Wintersport

Wie ein Münchner zum größten Exoten des Wintersports wurde

Gervacio Madja startet heute für Togo bei der Ski-WM

Neulich, Gervacio Madja hetzte gerade auf einer Stippvisite durch seine Heimatstadt Lomé in Togo, da nahm ihn auf einmal ein Fremder in den Arm. Und das kam so: Madja war geschwind in ein Taxi gehüpft, um zum nächsten Termin zu eilen, und hatte sich dann mit dem Fahrer unterhalten. „Der war so freundlich, dass ich ihm ein bisschen mehr Trinkgeld gab“, erzählt der 27-Jährige. Er gab dem Fahrer noch etwas anderes: seine erste Autogrammkarte. Darauf zu sehen: Madja, ein farbiger junger Mann, auf Langlaufskiern im Schnee. Der Taxifahrer schaute irritiert und umarmte ihn. Draußen war es etwa 30 Grad warm und zum Golf von Guinea nur wenige Autominuten. „Er wusste gar nicht, was Ski ist“, sagt Madja.

Sotschi ist das große Ziel

Wenn Madja von dieser kleinen Anekdote erzählt, schwingt in seiner Stimme zwar eine Menge Freude, aber mindestens so viel Ungläubigkeit mit. Madja wird als erster Sportler seiner Heimat Togo bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften starten. Während die Langlaufstars wie Olympiasieger Petter Northug vom Mittwoch bis 3. März in Val di Fiemme/Italien um Titel kämpfen, wagt sich Madja dort gerade mal an seinen zweiten Wettkampf. Sein Traum: ein Start bei den olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi. Es ist ein ebenso ehrgeiziges wie skurriles Projekt. Immerhin stand Madja am 20. Dezember erstmals überhaupt auf diesen langen Brettern im Schnee.

Jayjay, so möchte er selbst am liebsten genannt werden. So nennen ihn also seine Freunde. Zum einen, weil er mit Leidenschaft Fußball spielt und wie einst Jay-Jay Okocha gern trickst. Zum anderen vielleicht, weil Jayjay leichter auszusprechen ist. Denn der gebürtige Togolese lebt seit mehr als zehn Jahren in München. Als Zehnjähriger hatte er mit seinen Eltern seine Heimat Richtung Frankreich verlassen, weil der Beruf des Vaters es so verlangte. Später trieb es sie nach Deutschland. Eigentlich wollte Jayjay seinem Spitznamen alle Ehre machen und Fußballprofi werden. Daraus wurde nichts, er studierte, arbeitete als Softwareentwickler und kickte nebenbei. Skipisten mied er für gewöhnlich. „Ich hätte mich nie freiwillig auf Skier gestellt“, sagt er. Eine Nacht im Dezember aber stellte seine Welt, so wie sie war, auf den Kopf.

Im Dezember erstmals im Schnee

Er lag schon im Bett, da vibrierte sein Handy – eine Kurznachricht. „Du kannst die Fußballschuhe an den Nagel hängen. 2014 geht es für Togo nach Sotschi.“ Jayjay fühlte sich von Fußballkumpel Toni Hiltmair verschaukelt, reagierte erst zwei Wochen später. Dann aber geschah alles im Blitztempo: Jayjay bekam die richtige Ausrüstung, eine Trainerin, machte seine ersten Versuche auf Skiern. „Ich habe mich gefühlt wie ein Idiot, bin immer auf die Schnauze gefallen“, sagt er und lacht.

Den Ursprung hatte alles in Wiesbaden, wo zwei Deutsche mit Freunden aus Togo die Idee zur Olympiateilnahme und zur Geburt des ersten togolesischen Ski- und Eissportverbandes austüftelten. Jayjays Fußballfreund Hiltmair, der in ein Hilfsprojekt für Togo eingebunden ist, hörte davon, machte mit und schrieb die folgenreiche Nachricht. Jayjay sagt: „Anfangs war es für mich ein Spaß, jetzt ist es Ernst, der Spaß macht.“ Sein Ehrgeiz ist geweckt und der Hype riesig. Als er kürzlich in Togo war, blieb nur wenig Zeit, um seine Großeltern zu besuchen, stattdessen hatte er Termine beim Sportminister, beim Nationalen Olympischen Komitee und beim Fernsehen. „Für sein Land bei Olympischen Spielen einzulaufen, vielleicht sogar als Fahnenträger, muss das schönste Gefühl überhaupt sein“, sagt der 27-Jährige.

Aber es geht um mehr. Zurzeit ist der neue Verband noch klamm, aber sofern Geld – zum Beispiel aus Fanartikeln – übrig ist, geht das in Hilfsprojekte für Togo. „Ich hoffe, dass wir den Fokus ein bisschen auf das Land und die Menschen richten können“, sagt Jayjay und hofft zudem, dass er nicht der einzige gebürtige Togolese auf Skiern bleiben wird: „Etwas mehr Farbe schadet dem Wintersport ja nicht.“