Interview

„Ich wollte niemals Trainer werden“

Füchse-Coach Dagur Sigurdsson über Berlin, sein Leben in Japan und das Hostel in Reykjavik

Seit 2009 ist Dagur Sigurdsson Cheftrainer der Füchse Berlin. Der 39-jährige Isländer, Vater von zwei Töchtern (15 und 13 Jahre alt) und eines Sohnes (10), spielte einst als Profi in Wuppertal, in Hiroshima/Japan und in Österreich für Bregenz. Vor dem Achtelfinal-Hinspiel des Berliner Handballteams in der Champions League bei Atletico Madrid am Sonntag (18 Uhr, Eurosport) sprach Sebastian Arlt mit Sigurdsson über den Charakter der Mannschaft, Verantwortung in jungen Jahren, Leben in Japan und seine Affinität zur Gastronomie.

Berliner Morgenpost:

Herr Sigurdsson, im vergangenen Jahr stand Ihre Mannschaft im Final Four der Champions League, diesmal haben sich die Füchse als Gruppenzweiter souverän fürs Achtelfinale qualifiziert. Wenn Ihnen das vor drei Jahren jemand gesagt hätte…

Dagur Sigurdsson:

…nein, nein, das hätte niemand erwartet, ich natürlich auch nicht. Vor allem spielen wir ja in diesem Jahr wirklich noch eine bessere Champions-League-Saison als letztes Jahr. Wir haben eine gewisse Reife gezeigt.

Verraten Sie uns Ihr Erfolgsgeheimnis?

Das hat nichts mit einem Geheimnis zu tun. Es sind viele Dinge zusammengekommen. Ich habe vor allem das Glück gehabt, hier in Ruhe arbeiten zu können. Ich habe volle Unterstützung von Bob Hanning (Anm.: d. Red.: Geschäftsführer der Füchse) und dem ganzen Klub bekommen. Vielleicht strahlt das auch auf die Spieler aus.

Das ist alles?

Wir haben inzwischen auch eine andere Mentalität in der Mannschaft, wir haben Siegertypen mit tollem Charakter geholt. Das ist der Schlüssel. In diesem Jahr haben wir super Signale gesetzt, der Punkt gegen Kiel und der Sieg gegen Barcelona haben gezeigt, was wir alles können.

Das Renommee ist gestiegen, die Füchse sind in Europa zu einer Größe geworden.

Unser Standing ist sehr hoch geworden ist. Das sieht man auch daran, dass wir für viele Spieler interessant geworden sind. Wenn das Geld da wäre, könnten wir fast jeden Spieler bekommen. Die Leute wollen hierher. Wir sind auf einer absolut anderen Ebene als vorher. Gerade der Sieg gegen Barcelona hat da ein Signal gesetzt.

Im Sommer kommen ja sechs neue Spieler, weil ein halbes Dutzend den Klub verlässt. Wie schwierig war es für Sie, dem einen oder anderen zu sagen: Du wirst nach dem Sommer nicht mehr bei uns sein?

Das war sehr, sehr schwer und hat wehgetan. Man muss allerdings auch sagen, dass es in beide Richtungen geht: Spieler haben uns ja auch abgesagt und werden künftig ihren eigenen Weg gehen. Anfangs war die Stimmung im Training schon eine besondere, aber mittlerweile sind wir wieder auf einem guten Weg. Schließlich haben wir in der Rückrunde einen guten Start erwischt, das war wichtig für uns.

Einer, der aus freien Stücken geht, ist Kapitän Torsten Laen. Er will die Karriere in Dänemark ausklingen lassen und hat schon mal angekündigt, nicht Trainer werden zu wollen…

…das kenn’ ich. Ich wollte ja eigentlich auch kein Trainer sein. Ich wurde ziemlich jung Spielertrainer in Bregenz, vier Jahre lang habe ich das gemacht. Dann sollte Schluss sein mit dem Trainerjob.

Daraus wurde nichts, weil Bob Hanning (Anm. d. Red.: Geschäftsführer der Füchse) Sie angerufen hat.

Richtig. Zu dieser Zeit war ich Geschäftsführer von Valur Reykjavik, einem großen Klub mit vielen Abteilungen, einem eigenen Stadion und eigenen Hallen. Da hatte ich weniger mit dem Sport an sich als mit Organisation und Finanzen zu tun.

Warum haben Sie dann in Bezug auf den Trainerjob Ihre Meinung geändert?

Ich habe immer gesagt: Ich würde schon bei den fünf oder sechs Top-Klubs in Deutschland anfangen – oder in Berlin.

Warum Berlin?

Das Projekt hat mich einfach interessiert. Und ich kannte Bob Hanning. Mit der Familie war ich ja elf Jahre im Ausland und dann endlich wieder zu Hause im eigenen Haus. Da musste schon etwas Besonderes kommen, damit wir weggehen.

Was hat denn Ihre Frau gesagt, als Sie ihr eröffnet haben, dass es nach Berlin geht?

(lacht) Nein, nein, so lief das nicht. Ich habe natürlich nicht gesagt: Wir gehen jetzt wieder weg. Ich habe ganz nett gefragt, ob sie Lust hätte, wenn ich das Angebot bekommen würde.

Die Familie muss immer dabei sein, wenn Sie irgendwo arbeiten?

Ja. Wir haben immer alles zusammen gemacht: Wir waren erst lange in Wuppertal, dann drei Jahre in Japan, vier Jahre in Österreich, jetzt sind wir seit 2009 in Berlin. Und wir waren und sind überall glücklich und haben immer guten Kontakt gefunden.

Was ist Ihnen denn von Japan in Erinnerung geblieben?

Drei Jahre lang haben wir in Hiroshima gewohnt. Die Mädels waren in einem japanischen Kindergarten. Es war eine spannende Zeit, wir haben eine interessante Kultur kennengelernt. Davon sind wir immer noch fasziniert.

Gibt es bei Ihnen zu Hause ab und an noch japanisches Essen?

Ja, wir gehen auch gern japanisch essen.

Mit der Familie viel unterwegs zu sein, bedeutet auch, viel Verantwortung zu haben.

Natürlich. Ich habe viel Glück gehabt, dass ich schon als junger Mann Verantwortung übernehmen konnte. Ich wurde früh Kapitän im Klub und bei der Nationalmannschaft, zu dieser Zeit hatte ich eine Weile lang auch eine Kneipe. In Bregenz wurde ich sehr jung Spielertrainer. Auch als wir in Hiroshima gelebt haben, habe ich viel Verantwortung für die Familie getragen. Als Geschäftsführer in einem großen Verein ebenfalls. Ich mag es, die Fäden selbst in der Hand zu haben.

Zum Beispiel auch als Kneipier.

Ja, als ich 20 Jahre alt war, habe ich gemeinsam mit meinem Bruder ein Café mit Kneipe in der Einkaufsstraße in Reykjavik aufgemacht. Daneben habe ich studiert und Handball gespielt. Da gab es sehr viel zu tun. Ich habe in dieser Zeit sehr viel gelernt, weil ich gleich Verantwortung für Mitarbeiter übernehmen musste. Das war eine gute Schule fürs Leben.

Die Gastronomie hat Sie nicht losgelassen: Jetzt sind Sie Teilhaber an einem Hostel in der Nähe des Hafens von Reykjavik.

Wir sind ein paar Sportler, die sich zusammengetan haben. Zum Beispiel ist der Fußballer Eidur Gudjohnsen (Anm. d. Red.: ehemals Profi beim FC Chelsea und FC Barcelona) dabei. Vor zwei Jahren wurde das Hostel in einer ehemaligen Keksfabrik eröffnet.

Was haben Sie dabei zu tun?

Wir sind Teilhaber, das operative Geschäft machen andere; ich verfolge das über Internet und Facebook. Das Publikum besteht vor allem aus jungen Leuten, viele Künstler sind dabei, eine große Musikszene verkehrt dort. Es gehört ein sehr gutes Restaurant dazu und eine der besten Kneipen des Landes. Man kann schon sagen: Das ist einer der Hot Spots in Island.