Champions-League

Als Boris Becker im Fahrstuhl zur Niederlage fuhr

Das ewige Duell zwischen Deutschland und England

Ernst Hubertys Stimme überschlug sich schier. „Libudas Ball senkt sich ins Tor. Ins Tor, ins Tor. Es ist unglaublich“, rief der ARD-Reporter am Abend des 5. Mai 1966 in sein Mikrofon. Es waren noch schwarz-weiß Bilder, die den ersten großen deutschen Europapokal-Triumph in die Wohnstuben transportierten. Libudas Bogenlampe war das 2:1 von Borussia Dortmund im Finale des Pokalsieger-Cups gegen Liverpool. Der Tag von Glasgow gehört zu den schönsten Erinnerungen an die Klassiker zwischen deutschen und englischen Klubs, die ansonsten wie auch das legendäre WM-Finale 1966 aus deutscher Sicht oft ein Hauch von Tragik umwehte.

Es begann im Vorjahr, als 1860 München gegen West Ham United das Pokalsieger-Finale 0:2 verlor. Es war das erste von zehn Finals zwischen Engländern und Deutschen. Wahre Tragik erfuhr bereits im März 1965 der Deutsche Meister 1. FC Köln. Nach drei Abnutzungsschlachten gegen Liverpool musste in Rotterdam die Münze entscheiden. Sie blieb zunächst senkrecht im Schlamm stecken, dann schlug sich Fortuna auf die Seite der Engländer. Nicht zum letzten Mal. 1970 verlor Mönchengladbach in Everton nach Elfmeterschießen, das erst Jahre später zu einer englischen Krankheit wurde. 1973 scheiterten die Borussen im Uefa-Cup-Finale an Liverpool. 1977 sahen sie sich im Landesmeister-Finale in Rom wieder, Liverpool gewann 3:1.

Zwei Treffer in der Nachspielzeit

Tragik stellte sich oft genug ein. Etwa 1993, als Stuttgart bei Leeds United ausschied, weil Christoph Daum mit Jovica Simanic einen Ausländer zu viel einsetzte. Zwei Mal gleich vergossen die Bayern in Champions-League-Endspielen mit Engländern bittere Tränen. Die Geschichte der letzten 102 Sekunden von Barcelona am 26. Mai 1999 ist oft erzählt worden. Das treffendste Etikett, das sie bekommen hat, ist „Die Mutter aller Niederlagen“. Bis zur Nachspielzeit führten die Bayern gegen Manchester United 1:0, verloren schließlich doch noch mit 1:2. Den ganzen Irrwitz dieses dramatischen Epilogs verdeutlichte eine Episode in den Katakomben des Nou Camp. Um 22.30 Uhr bestiegen drei Vips den Aufzug, der von der Ehrentribüne ins Erdgeschoss führt. Lennart Johansson, der Uefa-Präsident, Franz Beckenbauer und Boris Becker wollten zur Siegerehrung. Becker war Jahre später noch fassungslos: „Als wir in den Aufzug stiegen, stand es 1:0. Unterwegs hörten wir Jubel. Wir dachten: Okay, der Abpfiff. Als wir kurze Zeit später durch die Katakomben in Richtung Rasen gingen, sahen wir die ManU-Spieler jubeln, die Bayern lagen am Boden.“ Zwei Jahre später schlugen die Bayern auf dem Weg zum Triumph gegen Valencia zuerst Arsenal, dann ManU, wo zuvor nur Dortmund gewonnen hatte. 1997, als der auf der Linie rettende Jürgen Kohler zum „Fußball-Gott“ wurde.

Die letzte Tragödie geschah beim „Finale dahoam“ am 19. Mai 2012. Die Bayern unterlagen im Endspiel Chelsea im Elfmeterschießen. Aus der Traum.