Mesut Özil

„Real ist wie eine kleine Familie“

Mesut Özil ist glücklich in Madrid und wünscht sich ein Champions-League-Endspiel gegen München

Am Dienstag brillierte Mesut Özil (24) beim 3:1 im Halbfinale des spanischen Pokals gegen den FC Barcelona. Am Sonnabend gewann Real Madrid erneut den so genannten Clasico, in Spaniens Liga hieß es diesmal 2:1 (1:1). Özil wurde geschont, denn Dienstag steht das Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale bei Manchester United an. Das Hinspiel endete 1:1. Mit Lars Wallrodt sprach Özil aber auch über Jose Mourinho, die Stimmung in Madrid und den FC Bayern.

Berliner Morgenpost:

Zwei Clasicos und das Spiel bei ManU binnen acht Tagen – langweilig ist Ihnen aktuell nicht, oder?

Mesut Özil:

(lacht) Nein, das kann ich nicht gerade behaupten. Aber ich liebe das: Alle paar Tage gegen die Besten der Besten spielen zu dürfen, ist doch eine tolle Sache. Und die ganze Welt schaut zu. Das ist besser als zu trainieren, glauben Sie mir! Vor allem gegen den FC Barcelona zu spielen, motiviert mich enorm. Der Clasico hat einen unglaublich hohen Stellenwert. Und dass wir Barca aus dem Pokal geworfen haben, ist einfach sensationell.

Das Spiel am Sonnabend war der sechste Clasico in dieser Saison: zweimal im Supercup, zweimal im Pokal, zweimal in der Liga. Ist es dann überhaupt noch etwas Besonderes?

Auf jeden Fall! Hier ist jedes Mal der Teufel los, wenn wir gegen Barca spielen. Auf solche Duelle arbeitest du als Profi hin, dafür lebst du. Es heißt doch immer, Barcelona sei das Nonplusultra der Branche. Und wir haben bewiesen, wie stark wir gegen diese Fußballmacht spielen können. Wir haben den Supercup gegen sie gewonnen und jetzt auch das Duell im Pokal. Darauf sind wir stolz. Nur in der Liga hapert es leider.

Bei 13 Punkten Rückstand ist Barcelona wohl uneinholbar.

Barcelona spielt in dieser Saison in der Liga überragend, das muss ich zugeben. Darum war der Pokal so wichtig für uns. Wenn du für Real Madrid spielst, sind Titel nun mal Pflicht. Darum freuen wir uns auf das Pokalfinale und sind zudem entschlossen, auch in der Champions League eine Runde weiterzukommen. Unser Ziel ist es, die Champions League und den Copa del Rey zu gewinnen.

Das würde eine Saison retten, die zwischenzeitlich ganz schön verkorkst wirkte.

Verkorkst? In der Liga haben wir uns mitunter schwer getan, das ist richtig. Und Barcelona hat alle Chancen auf die Meisterschaft. Aber es gibt nicht nur die Liga, abgerechnet wird am Ende. Wir haben noch große Ziele. Die Saison kann noch zu einem großen Erfolg werden. Das zeigt: Als Fußballspieler solltest du nie vorzeitig aufgeben.

Am Dienstag wartet ManU. Wie sehen Sie die Chancen auf das Weiterkommen nach dem 1:1 im Hinspiel?

Es wird ein schweres Spiel. Manchester ist eine starke Mannschaft. Aber wir haben im Hinspiel gezeigt, was wir können. Wir waren in der ersten Hälfte klar besser, hatten viele Chancen. Wir haben Respekt vor Manchester, aber unser Ziel ist es, unser Spiel zu machen. Und dann können wir jede Mannschaft schlagen. Wer in Barcelona gewinnt, kann auch in Manchester gewinnen.

Barca hat im Hinspiel gegen den AC Mailand 0:2 verloren. Ist der Stern dieser Übermannschaft am Sinken?

Sie haben in den vergangenen Jahren und auch in dieser Saison bewiesen, wie stark sie sind. Okay, sie sind gegen uns im Pokal ausgeschieden. Aber in der Champions League ist alles offen, und die Meisterschaft haben sie so gut wie sicher. Dass sie auf dem absteigenden Ast sind, sehe ich also wahrlich nicht. Aber ganz ehrlich: Das interessiert mich auch nicht. Wir sind nur auf uns fixiert.

Sie haben insgesamt schon rund 40 Spiele in dieser Saison absolviert. Wie stecken Sie das weg?

Du musst fit sein (lacht). Ich freue mich über jede Englische Woche. Ich habe Spaß auf dem Platz. Dass ich so viele Spiele gemacht habe, zeigt doch auch, dass der Trainer mir vertraut. Ich bedanke mich mit guten Leistungen bei ihm.

Laut spanischen Medien verstehen Sie sich mit Ihrem Trainer Jose Mourinho nicht gut. Das hört sich bei Ihnen ganz anders an.

In den Medien wird immer viel geschrieben. Aber was intern passiert, steht oft auf einem ganz anderen Blatt Papier. Ich kann nur sagen: Ich komme mit Jose Mourinho sehr gut klar. Er unterstützt mich, wo er nur kann, und ist für mich einer der besten Trainer, wenn nicht der beste Trainer der Welt.

Also gibt es keine Anti-Mourinho-Fraktion in der Mannschaft, wie gemutmaßt wurde?

Quatsch! Wir sind eine Mannschaft, und wer sieht, wie erfolgreich wir spielen, kann doch nicht bezweifeln, dass es im Team stimmt. Wenn wir keine Einheit wären, könnten wir in Barcelona nicht gewinnen. Nein, hier gehen alle respektvoll miteinander um. Wir sind wie eine kleine Familie.

Aus Spanien wurde kolportiert, dass Sie intern geäußert haben sollen, dass Sie im Sommer gehen, wenn Mourinho bleibt.

Wie bitte? Kompletter Unsinn. So etwas habe ich nie gesagt, das ist völlig daneben.

Sie scheinen sich in Madrid sehr wohl zu fühlen, sind Publikumsliebling. Die Fans scheinen sich dort nach einem Spieler wie Ihnen gesehnt zu haben.

(lacht) Ich spiele halt so, wie ich spiele. Aber ich habe mich sicher weiterentwickelt, bin viel konstanter geworden. Auch dank Mourinho. Wenn wir das Pokalfinale gewinnen, habe ich mit Real den vierten Titel in drei Jahren geholt. Und ich habe mich auch menschlich weiter entwickelt, fühle mich total wohl in Madrid. Ab und zu kommen Kollegen und sagen: Mesut, du würdest auch gut in die spanische Nationalmannschaft passen. Aber dann sage ich: Warum? Ich bin in Gelsenkirchen geboren, in Deutschland aufgewachsen und mittlerweile spielen wir in Deutschland genauso guten Tiki-Taka-Fußball wie ihr.

Nur leider bislang nicht so erfolgreich.

Wir hatten auch Erfolge und große Spiele gewonnen. Nur die Titel fehlen noch. Wir haben eine junge Mannschaft. Warten wir mal ab, was die Zukunft bringt.

Wo können Sie sich noch verbessern?

Ich sollte noch torgefährlicher werden. Andererseits gebe ich halt sehr gern Vorlagen. Eine schöne Vorlage zu einem Tor ist in meinen Augen genau so viel wert wie der Treffer selbst. Und 40 Vorlagen und dann auch noch 20 Tore – das wäre dann vielleicht zu viel verlangt. Aber okay: Ein paar Tore mehr dürfen es schon sein.

In der Liga sind es aktuell vier Treffer in 23 Spielen. Was wäre Ihr Ziel?

Zweistellig dürfte es schon sein.

In der Champions League könnte es im Viertelfinale zu einem Duell mit einer deutschen Mannschaft kommen, es sind ja aktuell noch drei im Wettbewerb. Wäre das etwas Besonderes für Sie?

Natürlich. Ich kenne ja viele Spieler aus der Nationalmannschaft. Und sowohl Bayern, Dortmund als auch Schalke haben sehr gute Teams. Den BVB hatten wir ja schon in unserer Gruppe, er hat eine überragende Gruppenphase gespielt. Und wie stark der FC Bayern ist, muss ich wohl kaum betonen. Aber erst mal müssen wir uns gegen Manchester durchsetzen. Darauf zielt unsere gesamte Konzentration.

Im Sommer kommt Pep Guardiola als Trainer zum FC Bayern. Wie ist das in Spanien aufgenommen worden?

In der Mannschaft haben wir nicht darüber gesprochen. Nur in der Nationalmannschaft. Er ist einer der besten Trainer der Welt und hat mit Barcelona unglaublich viele Titel geholt. Er wird den Bayern helfen, noch besser zu werden. Aber ich kenne ihn nicht persönlich und habe noch nie mit ihm gesprochen. Darum kann ich ihn als Menschen nicht einschätzen.

Haben Sie das Pokalspiel zwischen Bayern und Dortmund gesehen?

Ja, ich habe es mir zu Hause im Fernsehen angeguckt. Beide Mannschaften haben gut gespielt, und das Tor von Arjen Robben war Weltklasse. Weil ich in beiden Klubs Freunde haben, war ich besonders gespannt auf dieses Spiel.

In den vergangenen Jahren gab es den Eindruck, Dortmund habe den Bayern den Rang abgelaufen. Nun hat der Rekordmeister zurückgeschlagen.

Ich finde es toll, wie Dortmund sich entwickelt hat. Sie haben tolle Spieler und einen spektakulären Spielstil. Aber der FC Bayern gehört zu den besten Teams Europa, und das seit Langem. Sie spielen in diesem Jahr überragend. Es war doch klar, dass sie nicht so einfach von der Spitze verdrängt werden können.

Das wäre ja ein denkbares Finale: Real Madrid gegen Bayern München.

Das wäre ein cooles Finale. Aber der Weg dahin ist noch weit.