Lokal-Derby: Hertha - Union

Wenn Fans zum Star werden

Spiele des Jahres: Berlin fiebert seinem Fußball-Derby und dem Duell gegen Europas Handball-Topklub entgegen

– Es ist gut möglich, dass Änis Ben-Hatira und Christopher Quiring einst als Kinder gemeinsam im Olympiastadion standen. Dass sich ihre Stimmen noch vor dem Anpfiff bei Frank Zanders Hymne „Nur nach Hause“ in den Fan-Chor der Ostkurve einreihten, und dass sie selig den Heimweg antraten, wenn Hertha BSC eine Partie für sich entscheiden konnte. Vielleicht sind sich Herthas Mittelfeldspieler und sein Pendant beim 1. FC Union sogar begegnet. Möglich wäre es, denn beide Profis haben einen Großteil ihrer Kindheit als Anhänger der Blau-Weißen verbracht. Doch die gemeinsame Vergangenheit ist vergessen, wenn Hertha am Montagabend imLokalderby auf Union trifft (20.15 Uhr/Sport1).

Einst hielten beide zu Hertha

Denn während es Ben-Hatira vom Fan bis in die Profimannschaft der Charlottenburger geschafft hat, läuft Quiring mittlerweile im Trikot der Köpenicker auf und ist spätestens seit dem Hinspiel, das Hertha mit 2:1 an der Alten Försterei gewann, in dem er aber den zwischenzeitlichen Ausgleich für Union erzielen konnte, eine der Identifikationsfiguren der „Eisernen“. Denn nach der Niederlage ätzte der 22-Jährige frustriert: „Wenn die Wessis in unserem Stadion jubeln, kriege ich das Kotzen.“ Es war weniger ein politisches Statement als vielmehr der Ausdruck seiner Verbundenheit mit dem Klub. Nachdem die Wogen wegen der Wessi-Äußerung hochschlugen, sagte er: „Es genügt wohl ein Blick auf mein Geburtsdatum, um zu erkennen, dass das nicht politisch gemeint war. Aber Ost und West kann man in Berlin offenbar nicht erwähnen, ohne dass es gleich politisch gesehen wird.“ Zudem habe er Hertha damit nicht beleidigen wollen, sondern sei nur enttäuscht über die Niederlage gewesen.

Seit der E-Jugend spielt der in Marzahn aufgewachsene Quiring für den 1. FC Union. Bis dahin drückte er Hertha die Daumen. Denn es waren die Zeiten von Marcelinho und Co., als Hertha im Gegensatz zu Union in der Bundesliga für Furore sorgte und in der Champions League den FC Barcelona zu Gast hatte. Doch nach dem Eintritt in den Klub der „Eisernen“ war plötzlich alles anders: „Mit zwölf habe ich gemerkt, wo Fußball Spaß macht und gelebt wird: bei Union“, sagt er heute. Hier durchlief er die Jugendmannschaften, fuhr nun als Fan zu vielen Auswärtsspielen und schaffte es 2010 ins Profiteam.

Wie groß Quirings Identifikation mit den Köpenickern ist, verrät seine Wade. Der gelernte Metallbauer hat sich darauf das Emblem des „Wuhlesyndikats“, Unions größter und bekanntester Ultra-Gruppierung, tätowieren lassen. Seine Nähe zu den Anhängern zeigte er auch beim Auswärtsspiel gegen Eintracht Braunschweig, als er nach der Partie ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Ultras sterben nie“ präsentierte. Er sagt: „Ultras sind Teil der Union-Familie. Dieses familiäre Miteinander macht den Klub so besonders.“ Sprüche wie dieser haben Quiring, dessen Vater bei jedem Spiel im Block steht und der angibt, einen Teil seiner Freizeit mit einigen Ultras zu verbringen, in kürzester Zeit zum Fanliebling in der Alten Försterei gemacht. Für Unions Anhänger ist er mittlerweile das, was Änis Ben-Hatira für die Hertha-Fans ist – einer von ihnen.

Wenn man mit Ben-Hatira über das Derby spricht, leuchten seine Augen: „Für mich ist das ein ganz besonderes Spiel“, sagt der 24-Jährige. In seiner Kindheit habe er als Balljunge im Olympiastadion am Rasen gestanden und seinen Idolen zugesehen. „Ich erinnere mich an ein Spiel gegen den HSV, als Bart Goor vier Tore geschossen hat“, sagt der Deutsch-Tunesier und lächelt. Schon damals habe er sich geschworen, einmal selbst im Olympiastadion auflaufen zu wollen. „Das war immer mein Traum, und deshalb ist es für mich auch noch einmal etwas Besonderes, heute tatsächlich für Hertha zu spielen.“

So wie Unions Christopher Quiring ist auch Änis Ben-Hatira ein „Berliner Junge“, wie er sagt. Im Wedding aufgewachsen, hat der Sohn muslimischer Eltern schnell den Weg zu den Blau-Weißen gefunden. Nach anfänglichen Schritten beim RFC Alt-Holland und den Reinickendorfer Füchsen wechselte der talentierte Linksfuß 1999 zu Hertha BSC und blieb dort, bis er über die Zwischenstation Tennis Borussia 2006 für fünf Jahre zum Hamburger SV ging. „Hamburg war zwar toll“, sagt der Flügelspieler. „Aber das ist nicht damit zu vergleichen, wenn man in seiner Heimatstadt spielt, vor seiner Familie, seinen Freunden – dort, wo man früher seinen Idolen die Bälle zugeworfen hat.“ Seit 2011 ist Ben-Hatira wieder zurück in Berlin und hat es mittlerweile selbst zum Idol bei Hertha gebracht. Zur Ostkurve scheint der tunesische Nationalspieler ein besonderes Verhältnis zu haben. Als er im Herbst beim ersten Spiel nach der „Portemonnaie-Affäre“ um seine Ex-Freundin gegen Dynamo Dresden ausgewechselt wurde, standen die Hertha-Anhänger auf und applaudierten aufmunternd. „Vielleicht ist es meine Art Fußball zu spielen“, sagt er. „Ich hasse es zu verlieren, und das merken die Fans.“

Vielleicht aber hat man ihm in der Hauptstadt auch nicht vergessen, dass er nach dem Bundesliga-Abstieg im Sommer bei Hertha geblieben ist, obwohl es Angebote aus der Liga gegeben hatte. Damals sagte Ben-Hatira, er tue dies für seine Familie, die Stadt und die Fans. Das kam gut an und hat seinen Status als Fanliebling und Identifikationsfigur der Blau-Weißen noch gefestigt. Darüber reden aber will Ben-Hatira nicht: „Ich brauche niemandem etwas zu beweisen. Jeder kann in den Spielen und im Training sehen, dass ich mich zu einhundert Prozent für den Verein zerreiße.“

Comeback gegen den Erzrivalen

Dass er das auch im Rückspiel gegen Union tun kann, schien lange Zeit unwahrscheinlich zu sein. Der U21-Europameister von 2009 fehlte drei lange Monate wegen einer komplizierten Knöchelverletzung und stieg erst im Trainingslager in der Türkei vor zweieinhalb Wochen wieder ins Mannschaftstraining ein. Seitdem kämpfte Ben-Hatira verbissen für sein Comeback, schob Extra-Schichten und näherte sich so langsam aber sicher dem alten Fitnessstand. Beim Auftaktsieg gegen Jahn Regensburg (5:1) am vergangenen Wochenende verzichtete Herthas Cheftrainer aber noch auf ihn.

Beim Derby jedoch wird er aller Voraussicht nach wieder im Aufgebot der Herthaner stehen. „Ich habe mir in dieser Woche die letzten Prozente geholt, damit ich am Montag bereit bin, wenn der Trainer mich braucht.“ Und die Vorfreude könnte größer nicht sein: „Das wird ein geiles Gefühl im ausverkauften Olympiastadion. Endlich haben wir mal wieder richtige Erstligastimmung. Da freue ich mich besonders drauf.“ Damit auch seine Freunde und Familie bei diesem Erlebnis im Stadion dabei sein können, hat Ben-Hatira noch einmal tief in die eigene Tasche gegriffen und die letzten Eintrittskarten gekauft.

Ob es am Montag zum Aufeinandertreffen der beiden Publikumslieblinge in der „Riesenschüssel“ Olympiastadion (O-Ton Quiring) kommen wird, hängt auch davon ab, ob Quiring rechtszeitig fit wird. Wegen einer Grippe verpasste Unions Offensivspieler, den sein Trainer Uwe Neuhaus wegen seiner Zielstrebigkeit schätzt, den Auftaktsieg gegen Sandhausen (3:1) und konnte danach nur Lauftraining absolvieren.

Für ihn wäre es ebenso wie für Änis Ben-Hatira ein Höhepunkt der Saison, ein Spiel, in dem sie noch einmal beides sein können, Profi und Fan zugleich. Dann wird auch erneut Frank Zanders „Nur nach Hause“ erklingen, und Ben-Hatira wird wieder mitsingen. Diesmal aber in der Kabine.