Nationalelf

Die Suche nach dem deutschen Messi

Götze, Özil, Reus? Für sein neues System braucht Löw keinen klassischen Stürmer

Martin Max hatte in den vergangenen Tagen ein Déjà-vu. Wenn er einen Bericht über den Leverkusener Stürmer Stefan Kießling las, der abermals nicht von Bundestrainer Joachim Löw für den Kader der deutschen Nationalmannschaft berücksichtigt worden war, fühlte sich Max an seine aktive Zeit erinnert. Daran, als er 2000 mit 19 Treffern Torschützenkönig der Bundesliga wurde. Oder an 2002, als er sich die Auszeichnung mit 18 Treffern erwarb. Die Medien feierten den Angreifer von 1860 München. Doch die Bundestrainer Erich Ribbeck und Rudi Völler ließen Max links liegen. Statt seiner wurde Carsten Jancker nominiert, der 2002 kein einziges Saisontor erzielte. „Wir teilen das gleiche Schicksal“, sagt Max über Kießling. „Du triffst und triffst und wirst trotzdem ignoriert. Ich weiß genau, wie sich Stefan fühlt.“ Er könne nachvollziehen, dass sein Bruder im Geiste den Kampf um einen Platz im Team jetzt aufgegeben habe.

Festhalten an Klose und Gomez

Kießling hatte vor den anstehenden WM-Qualifikationsspielen gegen Kasachstan am Freitag (19 Uhr/ZDF) und Dienstag das Thema Nationalelf als für ihn beendet erklärt. Vorerst. Einen Rücktritt schloss er via Bild aus. „Warum sollte ich? Im Fußball kann alles immer ganz schnell gehen.“ Beim aktuellen Bundestrainer aber sehe er „keine großen Chancen mehr“. Denn Joachim Löw – das ließ er auch in diesen Tagen wieder wissen – hat andere Pläne. Im einstudierten 4-2-3-1-System mit einem Angreifer will Löw weiterhin nur auf den derzeit verletzten Miroslav Klose sowie Mario Gomez setzen. Die zwei klassischen Stürmer reichen ihm völlig aus. Sie seien international sehr erfahren. Bei Kießling hingegen, so Löw unlängst, würde die Luft international manchmal dünner werden.

Vor allem aber möchte Löw im Hinblick auf die WM 2014 in Brasilien das spanische System mit einem „falschen Neuner“ im Angriff einstudieren. Doch für die Neuerung braucht Löw keinen gelernten Stürmer, der im Strafraum auf Vorlagen wartet. Sondern spielintelligente, technisch versierte und schnelle Mittelfeldspieler, die zudem abschlussstark sind. Und da gibt es einige Kandidaten in seinen Reihen. Beim Testspiel gegen die Niederlande im November agierte der Dortmunder Mario Götze als verkappter Angreifer, wenn auch etwas glücklos. Das Spiel endete 0:0. Viel besser lief es dagegen im Februar in Frankreich. Beim 2:1 gegen die „Equipe Tricolore“ agierte Spielmacher Mesut Özil in der zweiten Halbzeit nach der Auswechslung von Gomez in vorderster Front.

„Es ist eine Möglichkeit, Mario Götze vorn spielen zu lassen“, sagt Löws Assistent Hansi Flick vor dem ersten Duell mit Kasachstan, wohin die deutsche Elf am Donnerstagmorgen aufgebrochen ist. Was für Götze oder aber auch einen Einsatz seines Dortmunder Mitspielers Marco Reus als „falschen Neuner“ spricht, ist die Tatsache, dass die deutsche Elf in Astana auf Kunstrasen spielen muss. Darauf spielt zwar kein Profi gern, jedoch kommen kleine, wendige Spieler damit besser klar. „Mit einem spielenden Neuner kann man sehr flexibel spielen, hat offensiv viele Möglichkeiten“, sagte Götze. Es sei keine ungewohnte Position für ihn: „Ich denke, sie unterscheidet sich nicht sehr von der Zehner-Position, die ich in Dortmund spiele. Es sind nur Nuancen.“

Barcelona als Vorbild

Von den Experten gibt es Lob für Löw und das Ziel, ein weiteres System einzustudieren. „Der Bundestrainer forciert die Variabilität. Das ist eine sehr faszinierende Idee, zumal er in der glücklichen Lage ist, dafür auch noch die richtigen Spieler zu haben“, sagte Günter Netzer. Für den Weltmeister von 1974 ist der FC Barcelona diesbezüglich das Vorzeigebeispiel. „Aber man darf nicht vergessen, das Barcelona Lionel Messi hat. Und der ist außergewöhnlich gut. Das heißt, der Bundestrainer braucht wirklich Spieler, die taktisch auf ganz hohem Niveau und auf dem Platz flexibel agieren können. Denn dieses Spielsystem fordert dich.“

Auch Fredi Bobic, Europameister von 1996, gefällt die Experimentierfreude des Bundestrainers in der Offensive. Jedoch bricht der frühere Nationalstürmer eine Lanze für seine Nachfolger. „Es ist nicht schlecht, ein Spielsystem mit einem verkappten Angreifer zu beherrschen. Aber es gibt immer wieder Situationen in einem Spiel, in denen du vorn einen Keilstürmer brauchst, der da ist, um den Ball zu versenken. Die Spanier spielen ja ähnlich wie Barcelona, haben aber immer noch Fernando Torres in der Hinterhand.“

Was diese Option betrifft, setzt Bundestrainer Löw auf Klose und Gomez – nicht aber auf Stefan Kießling. Die Diskussion um die Nichtberücksichtigung des Leverkuseners ist mittlerweile delikat geworden. Hinter den Kulissen wurde zuletzt aufgeregt zum Telefon gegriffen, um Befindlichkeiten zu klären. So meldete sich die Medien- und Kommunikationsabteilung des DFB bei ihren Kollegen vom FC Bayern und ließ sie wissen, dass Löw „not amused“ über eine Aussage von Jupp Heynckes war. Der Bayern-Trainer hatte gesagt, dass Kießling „100 Prozent einer für die Nationalmannschaft“ wäre. Dieses Lob wertete Löw als Einmischung in seine Arbeit. Aber auch Dortmunds Trainer Jürgen Klopp hatte am vergangenen Wochenende gesagt, dass er Kießling mitgenommen hätte zu den Länderspielen. Mit dem Zusatz, dass dies keine Kritik sei.

Der Bundestrainer hält an seiner Linie fest. Daran konnte auch Martin Max zu seiner Zeit nichts ändern. „Es kam der Zeitpunkt, da war es mir dann egal. Vielleicht habe ich damals beim falschen Verein gespielt und hatte deshalb keine Lobby. Wer weiß?“