Hertha BSC

Vom Glück, wieder Fußball zu spielen

Hertha trifft auf Duisburg und das Juwel Julian Koch, dessen Karriere eigentlich schon vorbei war

–Es ist Zeit, etwas zurückzuzahlen für Julian Koch. Wenn der 22-Jährige heute mit dem MSV Duisburg im Olympiastadion auf Hertha BSC trifft (13.30 Uhr/Sky), wird auf der Tribüne jemand zusehen, der maßgeblich daran beteiligt war, dass der Defensiv-Allrounder überhaupt mitspielen, ja, dass er überhaupt wieder laufen kann: Dr. Andreas Weiler. Der Berliner Kniespezialist hat Koch operiert, als die Karriere eines der vielversprechendsten Talente des deutschen Fußballs vor dem Ende stand: „Ich habe ihn eingeladen“, sagt Koch. „Es soll ein kleines Dankeschön sein, denn er hat mich wieder auf Vordermann gebracht.“

Auf Vordermann, sagt Koch, als hätte es diese Nacht im Februar 2011 nicht gegeben. Beim Auswärtsspiel des MSV gegen Rot-Weiß Oberhausen zog er sich einen Außenbandanriss sowie einen Anriss des vorderen Kreuzbandes im rechten Knie zu. Weil die Schmerzen über Nacht immer stärker wurden, fuhr er ins Krankenhaus. Dort diagnostizierten die Ärzte das Kompartmentsyndrom, Durchblutungsstörungen im Oberschenkel, die zu Gewebe- und Organschädigungen führen. Koch drohte sogar, sein rechtes Bein zu verlieren. Nur eine Notoperation rettete ihn damals vor einer Amputation. Wenn Julian Koch an jene Zeit zurückdenkt, erschrickt er immer noch ein wenig vor sich selbst: „Als es passierte, habe ich gar nicht richtig verstanden, was auf dem Spiel stand. Die Ärzte haben mir zwar gesagt, dass es schlecht aussieht, aber ich habe das überhaupt nicht angenommen und versucht, nur positiv zu denken.“ Diese Naivität sei es letztlich gewesen, „die mir geholfen hat, das alles zu überstehen“.

Der 22-Jährige verlor fast sein Bein

Der Verlust seines rechten Beins wäre „das Schlimmste gewesen, was ich mir hätte vorstellen können“, sagt Koch. Und es hätte den Endpunkt einer Profikarriere markiert, die gerade erst Fahrt aufgenommen hatte. Ausgebildet in der Nachwuchsakademie von Borussia Dortmund wurde der gebürtige Sauerländer 2010 zum Zweitligisten MSV Duisburg ausgeliehen. Dortmunds Trainer Jürgen Klopp wollte dem Juniorennationalspieler Spielpraxis geben und hoffte, dass der Blondschopf sich bei den „Zebras“ zum Stammspieler entwickelt. Koch erfüllte die Erwartungen: Unter Trainer Milan Sasic verpasste er bis zur Winterpause keine Minute, führte den MSV auf Platz fünf und wurde vom „Kicker“ sogar zum besten defensiven Mittelfeldspieler der Hinrunde gewählt. Auch im DFB-Pokal sorgte Koch für Furore, als er mit starken Leistungen maßgeblich daran beteiligt war, dass der Revierklub zunächst bis ins Viertelfinale vordrang. Erst die schwere Knieverletzung stoppte ihn. Als seine Kollegen ohne ihn ins Pokalfinale gegen Schalke 04 einzogen, zeigten sie sein Trikot und Schilder mit Genesungswünschen in die Kameras. „Das hat mir Mut gegeben und gezeigt, dass ich beim MSV die Zeit bekommen würde, wieder in Ruhe zurückzukommen.“ Doch zunächst musste Koch zum BVB zurückkehren, wurde mit den Borussen Deutscher Meister 2012, ohne eine Sekunde auf dem Feld gestanden zu haben, und verlängerte trotzdem seinen Vertrag bis 2014. Erneut lieh ihn Duisburg aus. Nach anderthalb Jahren Reha und 616 Tagen ohne Pflichtspiel gab Koch gegen den FSV Frankfurt am 3. November sein Comeback. „Ich bin einfach nur glücklich, wieder Fußball spielen zu können“, sagt er. Die Nacht im Frühjahr 2011, als seine Karriere vor dem Aus stand, habe in ihm vieles verändert: „Ich nehme den Fußball nicht mehr als etwas Selbstverständliches und habe eine ganz andere Sicht auf meinen Körper.“

Respekt vor Ronny und Hertha

Koch hat sich seinen Stammplatz in Duisburg zurückerobert und stand in jedem Spiel seit dem Comeback auf dem Platz. Seit seiner Rückkehr hat der MSV 19 seiner 27 Punkte geholt und nicht nur dem Tabellendritten Kaiserslautern ein Unentschieden (0:0) abgerungen, sondern am Montag sogar Eintracht Braunschweig (1:0) die erst dritte Niederlage dieser Spielzeit zugefügt und die Abstiegsränge vorerst verlassen. „Der Sieg gegen Braunschweig war für uns sehr wichtig im Abstiegskampf. Er wird uns noch einmal einen Schub für die Partie gegen Hertha geben“, glaubt der Defensivspieler.

Koch hofft, dass sein Team auch die Berliner überrumpeln kann und drei Punkte aus dem Olympiastadion mitnehmen wird. Dennoch sagt er: „Hertha ist das Nonplusultra der Liga. Sie sind das spielstärkste Team und werden auf jeden Fall aufsteigen. Wenn wir in Berlin einen Punkt holen, wäre das schon ein riesiger Erfolg.“ Auf Koch, den sein Trainer Kosta Runjaic derzeit auf seiner Lieblingsposition im defensiven Mittelfeld einsetzt, wird die Aufgabe zukommen, Herthas Spielmacher und Freistoßspezialisten Ronny zu stoppen, der mit zwölf Treffern und zehn Vorlagen der Topscorer der Liga ist. „Auf ihn muss ich mich gefasst machen. Er ist nicht nur extrem spielstark. Er hat darüber hinaus auch eine ordentliche Fackel. Da gilt es, dumme Fouls vor dem Strafraum zu verhindern“ sagt Koch.

Mit einem Sieg würde Duisburg einen großen Schritt Richtung Klassenerhalt machen. Ob Koch dann auch im nächsten Jahr noch an der Wedau spielt, entscheidet sich in den kommenden Wochen. Denn auch beim BVB würde der Youngster es gern noch einmal versuchen: „Wenn ich die Jungs so toll in der Champions League aufspielen sehe, motiviert mich das sehr. Das ist für mich ein riesiger Ansporn, irgendwann auch Teil des Ganzen zu sein.“ Bis es so weit ist, gilt für Julian Koch aber nur eines: „Ich will einfach gesund bleiben und Fußball spielen.“