Eiskunstlauf

Tanz um Gold

Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy streben bei der WM ihren fünften Titel an

Wie ikonische Athletenbilder aus der Antike erstrahlen ihre Körper im Dunkel; so harmonisch, so definiert. Die Muskeln angespannt bis zum Zerreißen, die Posen majestätisch und doch spielerisch, über jeden Zweifel erhaben. Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy sind Gefangene in diesem Bild und doch auch frei – aneinandergekettet zur perfekten Symbiose. Es ist ein Spiel auf Nähe und Distanz, eingefroren in einem idealtypischen Moment, der den Körper als Kraftwerk zelebriert. „Das Licht war unser Werkzeug, um die Muskeln herauszumeißeln aus der Dunkelheit“, beschreibt Fotograf Thomas Kettner seine Ideen beim Arrangement von Deutschlands besten Eiskunstläufern.

Aber mit Inszenierungen kennen sich Aljona Sawtschenko (29) und Robin Szolkowy (33) natürlich auch selbst ganz gut aus. Sie sind so etwas wie die Meister der Körperkunst auf dem Eis, streben nach der perfekten Balance zwischen technischen Höchstschwierigkeiten und künstlerischem Ausdruck. Seit 2004 gehen sie als Dreiergespann mit ihrem Trainer Ingo Steuer diesen Weg, der selten der einfache war – sie sind Grenzgänger, sie stehen für das Mutige und manchmal auch Kontroverse. Seit Jahren schon sorgen sie damit immer wieder für Erstaunen.

Letzter Meilenstein vor Sotschi

Bei den Weltmeisterschaften, die am Mittwoch in London/Kanada beginnen, soll der fünfte WM-Titel im Paarlauf her. Es ist so etwas wie der letzte große Meilenstein auf dem Weg zum erträumten Olympiasieg bei den Winterspielen 2014 in Sotschi. Sawtschenko/Szolkowy gehören schon jetzt zu den besten Paaren der Eislaufgeschichte, nur Irina Rodnina und Alexander Saizew (Sowjetunion) wurden in den 1970er Jahren öfter Weltmeister. Aber die olympische Krönung, die sie auch auf die nächste Popularitätsstufe hieven würde, die blieb den Deutschen bisher versagt.

Sawtschenko/Szolkowy und ihre Konkurrenten werden sich in Kanada genau beobachten. Schon deshalb sind die Titelkämpfe wichtig. „Wir müssen und wollen uns bewähren. Unsere Gegner schlafen nicht, sie wollen uns besiegen. Aber ich gebe zu: Man könnte eine Niederlage ein klein wenig besser verschmerzen“, sagt Szolkowy mit Blick auf die bereits opulente Titelsammlung. Andererseits will, wer so erfolgsverwöhnt ist, nicht zu oft mit Silber dastehen. Und Sawtschenko/Szolkowy mussten diese Erfahrung gerade erst machen. Bei der EM in Zagreb gewannen mit den Russen Tatjana Wolososchar und Maxim Trankow ihre ärgsten Rivalen.

Vor allem aber gehen die Gedanken schon Richtung Olympiasieg – ein Triumph, den zu übertreffen unmöglich ist. „Aljona und Robin haben eine unglaubliche Leichtigkeit, wenn er sie hochhebt oder wirft. Es sieht alles so schwebend aus“, schwärmt die italienische Weltmeisterin Carolina Kostner, die in Oberstdorf lebt und trainiert. „Sie haben immer den Mut gehabt, außerordentliche Programme und Choreografien zu zeigen. Und sie haben sich nie von anderen verunsichern lassen, dass ihr Weg zu krass wäre.“ In einer Sportart, in der eine Jury entscheidet, bleibt die Frage der Courage immer eine Gratwanderung. „Es ist aber niemals ohne Erfolg, wenn du etwas Neues ausprobierst“, sagt Sawtschenko.

Das Eigene als großes Plus

In dieser Saison ist der sagenumwobene Bolero dran, der so eng und eigentlich untrennbar mit den Briten Jayne Torvill und Christopher Dean verbunden ist. Ihre Interpretation bei den olympischen Winterspielen 1984 brachte ihnen nicht nur Gold, sondern auch Weltruhm ein. Ein Vergleich zwischen den Deutschen und den Briten ist schon wegen des Unterschiedes zwischen Paarlauf und Eistanz sehr gewagt. „Wir wollen die beiden auch gar nicht nachmachen“, sagt Sawtschenko. „Ihr Bolero wird immer der legendäre bleiben“, ergänzt Steuer über Torvill/Dean und kramte daher nicht das Original des Komponisten Maurice Ravel aus dem Jahr 1928 heraus, sondern eine Flamenco-Version. „Das ist eben der Sawtschenko-Szolkowy-Bolero“, verkündet die gebürtige Ukrainerin selbstbewusst. Ein bisschen zu gewagt waren jedoch die tattoo-artigen, bunten Kostüme, mit denen das Duo noch zu Saisonbeginn aufgefallen war. Bei der EM jedenfalls liefen die beiden in einer etwas abgeschwächteren Kostümvariante.

Aber genau dieses Eigene ist ihr großes Plus. „Aljona und Robin strahlen eine Faszination aus. Sie sind so unterschiedliche Typen, die zur selben Zeit so sehr harmonieren. Sie haben das gewisse Etwas“, sagt der ehemalige Eiskunstläufer und heutige TV-Kommentator Daniel Weiss. Die zierliche und quirlige Blondine auf der einen Seite, Szolkowy als ausgleichender Ruhepol auf der anderen. „Wenn du die ersten Schritte gemeinsam auf dem Eis machst, muss es einfach passen“, sagt Szolkowy. „Ich glaube, dort, wo unsere Basis liegt, kommen andere auch nach jahrelangem gemeinsamem Training oft nicht hin.“

Und dennoch, oder vor allem deshalb gilt es für die drei, sich in Richtung Sotschi nicht zu verzetteln. Nicht zu viel wollen, nicht zu kompliziert denken. „Ich habe im Zuge der Spiele von Vancouver gelernt, dass man sich im Vorfeld viel zu viele Gedanken darüber macht, dass es eine besondere, eine olympische Kür werden muss“, sagt Steuer. Damals wurde es Bronze für das Trio, das Gold wollte. „Du fängst an zu verkrampfen, wenn es mit aller Macht etwas Besonderes sein soll.“

Gold peilen sie 2014 erneut an, doch die Situation ist eine andere – auch aus finanzieller Sicht. Denn Sawtschenko/Szolkowy, die ihren Trainer selbst bezahlen, haben mit der Investmentbanking-Gesellschaft ThomasLloyd erstmals einen großen Hauptsponsor. Damit können sie sich noch mehr auf Training und Wettkämpfe konzentrieren. Hinzu kommt vor allem ihre Erfahrung. Sawtschenko: „Wir fühlen uns jetzt reif für die Spiele – das macht uns stärker als je zuvor.“