mit ihm. Ausgerechnet Blatter, der vor gut einem Jahr noch sagte, Rassismus im Fußball? Aber bitte, meine Herren. Nein, da gebe einer dem anderen nach dem Spiel brav die Hand und alle Verunglimpfungen zuvor seien vergessen. Dazu kritisierte er Boateng zunächst für seinen Abgang nach den rassistischen Beschimpfungen in Busto Arzisio. Als das hohe Wellen schlug, da fühlte sich Blatter missverstanden und lobte Boateng. Mittlerweile sieht er als Vorreiter. Die Fifa hat gar eine Task Force gegen Diskriminierung eingesetzt.

Plötzlich ein Vorbild

Vor ein paar Wochen, als die letzten Ausläufer des Winters in Berlin eine kurze Pause einlegten, da war der Fußball-Käfig an der Panke im Wedding gut frequentiert. Auch Sunny, ein zwölf Jahre alter Junge spielt dort. Mutter Deutsche, Vater aus Mosambik. „Wie bei Boateng“, sagt er. „Na ja, fast“, schiebt er hinterher. Er hat das rot-schwarze Trikot des AC Mailand an. Es ist mit „Prince“ beflockt, so wie Boatengs Trikot in Mailand auch. Kein Original, viel zu teuer, ein günstiges vom Schwarzmarkt. „Prince ist mein Vorbild, er hat es geschafft“, sagt er. Es ist Boatengs Geschichte vom Ghetto-Kid zum Millionär, die er meint. „Der hat doch ein cooles Leben.“ Aber dann spricht er noch über die Ereignisse Anfang Januar im 1000 Kilometer entfernten Busto Arsizio: „Wenn mich wieder welche bei Spielen als Nigger beschimpfen, dann hör ich auch auf. So wie der Prince.“