Karriereende

Studie: Mehr als die Hälfte aller Sportler hat Existenzängste

Wo die Vorsilbe „dys“ ins Spiel kommt, liegt etwas im Argen.

Ganz bewusst hat die Stiftung Deutsche Sporthilfe daher zum dritten Mal nach 2010 und 2011 eine Studie in Auftrag gegeben, die sich mit dem Status quo des Sportbetriebs hierzulande auseinandersetzt. Der Titel diesmal lautet: „Dysfunktionen des Spitzensports: Doping, Match-Fixing und Gesundheitsgefährdungen aus Sicht von Bevölkerung und Athleten.“ Mittwoch wurde sie im Sportausschuss des Bundestages vorgestellt.

Welche Fehlentwicklungen („Dysfunktionen“) nimmt der Spitzensport? Und vor allem: warum? Beim Vergleich der Ergebnisse aus 2008 Telefoninterviews sowie Fragebögen von 1154 geförderten Athleten wird deutlich: „In einigen Teilbereichen wird die Wirklichkeit dunkler, in anderen heller gezeichnet, als sie tatsächlich ist“, sagt Studienleiter Christoph Breuer von der Sporthochschule Köln.

Wie sieht es etwa mit der Bereitschaft der Deutschen aus, ihre Spitzensportler finanziell zu fördern? Erkennbar ist: Je mehr Athleten über gesundheitliche Risiken klagen, desto größer ist die Bereitschaft zu helfen – „eine Art Mitleidseffekt“ nennt Breuer das. 40,5 Prozent der befragten Sportler geben an, gesundheitliche Risiken bewusst in Kauf zu nehmen. Je eher die Athleten aber zu einem Fehlverhalten wie Match-Fixing bereit sind, desto geringer ist die Förderbereitschaft. Dabei stellt Manipulation von Spiel- und Wettbewerbsergebnisse aus Breuers Sicht derzeit „das zentrale ökonomische Problem des Spitzensports“ dar.

Sechs Prozent geben Doping zu

Interessant: Die Einnahme verbotener Substanzen spielt für die Bevölkerung in diesem Zusammenhang keine entscheidende Rolle. Vielmehr scheint sich die Mehrheit der Deutschen mit diesem Phänomen arrangiert zu haben. Die Befragten glauben, dass 29 Prozent der deutschen Spitzensportler zu Dopingpräparaten greifen – von den Spitzensportlern selber gaben 5,9 Prozent ehrlich zu, regelmäßig Dopingpräparate zu nehmen.

Wer das als wenig empfindet, muss bedenken, dass die Dunkelziffer – jener Prozentsatz an befragten Sportlern also, die die Antwort offen ließen, aus welchen Gründen auch immer – bei 40,7 Prozent liegt. Die Mär vom sauberen Spitzensport wird damit jedenfalls wieder einmal konterkariert. 8,7 Prozent der befragten deutschen Spitzensportler waren zudem schon einmal an einer Absprache über den Spiel- oder Wettkampfausgang beteiligt.

Bemerkenswert: Während 57,7 Prozent der befragten Sportler „Existenzangst“ angeben, glauben nur 12,7 Prozent der Bevölkerung, dass sie ein Grund ist. Möglicherweise ist dieser Eindruck geprägt von der Annahme, Spitzensportler verdienten sich mit Goldmedaillen stets auch eine goldene Nase. „Im Durchschnitt schätzten die befragten Personen das monatliche Nettoeinkommen eines deutschen Spitzensportlers auf 8844 Euro“, heißt es im Bericht. Die Realität ist anders: Vielen Sportlern bleiben monatlich trotz 60-, manchmal gar 80-Stunden-Woche lediglich 600 Euro zum Leben. Das Förderkonzept vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro 2016 ist daher bereits von der Sporthilfe, die 3800 Athleten mit bis zu 1500 Euro monatlich unterstützt, angepasst worden. „Wir wollen Leistung, ja – aber nicht Erfolg um jeden Preis“, sagt Sporthilfe-Vorstand Michael Ilgner.