Interview

„Vettel erinnert mich an Ali“

Formel-1-Chef Bernie Ecclestone freut sich auf das Duell zwischen dem deutschen Titelverteidiger und Ex-Champion Alonso

Auch im Alter von 82 Jahren ist Bernie Ecclestone der uneingeschränkte Herrscher der Formel 1. Müde fühle er sich trotzdem nicht, sagt der Brite: „Und dafür bin ich sehr dankbar.“ Daran ändern auch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München wenig, die gegen ihn laufen. Was der einstige Reifenhändler sagt, das wird in der Formel 1 gemacht. Inzwischen seit mehr als 35 Jahren. Morgenpost-Mitarbeiter Burkhard Nuppeney sprach mit Ecclestone.

Berliner Morgenpost:

Mister Ecclestone, wissen Sie denn, wie viele Grand-Prix-Jahrgänge Sie schon erlebt haben?

Bernie Ecclestone:

Das müssen Hunderte sein… Nein, im Ernst: Ich war schon in den Fünfzigern in Monte Carlo dabei. Die haben mir kürzlich sogar einen Preis verliehen, weil ich bei 40 Rennen hintereinander immer anwesend war. Einmal habe ich sogar versucht, mich für das Formel-1-Rennen dort zu qualifizieren – vergeblich.

Was machen Sie eigentlich, wenn Sie mal Freizeit haben?

Ich habe keine.

Sie haben wirklich nie mal einen Tag frei und spielen Golf?

Wenn ich mit meiner Frau nicht bei einem Rennen oder in meinem Büro bin, unternehmen wir etwas gemeinsam. Aber nichts Besonderes, sondern irgendetwas, das nichts mit meinen Geschäften zu tun hat.

Sie sind eine gefühlte Ewigkeit in der Formel 1. Gibt es einen Sport, der Sie außerdem noch interessiert?

Tennis, manchmal Fußball. Und Snooker sehe ich mir gern im Fernsehen an.

Okay, dann reden wir lieber über die Formel 1. Was wünschen Sie sich für die neue Saison?

Dass Ferrari da fährt, wo es hingehört, nämlich ganz weit vorn. Ich wünsche mir auch, dass sie das von Anfang an hinkriegen statt erst gegen Mitte der Saison.

Wäre es langweilig, wenn Sebastian Vettel 2013 seinen vierten Titel hintereinander gewinnen würde?

Ich antworte auf ihre Frage genau wie damals, als Michael Schumacher einen WM-Titel nach dem anderen gewann und als Muhammad Ali fast unbesiegbar war: Bei diesen Seriensiegern warten immer alle darauf, dass sie endlich bezwungen werden. Die Leute kommen, um dabei zu sein, wenn es so weit ist.

Fernando Alonso wurde von den Chefs aller Teams vor Vettel zum besten Fahrer des Jahres gewählt. Was halten Sie davon?

Vielleicht liegt es daran, dass sein Fahrstil aggressiver scheint. Vielleicht auch daran, dass er im Vergleich zu Vettel dazu gezwungen war, aggressiver zu fahren, weil sein Ferrari unterlegen war. Ich glaube, dass Alonso mehr auffällt. Er kann mit der Politik in der Formel 1 auf eine spektakulärere Art umgehen. Er fährt bei Ferrari, vergessen Sie das nicht!

Was denken Sie über Vettel?

Er ist sehr intelligent. Er weiß genau, was im Fahrerlager und in seinem Team passiert, was sein Job ist. Ich vergleiche ihn ein bisschen mit dem großen Juan Manuel Fangio. Der wusste auch immer, was gut war und wie er Rennen gewinnt. Ich finde es interessant, dass viele Leute glauben, dass Vettel angeblich nur deshalb dreimal den Titel gewonnen hat, weil er im besten Auto saß.

Sehen Sie das auch so?

Vielleicht haben diese Leute recht. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Alonso im vergangenen Jahr mit einem Auto Rennen gewonnen hat, das nicht die Klasse von Vettels Red Bull hatte. Ferrari hatte Glück, dass sie Alonso hatten.

Fahren Alonso und Vettel, unabhängig von diesen Spekulationen, auf demselben Niveau?

Wenn ich Teamchef wäre, könnte ich mich zwischen diesen Fahrern nicht entscheiden. Ich würde eine Münze werfen.

Was macht Red Bull so stark?

Sie haben gute Leute und ein sehr gutes Management. Christian Horner macht einen hervorragenden Job. Der Hauptgrund für ihren Erfolg ist, dass sie schnell Entscheidungen treffen und diese dann ohne Wenn und Aber umsetzen. Alle anderen Teams, auch Ferrari, brauchen dafür mehr Zeit und arbeiten nicht so effizient wie Red Bull.

Welche Rolle spielt dabei Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz?

Er ist derjenige, der am Ende die Entscheidungen trifft. Schnell und effizient.

Genau daran hat es Ferrari in der Vorsaison gemangelt.

Das Problem ist, dass das Team eine so lange Tradition hat. Damit erregt es, egal ob in Italien oder anderswo auf der Welt, immer eine große Aufmerksamkeit. Das erhöht die Angst, Fehler zu machen. Sie fürchten es, in der Öffentlichkeit schlecht dazustehen. Also agieren sie lieber ein bisschen konservativer. Ich finde: zu konservativ. Red Bull ist dagegen mit Mateschitz in einer anderen Position. Er ist ein mehr oder weniger unabhängiger Geschäftsmann. Er ist sein eigener Boss und kann entscheiden, wie er will. Luca di Montezemolo (Konzernchef von Ferrari, Anm. d. Red.) muss bei Ferrari dagegen immer politisch handeln.

Was erwarten Sie in dieser Saison von Mercedes?

Sie haben vom Reglement her dieselbe Grundausrüstung, dasselbe Material und dieselben Reifen wie alle anderen Teams. Sie haben in Lewis Hamilton einen der besten, wenn nicht den besten Fahrer. Und sie haben den besten Motor. Wenn ich ein Formel-1-Team hätte, würde ich einen Mercedes-Motor einsetzen. Was also steht einem Erfolg im Weg?

Was können die neuen Entscheidungsträger Toto Wolff und Niki Lauda bewegen?

Das Gute an diesen beiden Männern ist, dass sie angetreten sind, um zu gewinnen. Ich glaube, dass sie wissen, welche Veränderungen im Team notwendig sind, um zu gewinnen. Die werden sie umsetzen.

Wie gestalten sich Ihre juristischen Probleme mit der Münchner Staatsanwaltschaft?

Das Leben ist manchmal nicht so fair, wie es sein sollte. Die meisten Menschen vermuten oft nur Dinge, weil sie die wirklichen Hintergründe und die Wahrheit nicht kennen. Sie bilden sich ihre Meinung aus dem, was sie in den Zeitungen lesen. Wissen Sie, ich nehme das Leben, wie es ist. Es ist manchmal wie ein Kartenspiel. Sie bekommen Karten in die Hand, und die müssen sie spielen.

Haben Sie keine Angst vor einer Verurteilung?

Ich hatte und habe keine Angst. Vor nichts und niemandem. Noch nie gehabt.