Jupp Heynckes

Keine Lust auf Schlips und Anzug

| Lesedauer: 6 Minuten
Julien Wolff

Heynckes ärgert sich über ein unnötiges Jobangebot von Vorstandsboss Rummenigge. Bayern jagen eigenen Rekord

Manchmal hilft nur die Aussicht auf ein gutes Essen. 129 Spiele hatte Jerome Boateng in der Bundesliga bis zum Sonnabend absolviert und kein Tor geschossen – obwohl der Verteidiger des FC Bayern München 1,92 Meter groß und kopfballstark ist. Was macht ein Trainer da? Wie schafft er es, dass Boateng in der 86. Minute des Heimspiels gegen Fortuna Düsseldorf plötzlich nach vorn sprintet, eine Flanke seines Kapitäns Philipp Lahm so entschlossen zum 3:2 (1:1) ins Tor köpft, als hätte er nie etwas anderes gemacht und danach wild über das Spielfeld rennt wie einer, der gerade das WM-Finale gewonnen hat? „Der Trainer hat mir gesagt, wenn ich in dieser Saison noch ein Tor erziele, gibt er für die Mannschaft ein Abendessen aus“, erklärte Boateng nach dem Abpfiff und strahlte. Beim Jubeln hatte er auf Jupp Heynckes gezeigt.

Die Bayern haben ihren Vorsprung auf den Tabellenzweiten Borussia Dortmund dank des achten Ligasieges in Folge auf 20 Punkte ausgebaut. Sie wollen ihren eigenen Rekord aus der Saison 1972/73, als sie mit 20 Zählern Vorsprung vor dem 1. FC Köln Meister wurden, unbedingt verbessern. Da müsste einer wie Heynckes doch Lust haben, auch nach seinem Vertragsende im Sommer mit einer solchen Mannschaft zu arbeiten. Wenn schon nicht als Trainer – das ist vom Sommer an der Spanier Pep Guardiola – dann als Berater des Klubs oder Mitglied in einem Gremium. Dachte sich Karl-Heinz Rummenigge.

Unmissverständliche Ablehnung

In einem Interview mit der Münchner „Abendzeitung“ bot der Klubchef Heynckes diese Möglichkeit an, nannte als Beispiel eine Funktion als Beirat – und verärgerte ungewollt seinen Trainer. Im Gegensatz zu Boateng ist Heynckes aus seiner Sicht nicht das Richtige in Aussicht gestellt worden. Zu Rummenigges Äußerungen sagte der Trainer: „Das überrascht mich. Nach 50 Jahren im Fußball nehme ich kein Funktionärsamt an, das ist nicht meine Welt. Vor einiger Zeit hat mein Verein, das ist Borussia Mönchengladbach, mir das Vizepräsidentenamt angeboten. Da habe ich auch abgelehnt“, so Heynckes. „Es wäre besser gewesen, wenn er erst mit mir gesprochen hätte.“

Hat er doch! Meint zumindest Rummenigge. Bereits im Januar, einen Tag nach der Bekanntgabe des Guardiola-Transfers, hatte der Klubchef von einem zweistündigen Gespräch mit Heynckes berichtet. Er habe dem Trainer angeboten, ihn weiter einzubinden. Heynckes habe ihm gesagt, er wolle „ein paar Nächte darüber schlafen“. Erstaunlich, dass sich der Trainer nun beschwert, er habe von dem Jobangebot aus den Medien erfahren.

Das Missverständnis zeigt: Die Planung seiner Zukunft ist für Heynckes ein äußerst sensibles Thema. Auch seine langjährige Freundschaft zu den Bayern-Bossen kann da nicht verhindern, dass er in dieser Angelegenheit dünnhäutig geworden ist. Weil es der letzte Schritt seiner Karriere ist, den der 67-Jährige selbst bestimmen kann. Heynckes will sich erst nach der Saison dazu äußern. Wenn er auf seinem Bauernhof in Schwalmtal sitze, sagte er kürzlich. Er sieht sich offenbar entweder als Privatier in Jeans und Karohemd auf seinem Hof oder als Trainer in Sportkleidung auf dem Rasen. Nur nicht in Schlips und Anzug in Sitzungen, nur nicht als Funktionär.

Ob er beim FC Bayern seinen Vertrag als Trainer verlängert, konnte Heynckes nicht selbst entscheiden. Der Klub verpflichtete Ende des vergangenen Jahres Guardiola. Nun gibt es zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen Irritationen. Die erneuten Kommunikationsprobleme mit der Klubführung lassen darauf schließen, dass aus diesen letzten Wochen des Jahres 2012 etwas hängen geblieben ist bei dem Fußballlehrer. Der Wunsch nach Anerkennung scheint bei ihm größer geworden zu sein in letzter Zeit. Ehrungen im vollen Stadion wie kürzlich bei seinem 1000. Spiel mag er nicht. Erfolg als Bestätigung schon. Uli Hoeneß, sein Freund und Klubpräsident, brachte es mal auf den Punkt: „Jupp braucht den Applaus.“ Dass die Verantwortlichen des FC Schalke 04 angeblich über eine Verpflichtung von Heynckes gesprochen haben, hat Heynckes geschmeichelt.

Sammer kritisiert Redefreude

Zudem möchte Heynckes keine weiteren Nebenkriegsschauplätze eröffnen. Ein paar gibt es eh immer beim FC Bayern, und deshalb soll nicht noch mehr dazukommen, was die Mannschaft ablenken könnte. Sie ist so stark und stabil wie lange nicht, sie hat realistische Chancen auf das Tripel, sie kann Heynckes den perfekten Abschied vom FC Bayern bereiten. Nun kreiert er mit seinen Äußerungen selbst ein Thema. Offenbar nimmt er das bewusst in Kauf. Auch wenn der Sportvorstand Matthias Sammer kritisierte: „Wir reden ein bisschen zu viel.“

Am Mittwoch empfangen die Bayern im Rückspiel des Achtelfinals der Champions League den FC Arsenal (Hinspiel: 3:1). Wohl auch deshalb wirkte Jupp Heynckes dankbar über die intensive Gegenwehr der Düsseldorfer. „Das Spiel hat gezeigt, dass wir die Spiele nicht schon vor dem Anpfiff gewonnen haben“, sagte der Trainer. Läuft es für die Bayern in der Liga optimal, sind sie bereits Ostern Meister – so früh wie nie zuvor. Sollte ihm seine Mannschaft diese Möglichkeit mit Siegen in den nächsten Spielen anbieten, Heynckes wird sie annehmen. Und sicher gern wieder etwas ausgeben, selbst wenn Boateng nicht trifft.