Fußball

Schalke feiert seinen Rekordjungen

Julian Draxler ist erst 19 Jahre alt. Im Revierderby gegen Dortmund spielt er aber schon zum 100. Mal für seinen Verein

Hin und wieder benötigt die Männerwirtschaft doch noch eine weibliche Hand, dann wird die Wohngemeinschaft vorübergehend zum „Hotel Mama“. Julian Draxler, der mit seinem Bruder Patrick zusammenwohnt, sagt verlegen: „Wir haben das ganz gut im Griff – zumindest haben wir die Bude noch nicht abgerissen.“ Hin und wieder schaut Mama Draxler aber doch vorbei. „Sie hilft viel, kümmert sich um die Wäsche und kocht“, verrät das 19 Jahre alte Talent des Fußball-Bundesligaklubs FC Schalke 04.

Gerade in Zeiten von vielen Englischen Wochen ist dies für Julian Draxler sehr angenehm. Zeit, seine Kochkünste zu kultivieren oder sich um den Haushalt zu kümmern, bleibt ihm kaum: Bundesliga, Champions League und Einladungen zur Nationalmannschaft – die Karriere des Mittelfeldspielers hat in der laufenden Saison so richtig Fahrt aufgenommen. Nun wartet erneut ein Höhepunkt: Ausgerechnet im 142. Revierderby gegen Borussia Dortmund wird Draxler heute sein 100. Pflichtspiel für Schalke bestreiten. Er ist dabei erst 19 Jahre und 170 Tage alt. So früh hat noch kein Bundesligaspieler diese Marke erreicht.

Für den geborenen Gladbecker, der bereits als sieben Jahre alter Nachwuchskicker zu Schalke wechselte, ist das Derby von großer emotionaler Bedeutung: „Ich komme aus einer Schalke-Familie.“ Zusammen mit seinem Vater hat er schon als Kind die Heimspiele im alten Parkstadion besucht. Wer im Ruhrgebiet groß geworden ist und in Gelsenkirchen lebt, weiß genau, was den Menschen dort ein Erfolg über den Erzrivalen bedeutet. Für Draxler ist es normal, dass er ständig auf Schalke angesprochen wird, ob im Supermarkt oder auf der Straße. Er hat aufgrund seiner Biografie das Zeug zur Identifikationsfigur. Das macht ihn neben seiner fußballerischen Veranlagung für Schalke so wertvoll. Auch wenn er nicht „auf Kohle geboren“ ist wie Olaf Thon, Schalker Idol und Weltmeister 1990. Im Gelsenkirchener Stadtgebiet gibt es gar keine aktive Zeche mehr – aber die Sehnsucht nach Spielern, die aus der Region stammen und sich ihrer Tradition verbunden fühlen, ist immer noch groß.

Deshalb dürften wohl eher Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen, als dass die Schalker Draxler verkaufen würden. An Interessenten mangelt es nicht. „Mit jedem gutem Spiel, das er macht, rückt er mehr in den Fokus. Er ist sehr, sehr jung und in seiner Entwicklung noch nicht fertig. Das macht ihn begehrt“, sagte Manager Horst Heldt, nachdem Draxler zuletzt beim 4:1 in Wolfsburg eine Galavorstellung geboten hatte.

Draxler hat enormes Potenzial, ihm wird eine große Karriere prophezeit. Doch er ist noch bis zum 30. Juni 2016 an Schalke gebunden, und Heldts Gesprächsbereitschaft, was einen Verkauf des Talents angeht, ist gleich Null. „Ich lege immer gleich auf, wenn sich jemand meldet, in welcher Sprache auch immer“, erklärte der Manager.

Draxler beschäftigt sich nicht mit dem Interesse anderer Vereine. „Ich hab andere Aufgaben vor der Brust“, sagt er. Gerade ist er dabei, sich einen Namen als Spielgestalter zu machen. Heute kann er sich einen persönlichen Traum erfüllen: einen Sieg im Derby. Der war ihm noch nicht vergönnt, denn im Hinspiel, als die Schalker überraschend 2:1 in Dortmund gewannen, musste er wegen eines Armbruchs zuschauen. Draxler hat noch viel vor. Als Spross einer Schalker Familie ist er sich bewusst, was es bedeuten würde, wenn es eines Tages gelingen sollte, die erste Meisterschaft seit 1958 zu gewinnen. „Es wäre das Größte, ein Teil der Schalker Mannschaft zu sein, die das schafft“, sagt er. Olaf Thon, den er als jüngsten Spieler, der 100 Pflichtspiele für den FC Schalke 04 absolviert hat, ablöst, war dies nicht vergönnt.