Motorsport

Hoch, höher, am höchsten

Freestyle-Weltelite gastiert bei der Night of the Jumps in Berlin. Australierin McFerran ist als erste Frau bei einer WM am Start

Die Tatsache, dass noch nicht vom neuen Flughafen BER abgehoben wird, heißt nicht, dass in Berlin nicht geflogen werden kann. Im Gegenteil: Night of the Jumps heißt die Show, bei der am Freitag (ab 20 Uhr) und Sonnabend (ab 19 Uhr) in der O2 World ein bunter Haufen von Ausnahme-Athleten auf Motorrädern scheinbar mühelos die Schwerkraft überwindet. Und was da 2001 bei der Erstauflage in Riesa voreilig noch als Auswuchs einiger durchgeknallter Motocross-Enthusiasten abgetan wurde, hat sich zu einer veritablen Weltmeisterschaft mit 16 Rennen von China (Peking) bis Brasilien (Fortaleza) gemausert.

Getragen wird die Entwicklung, wie auch bei den Snowboardern und Skiakrobaten, die es in Teilen bis ins olympische Programm gebracht haben, von jungen Fans. Fans, denen ein 45-Minuten-Motocross-Rennen zu lange dauert. Fans, die immer das ganze „Spielfeld“ und nicht nur einen Streckenteil im Auge haben wollen. Und Fans, die sich schlicht in einer eigenen Welt amüsieren. Mit hippen Klamotten (Zeitgenossen jenseits der 45 sagen wohl eher: mit ungewöhnlicher Kleidung), lauter Musik, grellem Licht, extrem anspruchsvollem Sport, aber auch einer fast eigenen Sprache. Lazyboy Flips, Doublegrab Backflips, Ruler, Cliffhanger und „Kleinigkeiten“ wie die 360’s gehören zum Sprung-und Sprachrepertoire der 16 WM-Protagonisten. Nicht zu vergessen: Hartattack Flip und Rock Solid.

Ein neues Lebensgefühl

„Ich bin sicher, dass sich bei den Zuschauern in den Bereichen Snowboard, Skateboard, beim Kitesurfen und natürlich auch bei uns die Interessen zu einem Lebensgefühl bündeln“, sagt Night-of-the-Jumps-Pressechef Oliver Franke.

Der Alltag der gern mal Wonderboys genannten Freestyler ist dagegen vergleichbar mit dem eines jeden Profisportlers. „Wir trainieren pro Tag fünf bis sechs Stunden“, sagt Deutschland momentan bester Flieger Hannes Ackermann. Der WM-Fünfte von 2012 klingt dabei, als ginge er ins Büro. „Es ist außerhalb der Wettbewerbe wirklich ein Job, der ganz seriös zu erledigen ist. Ich fahre täglich zwischen zwei und vier Stunden Motorrad. Ich gehe wegen der Koordination bei den Sprüngen aufs Trampolin, und dann gibt es natürlich auch noch den Besuch im Fitness-Center“, beschreibt der 19-Jährige aus Mühlhausen in Thüringen die Zeit, in der das Rampenlicht ausgeschaltet ist. Ackermann hat seine Karriere auf einem Fahrrad begonnen, dann seinen Vater so lange genervt, bis der ihm ein Mini-Motorrad schenkte.

Zu den Wonderboys gesellt sich in Berlin erstmals ein Wondergirl. Emma McFerran aus Lockart (Australien) startet in der O2 World zwar nicht im WM-Hauptfeld, will aber mit einem im Rahmenprogramm gezeigten kompletten Rückwärtssalto auf ihrer rund 100 Kilo schweren Honda ihren Anspruch auf einen WM-Start im kommenden Jahr anmelden. „Ich war erst einmal ein wenig geschockt, als ich in Deutschland ankam. Bei uns in Südaustralien haben wir Sommer, 35 bis 40 Grad, und hier war es so kalt“, sagt die 28-Jährige lachend unter ihrer grünen Strickmütze. McFerran hat ihre Leidenschaft für Motorräder zunächst als Motocross-Fahrerin ausgelebt: „Ich war in Australien das einzige Mädchen. Fünf Jahre nach meinem Debüt hatten wir schon eine eigene Klasse.“ Treibende Kraft für den Wechsel vom Cross zum Freestyle und bester Ratgeber ist ihr älterer Bruder Matty. Hat sie manchmal Angst? „Nein, Angst nicht, aber viel Respekt. Ich hatte schon Verletzungen, und darum bin ich sehr sorgfältig bei den Vorbereitungen“, sagt McFerran, die bei ihrem ersten Europabesuch als Hobbyfotografin „jede Menge toller Motive“ zu finden hofft. Eines der ersten: die Eastside-Gallery.

Vor der Umstellung von den Freiluftarenen in ihrer Heimat Australien hin zur Hallen-Atmosphäre fürchtet sie sich hingegen nicht. „Ich denke schon, dass es anders sein wird, denn ich habe nicht viel Erfahrung in Hallen. Aber wir haben ja alle eine kurze Trainingszeit (3:15 Minuten, d.R.), um uns an die Verhältnisse zu gewöhnen“, bleibt McFerran ganz gelassen.

Weltmeister und Weltrekordler

Die Sieg-Favoriten in Berlin sind identisch mit der WM-Ergebnisliste 2012. Allen voran Titelverteidiger Remi Bizouard aus Frankreich, Vize-Champion Libor Podmol aus Tschechien und Bizouards Landsmann David Rinaldo. Dazu kommt Hochsprung-Weltrekordler Massimo Biaconcini. Der 33 Jahre alte Italiener ist der Senior der Freestyler und schraubte 2012 in Turin die Bestmarke auf unglaubliche 11.50 Meter. Er stand bereits 2008 in Berlin auf dem Siegerpodium. Biaconcini bekommt es in seiner Spezialdisziplin mit Luc Ackermann zu tun, dem 15-jährigen Bruder von Hannes.

Jeder Pilot zeigt seine Show allein in der Arena. Gewertet (Skala 1 bis 10) werden Schwierigkeitsgrad der Sprünge, Höhe, Weite und der Gesamteindruck des Fahrers. Dazu zählt für die fünf Punktrichter auch sein Umgang mit dem Publikum. Die Piste wird präpariert aus 70 LKW-Ladungen Sand, Erde, Kieselgemisch. Dazu kommt eine komplette Hallenboden-Abdeckung mit speziellen Platten. Zum Transport der Lichttechnik sind noch einmal zwei Lastwagen nötig.

Für das Wochenende hoffen die Veranstalter zweimal auf ein volles Haus (je 10.000 Zuschauer). Einige wenige Karten zu Preisen zwischen 35 und 85 Euro sind noch erhältlich.