Wintersport

Ein Bruchpilot als größter Held

Die Gesichter der Nordischen Ski-WM: Frenzel gewinnt Gold für Deutschland, Björgen und Fettner schreiben Geschichte

Immerhin, einmal erklang auch die deutsche Nationalhymne bei diesen norwegischen Festspielen in Italien. Während die Skandinavier mit acht Gold-, fünf Silber- und sechs Bronzemedaillen die alles dominierende Nation bei der nordischen Ski-WM in Val di Fiemme waren, fällt das Fazit im Team der Deutschen nicht ganz so positiv aus. Sechs Podestplätze sollten es werden – fünf ist die Realität (1 – 1 – 3). „Wir wollten ein bisschen mehr, keine Frage“, sagte Thomas Pfüller, Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes. Die Titelkämpfe waren wieder einmal Schauplatz für kleine und große Dramen, für historische Siege und verblüffende Showeinlagen:

Der Held der WM

Mit einer akrobatischen Meisterleistung sprang Manuel Fettner aus dem übergroßen Schatten seiner fliegenden Landsleute Morgenstern und Schlierenzauer heraus. Der WM-Debütant landete nach sehr guten 128 Metern von der Großschanze, doch direkt nach dem Telemark löste sich ein Ski. „Ich muss irgendwie über die Sturzlinie kommen“, sagte er sich. Fettner hielt sich wacker und versuchte, irgendwie eine Balance herzustellen. Das Unmögliche gelang. Erst nach der Sturzlinie plumpste er in den Schnee. Die Konkurrenz klatschte und Österreichs Trainer Alexander Pointner zog seine Mütze und Bundestrainer Werner Schuster sagte nur: „Respekt!“ Dank dieses Sprungs setzte sich Österreich im Teamwettbewerb erstmals entscheidend ab und gewann schließlich sein einziges Skisprunggold dieser WM. Im Österreich-Haus feierten sie Fettner später noch bis in die Nacht hinein mit Sprechchören.

Der deutsche Goldjunge

Erst scheiterte Erik Frenzel, war traurig und enttäuscht. Der nordische Kombinierer hatte im ersten Einzelwettbewerb im Fotofinish eine Medaille verloren, im Teamwettbewerb spielte dann der Wind an der Schanze mit den Deutschen. Der junge Familienpapa aber ließ sich nicht beirren und sorgte wie schon 2011 für den einzigen deutschen WM-Titel. Im Einzelwettbewerb von der Großschanze flog er erst von der Schanze, dann in der Loipe allen davon. Auf den Sieg anstoßen, wollte er aber nicht. „Wenn ich jetzt ein Bier trinke, kippe ich um“, scherzte der 24-Jährige. Vor zehn Jahren gewann an selber Stelle Ronny Ackermann einen seiner insgesamt vier WM-Titel. Überhaupt ist Frenzel neben seinem heutigen Trainer erst der zweite deutsche Kombinierer mit zwei goldenen WM-Medaillen im Einzel.

Die Königin von Val di Fiemme

Marit Björgen ist eine Klasse für sich. Die Norweger lieben die 32-Jährige so sehr, dass sie Björgen 2012 erneut zur Sportlerin des Jahres wählten. Wobei die Norweger keinen Unterschied zwischen Mann und Frau machen. Zweite wurde ihre Teamkollegin Therese Johaug, gefolgt von Petter Northug und Aksel Lund Svindal. Björgen wurde ihrem Ruf als Langlaufkönigin erneut gerecht und holte mit vier Goldmedaillen mehr als jeder andere Athlet in Italien. Insgesamt hortet sie jetzt zu Hause 18 WM-Medaillen – Rekord. „Marit macht vor allem dieser Wille aus, über so viele Jahre verdammt hart zu trainieren. Und: Sie liebt das Training“, sagt ihr Trainer Egil Kristiansen.

Der emotionalste Sieger

Nachdem Norwegens Langlaufstar Petter Northug nach 15 Kilometern in der Skatingtechnik im Ziel war, ging nichts mehr. Von den Rennstrapazen gezeichnet und von Emotionen überwältigt, lag er im Schnee, weinte und schluchzte. Danach blieb er ungewohnt zurückhaltend. „Dies ist einer der größten Tage meines Lebens. Ein 15-km-Rennen, das kein Massenstart ist, bei meinem Ruf zu gewinnen, fühlt sich so gut an“, sagte der 27-Jährige, der nicht immer so ruhig ist, sondern gern provoziert, mit einem Hang zur Arroganz. Vor allem aber gilt er als einer, der sich immer nur im Hauptfeld versteckt und keine Führungsarbeit leiste, um am Ende allen davon zu sprinten. Bei diesem WM-Rennen aber war jeder allein gestartet, musste sein eigenes Rennen laufen.

Der größte Aufreger

Für Norwegens Skispringer gab es nach dem Team-Silber nur noch Blech. Ihnen wurden irrtümlich gegebene Punkte wieder abgezogen – so rutschte Deutschland an zwei und Polen an drei. Seit dieser Saison darf nicht nur die Jury, sondern auch ein Trainer das Gate seines Sportlers verschieben. Wer weniger Anlauf hat, bekommt Pluspunkte. Daraus ist längst ein Taktikspielzeug geworden. Norwegens Trainer Stöckl wollte, dass Bardal von einer Luke tiefer abspringt. Die Jury aber ließ ihn irrtümlich ein Gate nach oben klettern. Bardal wurden jedoch die Pluspunkte zugute geschrieben, als sei er nach unten geklettert. Eindeutig ein Fehler der Jury. „Ich bin überhaupt nicht glücklich“, polterte Fis-Präsident Gian Franco Kasper. „Wir müssen ernsthaft diskutieren. Es ist für die meisten Zuschauer fast unmöglich, dem Skispringen zu folgen.“