Interview

„Ich habe noch keine Sekunde bereut“

Lukas Podolski spricht über sein Leben in London und das Champions-League-Spiel gegen Bayern

Als Lukas Podolski (27) vor dem Wembleystadion den Wagen parkt, verweist er gleich auf Londons dichten Verkehr. „Das kann hier schon mal etwas länger dauern“, sagt er. Adidas lässt ihn den Ball präsentieren, mit dem im Champions-League-Finale am 25. Mai gespielt wird. Podolski würde gern im Wembley dabei sein, dafür muss er mit seinem FC Arsenal im Achtelfinale Bayern München ausschalten. Lars Gartenschläger sprach mit ihm über das Hinspiel am Dienstag.

Berliner Morgenpost:

Sie waren diese Woche mit einem Taxi auf Sightseeingtour in London. Was beeindruckte Sie am meisten?

Lukas Podolski:

Es war überall beeindruckend, zu allem gibt es eine Geschichte, ob nun am Buckingham Palace oder am Big Ben, wo etwa die größte Glocke der Welt ist. Es war wirklich faszinierend, die Wahrzeichen hintereinander zu sehen.

Der Schriftsteller Samuel Johnson sagte: „Sieht man London, hat man alles vom Leben gesehen, was die Welt bieten kann.“

London hat wirklich alles. Die Stadt ist sehr international, bietet eine große Vielfalt. Mich beeindrucken auch die Menschen hier. Sie sind sehr freundlich und gehen sehr respektvoll miteinander um.

Wo wohnen Sie?

Ich lebe etwas außerhalb, rund 20 Autominuten von Central London entfernt. Das ist ganz angenehm. In der Innenstadt würde es mir mit dem ganzen Verkehr viel zu stressig sein.

Wie bewegen Sie sich fort? Mit dem Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln?

Zum Training fahre ich mit dem Auto. Wenn ich in die Stadt will, nehme ich ein Taxi, den Bus oder die U-Bahn.

Die U-Bahn?

Wieso? Ist es etwas Besonderes, wenn ich mit der U-Bahn fahre?

Na ja, Sie werden in der U-Bahn nicht unerkannt bleiben.

Das stimmt, aber es ist etwas anonymer. Ich habe hier in der Öffentlichkeit noch keine negative Erfahrung gemacht.

Bedienen Sie schon die Klischees, essen also morgens Bohnen und Speck, und trinken am Nachmittag Tee?

Tee mag ich schon immer gern. Da musste ich mich nicht umstellen. Und was das Essen betrifft: Als Sportler muss ich auf meine Ernährung achten, aber das englische Frühstück habe ich schon mal probiert.

Wie läuft es mit der Verständigung?

Sehr gut. Wenn ich allerdings auf einen richtigen Engländer treffe, einen Waliser oder Iren, muss ich schon mal nachfragen, was er denn genau gesagt hat. Denn Dialekte sind schwer zu verstehen.

Dabei haben Sie doch mit Arsenal-Legende Ray Parlour Cockney-Englisch geübt. Die Unterrichtsstunde ist ein Hit auf YouTube.

Ich lerne dazu und Stunden wie diese machen Spaß (lacht). Aber ich konnte die Sprache auch schon vor dem Wechsel.

Trotzdem haben viele geglaubt, Sie würden schnell Sehnsucht nach Köln bekommen.

Ach, das muss ich mir doch schon seit Jahren anhören. Einige haben mir den Schritt nach London zugetraut, andere nicht. Wenn man immer nur auf negative Nebengeräusche achtet, kann man die Schuhe gleich an den Nagel hängen. Ich habe mich entschieden, dass der Schritt zu Arsenal der richtige ist. Ich habe das bis heute keine einzige Sekunde bereut.

Inwieweit half Ihr Mitspieler Per Mertesacker bei der Eingewöhnung?

Ich kenne Per schon seit zehn Jahren. Inzwischen sind wir Freunde. Mal fahre ich uns zum Training, mal er. Er hat anfangs einige Tipps gegeben und geholfen. Wichtig ist aber auch, dass man in einer neuen Umgebung seinen eigenen Weg geht.

Wie ist Arsène Wenger als Trainer?

Eine absolute Persönlichkeit. Und ein feiner Mensch. Er hat eine klare Vorstellung vom Fußball. Wengers Philosophie ist es, dass Arsenal auf dem Platz das Spiel macht. Dass das nicht immer klappt, ist auch klar. Doch diesen Stil prägt der Trainer, seit er 1996 bei Arsenal anfing.

Wie spricht er mit Ihnen?

Wenn die Mannschaft zusammen ist, spricht er Englisch – mit mir allein Deutsch. Das ist ganz angenehm.

Wie erleben Sie den Fußball in England?

Die Stadien sind fast alle genauso modern wie in Deutschland. Aber die Atmosphäre ist aufgrund der reinen Sitzplatzstadien und der fehlenden Stehplatztribünen hinter den Toren eine etwas andere. Hier singen die Fans nicht so oft wie in Deutschland. Dafür gehen alle Zuschauer in einem Spiel viel mehr mit.

Erklären Sie das mal genauer.

Wenn du einen schönen Pass spielst oder eine Grätsche machst, springen die Fans auf und klatschen Beifall. Und wenn du nach einem Foul sofort wieder aufstehst und weiter machst, flippen sie aus. Das ist schon ganz speziell. Da kommt manchmal eine besondere Energie von den Rängen. In einigen Stadien kannst du die Fans bei einer Ecke sogar abklatschen, so dicht sitzen sie am Spielfeld. Das hat was.

Am Dienstag geht es gegen Bayern. Wie sind die Chancen auf ein Weiterkommen?

Mit Sicherheit ist das ein schweres Los.

Nach der Auslosung hatte man das Gefühl, als würden die meisten Experten Arsenal nur wenig zutrauen.

Die Bayern sind sicherlich Favorit. Aber wir haben die Qualität, uns gegen sie zu behaupten. Es ist in den vergangenen Wochen immer besser für uns gelaufen, sodass ich ein gutes Gefühl habe. Ich freue mich auf die beiden Spiele, zumal es schön ist, mal wieder Menschen wie Uli Hoeneß oder Jupp Heynckes zu treffen. Ich hatte in München alles in allem eine gute Zeit. Da sind gute Kontakte und Freundschaften entstanden, die mir wichtig sind. Denn Fußball ist nicht alles im Leben.

Die Bayern dominieren die Bundesliga. Wie schätzen Sie sie ein?

Sie spielen eine überragende Saison. Die Bayern sind klar die Nummer eins in Deutschland und gehören mit Sicherheit zu den zwei, drei besten Teams in Europa. Die Meisterschaft haben sie wohl schon entschieden. Aber in der Champions League warten wir jetzt auf sie.

Sie treffen auf Ihren Kumpel Bastian Schweinsteiger. Wie ist der Kontakt?

Sehr gut. Wir schreiben uns ab und an, telefonieren oder chatten. Dann wird auch mal geflachst, so wie am letzten Montag, als ich ihm zu seinem Freistoßtor gegen Schalke gratuliert habe und meinte, dass es schön ist, dass ihm von 300 Versuchen nun endlich mal einer gelungen ist. (lacht)

Das Duo „Poldi & Schweini“ stand lange für den deutschen Umbruch. Nun sind Sie beide älter geworden und es stehen inzwischen jüngere Talente wie Reus oder Götze im Fokus.

Aber das ist doch gut für den deutschen Fußball, dass wir viele Talente haben. Das war damals nicht so, als wir zur Nationalmannschaft gekommen sind.

Jetzt ist die Konkurrenz groß.

Der Konkurrenzkampf ist doch gut und leistungsfördernd. Er ist auf allen Positionen in der Nationalmannschaft vorhanden. Aber genau das will Bundestrainer Joachim Löw auch so. Das hat er uns gesagt, dem muss man sich stellen. Bis zur WM kann noch viel passieren.

Für Sie lief es zuletzt nicht immer so gut. Die Kritik war in den vergangenen acht, neun Monaten teilweise heftig.

Ganz ehrlich: Damit kann ich leben. Das ist der Fußball, das ist der Sport, wie ich ihn nicht anders kenne.