Bundesliga

Gomez verschärft Hoffenheims Krise

Der freie Fall der TSG 1899 hält an,gegen Tabellenführer Bayern Münchengab es eine knappe0:1-Niederlage

Der Trainer hielt sich an die weichen Faktoren. „Wir haben mutig gespielt und haben die Bayern zu Fehlern gezwungen. Die Mannschaft hat sich nie aufgegeben, das war ein Schritt nach vorn“, sagte Marco Kurz, der Trainer der TSG Hoffenheim. Das änderte nichts am harten Fakt: Die TSG unterlag dem FC Bayern nach einem Tor von Mario Gomez mit 0:1 (0:1). Und trotz der warmen Worte von Jupp Heynckes, dem Trainer des Bundesliga-Spitzenreiters aus München („Das war ein hartes Stück Arbeit, wir mussten die Ärmel richtig hochkrempeln“) steckt der millionenschwere Emporkömmling in einer Krise wie seit Jahren nicht – Hoffenheim liegt mit mittlerweile fünf Punkten Rückstand auf den Drittletzten Augsburg auf Abstiegsplatz 17.

Die Insignie des Erfolges ist noch in der Ortsmitte zu bestaunen. Direkt nach dem Aufstieg von 1899 Hoffenheim hat Heribert Breunig sein Haus in den Klubfarben Weiß und Blau gestrichen – er hatte eine Wette einlösen müssen, weil er niemals geglaubt hatte, dass sein Dörfchen ehedem populär werden könnte durch den heimischen Fußballklub. Das Haus des Maurers kommt viereinhalb Jahre nach dem Aufstieg in die Bundesliga und der Streichaktion noch immer in Weiß und Blau daher, auch wenn sich durch den Verkehr auf der Sinsheimer Straße ein Grau über die Farben gelegt hat. Para

Beinahe märchenhaft war der Aufstieg der TSG 1899 Hoffenheim von der Kreisliga bis an die Tabellenspitze der Bundesliga verlaufen, in seiner Premierensaison feierte der Verein aus dem Kraichgau den inoffiziellen Titel der Herbstmeisterschaft, selbst die „New York Times“ schickte einen Reporter, um über den „Soccer Titan“ und das Fußballwunder aus der Provinz zu berichten. Plötzlich galt der Verein aus dem 3263 Einwohner zählenden Dörfchen zwischen Mannheim und Heilbronn als Trendsetter.

Mäzen Hopp leidet

Hoffenheim würde es mit der Unterstützung von Milliardär und Mäzen Dietmar Hopp auf Dauer mit den Großen der Branche aufnehmen können. Nun ist der Zauber verflogen, dem Märchen droht ein Ende. „Hopp leidet wie ein Hund“, heißt es im Verein. Hoffenheim ist abgestürzt, der Abstieg wird immer wahrscheinlicher.

Andreas Müller ist erst seit sechs Monaten da, aber die Sünden der Vergangenheit hat der Manager schon zu spüren bekommen. Er ist loyal, deswegen nennt er keine Namen, stattdessen stellt er eine Frage: „Darf Hoffenheim nach diesem rasanten Aufstieg nicht auch mal eine Leidenszeit durchlaufen?“ Natürlich, möchte man ihm zurufen, aber nicht in dieser Form. „Es sind viele Fehler hier gemacht worden, vermutlich schon, als der Klub aufgestiegen ist und es hieß, einige würden die Bodenhaftung verlieren“, so Müller zur Morgenpost.

Die ersten Rückschläge gab es bereits, als sich die Weltpresse für das von Hopp alimentierte Projekt zu interessieren begann. Berauscht vom Aufstieg dachten einige Protagonisten, in Liga eins würde es so weitergehen mit der Entwicklung des Klubs. Statt die Linie weiter zu verfolgen und mit jungen Spielern in der Bundesliga zu bestehen, forderte etwa der damalige Trainer Ralf Rangnick große Lösungen. Mario Gomez solle doch bitte schön vom VfB Stuttgart losgeeist werden, der Stürmer besitze eine Ausstiegsklausel für 30 Millionen Euro. Mit ihm, so Rangnick, würde die TSG direkt in die Champions League einziehen, ohne ihn prompt wieder absteigen. Statt Gomez kam der Brasilianer Wellington, den weder Rangnick noch Schindelmeiser zuvor hatten live spielen sehen, für 4,5 Millionen Euro aus Porto Alegre.

Der Angreifer steht symbolisch für eine nun auch in Hoffenheim registrierte Gesetzmäßigkeit der Branche: In den Tagen des Erfolges werden die größten Fehler gemacht. Die Erfolgstrio Rangnick/Schindelmeiser/Hopp erhielt damals erste Risse. Nach der Saison, die Hoffenheim als Aufsteiger auf Platz sieben beendet hatte, forderte Rangnick öffentlich vier bis sechs neue Spieler, die das Zeug für die Stammelf besitzen. Hopp, der zuvor zehn Millionen Euro für Neue Aussicht gestellt hatte, fühlte sich vom Trainer erpresst. Hier wolle einer auf seine Kosten die eigenen Ziele verwirklichen und das Ego befeuern, lautete das Urteil des Mäzens. Der Klub verkaufte zunächst Carlos Eduardo für 20 Millionen Euro nach Kasan/Russland und einige Monate später ohne Wissen des Trainers in Luiz Gustavo einen weiteren Brasilianer für 17 Millionen Euro an die Bayern. Rangnick trat zurück, Schindelmeiser war schon ein halbes Jahr vorher demissioniert. Ohne die Visionäre strauchelt der Verein seither.

Mitarbeiter werden gefeuert

Hoffenheim ist inzwischen gewöhnlich geworden, die einst um Nachhaltigkeit bemühte TSG heuert und feuert Mitarbeiter, wie es ihr gefällt. Sechs Trainer und vier Manager sind seit dem Aufstieg am Werk gewesen, doch den Absturz konnten sie nie aufhalten, weil der Klub trotz kolportierter Investitionen von 350 Millionen Euro durch Hopp in Team und Infrastruktur seine eigene Philosophie nicht umzusetzen vermochte. Nach Platz sieben in der Premierensaison folgten in den Abschlussklassements drei elfte Ränge. Am Ende dieser Saison könnte pünktlich zum fünfjährigen Jubiläum das jähe Ende der TSG in der Eliteklasse stehen.

Kritisch betrachtet wird Hopps Nähe zum Spielervermittler Roger Wittmann. Der Agent hat sechs Pofis der TSG unter Vertrag, darunter in Tim Wiese den größten Problemfall. Trotz des bislang gescheiterten Engagements seines Klienten bei der TSG gilt Wittmann als einer der wenigen, auf die Hopp hört. „Einflüsterer“ nennen ihn einige im Verein. Hopp selbst berief im Herbst ein Treffen mit Anhängern ein, bei dem er eine besondere Nähe zu Wittmann bestritt. Viele glaubten ihm aber nicht. Nun wird es beinhart: Am Sonnabend tritt Hoffenheim bei Schlusslicht Fürth an. Im Fall einer Niederlage fällt Hoffenheim hinter Fürth zurück.