Interview

„Mir war mein Leben zu langweilig“

Warum sich Olympiasiegerin Claudia Nystad für ihr Comeback schindet und 2014 in Sotschi eine Medaille anvisiert

Für die größte Überraschung im Lager der deutschen Skilangläufer sorgte bei den Weltmeisterschaften eine Athletin, die eigentlich keine mehr ist. Das jedenfalls dachten viele. Am letzten Tag der Wettbewerbe in Val di Fiemme wurde es offiziell: Die zweimalige Olympiasiegerin Claudia Nystad (35) möchte in den Weltcupzirkus zurückkehren. Ihre letzten großen Rennen bestritt sie 2010 in Vancouver, doch der Sportler-Ruhestand war nichts für sie. Über Ihr Comeback sprach Nystadt mit Melanie Haack.

Berliner Morgenpost:

Frau Nystad, warum tun Sie sich dieses Comeback samt des harten Trainings an?

Claudia Nystad:

Wenn andere Sportler ein Comeback versucht haben, habe ich mich das auch immer gefragt. Sie haben doch alles erreicht, könnten die Beine hochlegen, Kinder bekommen... Aber es gibt da noch so ein inneres Gefühl. Ich habe damals nach den olympischen Winterspielen in Vancouver aufgehört und war nicht ganz zufrieden mit diesem Entschluss.

Die Entscheidung kam nicht aus dem Herzen heraus?

Naja, ein bisschen, aber ich habe mir selbst zuliebe aufgehört, weil ich energetisch am Ende war. Hätte ich weitergemacht, wäre ich wahrscheinlich zusammengeklappt. Es war damals eine ziemlich harte Situation – die Meinungsverschiedenheiten zwischen unserem damaligen Bundestrainer Jochen Behle und mir haben gezehrt.

Wie schwer fiel der Schritt in das „normale“ Leben?

Ich hatte anfangs ziemlich zu kämpfen, konnte dann aber Abstand gewinnen. Ich habe mein Studium gemacht, aber irgendwann gemerkt, dass mir etwas fehlt. Mir war mein Leben zu langweilig. Ich fing deshalb an, wieder härter zu trainieren – und bekam mit einem Schlag so viele Emotionen zurück.

Wie meine Sie das genau?

Nach dem Training kommst du in eine Phase, in der dich nichts anderes mehr tangiert. Je härter du trainierst, desto länger und intensiver wird diese Phase. Das ist wie eine Droge. Meine körperliche Form kam wahnsinnig schnell zurück und ich bin innerlich aufgeblüht.

Was treibt Sie also? Die Suche nach dem Glücklichsein?

Das Glücksgefühl ist jetzt ein bisschen mehr der Antrieb als früher. Damals habe ich trainiert, weil es eben sein musste. Seitdem ich wieder angefangen habe, trainiere ich, weil es so schön ist, wie der Körper reagiert, wie du die Muskeln spürst. Ich habe auch Trainingseinheiten, von denen ich heulend zurückkomme, aber trotz allem ist das Ziel da. In meinem Leben ohne den Sport fehlte mir ein großes Ziel, für das ich kämpfen wollte.

Wo hatten Sie dieses Glücksgefühl und das große Ziel außerhalb des Sports gesucht?

Ich habe schon ernsthaft versucht, ein normales Leben abseits des Sports zu führen. Zeichnen ist eine große Leidenschaft von mir. Bei Ausstellungen musst du mit genauso viel Herzblut dabei sein, damit sie funktionieren, wie bei allen anderen Dingen im Leben. Aber ich habe es nicht hinbekommen. Ich habe das Zeichnen immer als Ventil für mich neben dem Sport gebraucht – und mit einem Mal sollte es wichtiger sein. Das war es aber nicht.

Und Ihr Studium?

Du setzt dich hin, liest, lernst, und dann weißt du es. Es war nicht einfach, aber gewöhnlich. Die Emotionen fehlten.

Welche Rolle spielen die olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi?

Ich habe mal einen Spruch gelesen, der mir unheimlich gut gefällt: „Du musst deine Ziele unmöglich hoch stecken.“ Du musst also in den Himmel zielen, damit du wenigstens die Baumwipfel erreichst. In erster Linie geht es mir um die Qualifikation. Aber wenn alles stimmt, kann ich mir auch die Bronzemedaille über 30 Kilometer in der Skatingtechnik als Ziel setzen.

Wann fiel Ihre Entscheidung zum Comeback?

Ende Herbst 2012 habe ich mich gefragt: „Wenn ich jetzt anfange, richtig Ernst zu machen, wie viele Chancen hätte ich realistisch auf ein Comeback?“

Wie groß aber ist Ihre Angst vor der Rückkehr in den Spitzensport? Sie haben viel erreicht und bringen bei Ihrem Comeback eine gewisse Fallhöhe mit.

Ich bin mir dessen bewusst, dass es schiefgehen kann. Aber am nächsten Tag wird die Sonne dennoch aufgehen. Wenn ich irgendwann sage, es geht nicht mehr, dann ist es so. Dann war es ein Versuch.