Fußball

Trainer-Stars heben Dortmund auf den Favoritenschild

BVB nimmt das Lob mit gemischten Gefühlen auf

Lobhudeleien sind Jürgen Klopp unangenehm. Als Borussia Dortmunds Trainer gerade seine Pressekonferenz beendet hatte und gehen wollte, lief er Mircea Lucescu in die Arme. Der legte ihm väterlich die Hand auf die Schulter und prophezeite ihm eine große Zukunft. „You will go to Wembley“, sagte der rumänische Trainer von Schachtjor Donezk.

Klopp löste sich schnell aus der Umarmung und ging. Das hatte ihm gerade noch gefehlt: Ein weiterer international erfahrener und anerkannter Trainer, der dem BVB nach dem souveränen Einzug ins Viertelfinale zutraut, nun auch das Endspiel der Champions League am 25. Mai im Londoner Wembleystadion zu erreichen. Als hätte es nicht genügt, dass bereits Alex Ferguson, Jose Mourinho und Roberto Mancini die Dortmunder zu Favoriten erklärt hatten.

Oder Ottmar Hitzfeld, der einzige deutsche Trainer, der bislang zweimal die Champions League gewinnen konnte. Zum „absoluten Favoritenkreis“ würden die Borussen sogar zählen, hatte der am Dienstagabend nach dem 3:0 (2:0) im Rückspiel des Achtelfinales über den ukrainischen Meister bei Sky gesagt.

Klopp verzog das Gesicht, als er damit konfrontiert wurde. „Danke für den Rucksack, Ottmar“, sagte er und führte aus, warum ihn solche vermeintlichen Komplimente nerven. „Das sind nicht nur sehr erfahrene, sondern auch sehr clevere Trainer“, erklärte er. Zumindest in Bezug auf Lucescu, Mourinho und Mancini vermutet Klopp, dass sie mit solchen Aussagen auch eigene Niederlagen nachträglich rechtfertigen wollen. Schließlich hatte der BVB in der Vorrunde ja auch Mourinhos Real Madrid und Mancinis Manchester City besiegen können. „Das ist für uns alle ein außergewöhnlicher Moment“, war Klopp dennoch voller Stolz auf sein Team, das er vor viereinhalb Jahren zu entwickeln begonnen hatte.

Es ist neben der Qualität der Spieler und der Homogenität des Teams vor allem der Lernfähigkeit der Mannschaft zu verdanken, dass nach nationalen Erfolgen nun auch international die nächste Entwicklungsstufe genommen werden konnte. Der BVB 2012/13 kann mehr als nur perfektes Pressing und Gegenpressing. Diese Tugenden sind zwar immer Grundlage des Dortmunder Spiels. Doch sie sind mittlerweile mit spielerischer Brillanz und Cleverness angereichert worden.

Am Dienstag wurde Schachtjor zunächst mit kontrollierter Offensive aus der Reserve gelockt und dann zielstrebig und effektiv für fast jede Unachtsamkeit bestraft. Es war eine Mischung aus Entschlossenheit, Technik und Instinkt, die zu den Treffern führte. Zum Beispiel, als Felipe Santana, in den vergangenen Wochen wegen seiner Nervosität und seiner technischen Schwächen kritisiert, unter Ausnutzung seiner 1,94 Meter den Ball wuchtig zum 1:0 ins Tor köpfte (31.). Oder wie Mario Götze eine Hereingabe von Robert Lewandowski ins diagonal entgegengesetzte Toreck zum 2:0 umleitete (37.). Und natürlich, wie Jakub Blasczcykowski vor dem 3:0 auf einen Fehler von Torwart Andrej Pjatow spekulierte hatte (59.). „Wir haben über weite Strecken ein herausragendes Spiel gemacht“, sagte Klopp.

Am Tag nach dem Triumph stand Klopp sehr entspannt mit den Reservisten auf dem Trainingsplatz und genoss das frühlingshafte Wetter. Was dem BVB zu einem Champions-League-Favoriten noch fehle, sei „die ganz große Selbstverständlichkeit beim Abrufen von Topleistungen“, sagte er. Das Spiel von Dienstag habe dafür den Beleg geliefert: Wie Bender und Kehl trotz großer Schmerzen so lange durchgehalten hätten, sei wirklich nicht selbstverständlich. „Wir können nicht jeden Tag mit unserem Fußball die Welt verändern“, sagte Klopp und legt die Stirn in Denkerfalten: „Aber an manchen Tagen gelingt uns das.“