Interview

„Wenn Michael in der Stadt ist, weiß es jeder“

Ex-Albatros Rödl studierte an der gleichen Uni wie Jordan

Nur wenige dürfen davon erzählen, dass Michael Jordan nach der Schlusssirene direkt auf sie zugekommen ist, und nicht umgekehrt, um ein wenig zu plaudern. Zu diesem elitären Kreis gehört Henrik Rödl (43), einstmals deutscher Nationalspieler in Diensten von Alba Berlin und heute Bundesliga-Trainer in Trier. Das Privileg wurde Rödl bei Olympia 1992 zuteil, weil beide für die Tar Heels, dem Team der Universität von North Carolina, spielten. Theo Breiding fragte ihn danach.

Berliner Morgenpost:

Wie kam es zu dem Gespräch?

Henrik Rödl:

Ich war in der ersten Halbzeit an ihm vorbeigezogen und hatte zwei Punkte gemacht. Er kam dann nach dem Spiel auf mich zu, nahm mich in den Arm und sagte, dass er mich den Korb hat machen lassen, weil ich einer von seinen Jungs, ein Tar Heel, wäre.

Deutschland verlor gegen das Dreamteam 68:111, war das sein Ernst?

Natürlich nicht. Ich hatte ihn getäuscht, er war darauf reingefallen, meine goldenen fünf Sekunden der Spiele. Er ist viel zu ehrgeizig, um mich einfach so vorbeiziehen zu lassen. Für mich war es das dann aber auch, die Unterschiede waren ja das ganz Spiel über deutlich zu sehen.

Sie sind gut sechs Jahre jünger als er. Wie hat Jordan Ihre Generation beeinflusst?

Ich habe das erste Mal 1983 von ihm gehört. Da war Roy Williams, der jetzige Headcoach und damalige Assistent von North Carolina, zu einem Basketball Camp in Deutschland und hat uns abends Videos von ihm gezeigt. Das ganze Camp ist durchgedreht, was der für Sachen gemacht hat. Seine Dunkings und alles. Von diesem Moment an war er mein Lieblingsspieler und ist es immer geblieben.

Sind Sie nach den Video-Abenden in die Halle gegangen, um ihn zu kopieren?

Jeder wollte wie Michael sein, aber es ist nur wenigen gelungen, ihn zu kopieren. Weil er Athletik und Ästhetik so einzigartig miteinander verbunden hat. Zu der Zeit wurde jeder, der aus dem College kam, mit ihm verglichen. Ist der Michaelesque? Kann der wie Michael werden? Und bis Kobe Bryant kam dann auch niemand, der auch nur ansatzweise mit Michael zu vergleichen war.

Er ist zu einer Weltmarke geworden, in viel größerem Maße als Kobe Bryant oder auch Dirk Nowitzki?

Er war ein Vorreiter. Es brachen die Zeiten der Globalisierung an. Heute sind Dreamteams als Nachfolger der Mannschaft von Barcelona nichts Neues mehr. Er war der unumstritten beste Spieler seiner Zeit, lächelte sympathisch, obwohl er immer hart gespielt hat. Er hatte ein Flair, das man so zu dieser Zeit noch nie gekannt hatte.

Jordan war mit North Carolina 1982 US-College-Meister, den nächsten Titel holte die Uni mit Ihnen 1993. Wie sehr bestimmte die Aura Michael Jordans noch die Atmosphäre, als Sie nach Chapel Hill kamen?

Michael wurde und wird noch heute verehrt wie ein Halbgott. Wenn er in der Stadt ist, weiß es jeder bis hin zum Friseur. ,Ey, Michael ist in der Stadt’.

Sind Sie ihm noch mal begegnet?

Nein. Zu meiner Zeit haben er und James Worthy im Sommer in Chapel Hill trainiert. Zu den Spielen gegen die aktuellen Tar Heels kamen Tausende. Ich war mit dem Nationalteam unterwegs, aber man bleibt seiner Uni immer verbunden. Michael hat daher unten drunter immer Tar-Heel-Shorts getragen.