Fußball

Zurück zu den alten Tugenden

Borussia Dortmund ist in Donezk psychisch und physisch überlegen

Vor dem Rückflug wurden die Sinne für das geschärft, was weit wichtiger ist als Fußball. Auf dem Flughafen in Donezk waren die Trümmer der Antonow AN-24 zu sehen, die am Mittwoch bei dichtem Nebel über die Landebahn hinausgeschossen war. Die Spieler von Borussia Dortmund wurden noch einmal mit der Tragödie konfrontiert, bevor sie gestern die Industriestadt in der der östlichen Ukraine wieder verließen: Fünf Tote und zwölf Verletzte hatte es gegeben. Fans von Schachtjor Donezk, die das Fußballspiel sehen wollten.

Die Dortmunder verließen Donezk deshalb mit gemischten Gefühlen. So richtig freuen konnten sie sich trotz der hervorragenden Ausgangsposition nicht, die ihnen das 2:2 (1:1) bescherte. „Allen Angehörigen der Unglücksopfer wünsche ich das Beste“, hatte Jürgen Klopp am Ende der Pressekonferenz in der „Donbass-Arena“ gesagt. In den Stunden zuvor hatten der BVB-Trainer und seine Spieler die Schreckensmeldung, der mit einer Gedenkminute Rechnung getragen wurde, ausblenden müssen.

Tatsächlich gelang dies der Mannschaft auf überzeugende Art und Weise. In einem zumindest in der ersten Hälfte von hohem Tempo geprägten Spiel waren die Dortmunder das dominante Team. Nur vier Tage nach der 1:4-Heimschlappe in der Bundesliga gegen den Hamburger SV waren alle wesentlichen Facetten der starken Vorstellungen wieder erkennbar, die die Borussen bei ihren nahezu perfekten Auftritten in der Champions-League-Vorrunde gezeigt hatten: konsequentes Defensivverhalten und blitzschnelles Umschalten auf Angriff. Die Statik der Abwehr, die zuletzt in der Liga bei zwei Spielen mit sechs Gegentoren arg ins Wanken gekommen war, stimmte wieder.

„Wir haben über weite Strecke klasse gespielt, aber nicht perfekt“, sagte Klopp, der in den vergangenen Tagen eine Rückbesinnung auf die Wurzeln der eigenen Erfolgsstrategie gefordert hatte. Das, „was uns stark macht“, sollten seine Spieler wieder berücksichtigen und umsetzen. Es gelang: Die beiden Gegentore waren nicht taktischen Defiziten geschuldet, sondern individuellen Fehlern.

Nicht in Ehrfurcht erstarrt

Vor dem 0:1 (31.) hatte allgemeine Unachtsamkeit zu einem Freistoß geführt, den Dario Srna nutzen konnte. Dem 1:2 (68.) war ein Stellungsfehler von Mats Hummels vorausgegangen. „Mats macht das 1:2 und das 2:2“, flachste Klopp über den Abwehrchef, der drei Minuten vor dem Ende dann auch per Kopfball zum Endstand traf – ins richtige Tor. Für den Trainer war es eine beruhigende Erkenntnis, dass die Mannschaft über genug physische und psychische Kraft verfügt, zweimal einen Rückstand aufzuholen. „Wenn Schachtjor sein Spiel nicht zeigen konnte, ist das ein Kompliment für uns“, sagte er. Es war eine Bestätigung dafür, dass die Dortmunder auch in der K.o.-Phase der Königsklasse nicht in Ehrfurcht erstarren, sondern weiterhin ihren Stil durchsetzen können.

Genauso unbeeindruckt, wie die gesamte Mannschaft ihre jüngsten Probleme weggesteckt hat, ging auch Robert Lewandowski mit den Turbulenzen in eigener Sache um. Der polnische Stürmer zeigte erneut, was ihn so wertvoll macht: gutes Spielverständnis und Nervenstärke. Sein Treffer zum 1:1 (41.), der fünfte in der laufenden Saison, war ein Beleg für seine Abgeklärtheit: Beim ersten Schussversuch schlug er ein Luftloch, dann nutzte er cool die unverhoffte Nachschussmöglichkeit.

So bekam Hans-Joachim Watzke, der in vergangenen Tagen ob der anhaltenden Wechselgerüchte des Ausnahmestürmers leicht genervt reagiert hatte, das Grinsen diesmal fast nicht aus dem Gesicht, als er erneut auf das Thema angesprochen wurde. „Wir spielen in der Champions League und haben gute Chancen, es auch nächste Saison wieder zu tun. Außerdem haben wir im vergangenen Geschäftsjahr einen Gewinn von 34 Millionen Euro gemacht. Die ganz große Notwendigkeit, Spieler zu verkaufen, sehe ich nicht“, sagte der Geschäftsführer, der sich bewusst ist, dass Lewandowski mit jedem Tor auf der großen, internationalen Bühne teurer wird.

In seiner vermutlich letzten Saison in Dortmund wird Lewandowski die kontinuierliche Weiterentwicklung mit seinen vielseitigen Qualitäten jedoch begleiten und vorantreiben. Wo der Weg in der Champions League enden wird, ist völlig offen. Gestern, nach der pünktlichen Landung in Dortmund, war Klopp jedenfalls nicht bereit, sich damit zu beschäftigen. Aufgrund der intensiven Belastungen der kommenden Wochen – u.a. in der Bundesliga gegen Verfolger Eintracht Frankfurt und im Viertelfinale des DFB-Pokals beim FC Bayern – schien das Thema Champions League schon wieder weit weg.