Interview

„Manchmal muss es krachen“

Miriam Gössner über die Biathlon-WM, Kritik nach Schießfehlern und Bergtouren mit dem Papa

Wenn Biathletin Miriam Gössner an den Schießstand kommt, beginnt das Zittern. So flink die 22-Jährige auf Skiern läuft, so wechselhaft ist ihre Trefferquote mit dem Gewehr. Wenn sie aber halbwegs gut zielt, ist sie vorn dabei. Kein Wunder, dass Gössner bereits für die Nordische Ski-WM in Italien (20.2.-3.3.) als Langläuferin gesetzt ist. Erst aber kommt die Biathlon-WM in Tschechien, die gestern mit dem Mixed-Wettbewerb begann. Auch dort zielte sie schlecht, schoss viermal daneben, belegte beim Sieg Norwegens mit ihren deutschen Kollegen nur den enttäuschenden 13. Rang. Melanie Haack sprach mit Gössner.

Berliner Morgenpost:

Müssen wir uns Sorgen machen, Frau Gössner? Sie sprechen fließend Norwegisch, wuchsen durch Ihre Mutter zweisprachig auf, und die Norweger haben Sie scheinbar schon adoptiert.

Miriam Gössner:

(lacht) Man soll niemals nie sagen. Aber im Ernst – ich kann ausschließen, dass ich für Norwegen starte. Ich wohne in Deutschland, habe so viel Unterstützung hier erhalten und möchte für Deutschland gut sein. Ich habe keine Wechselgedanken.

Erst im Leben nach dem Sport?

Ja, genau. Mir gefällt es in Norwegen sehr gut. Die Menschen, die Natur, diese Gelassenheit, diese Ruhe.

Jetzt sind Sie mittendrin im Trubel. Sie mussten in dieser Saison mit einer neuen Situation zurechtkommen. Magdalena Neuner hatte aufgehört – dafür rückten Sie stark in den Fokus. Ist das mehr Last oder mehr Lust?

Weder noch. Wir Sportler sind auch nur Menschen. Es wird immer sehr viel geschrieben und gesagt – wenn ich mir das alles anhören und durchlesen würde, würde ich mir wahrscheinlich sehr viele Gedanken machen. Deshalb lasse ich das lieber bleiben und versuche, mich auf das Laufen und Schießen zu konzentrieren und nicht auf das Drumherum – das geht sonst schief. Ich will einfach ich sein.

Wie einfach ist das bei dem Trubel?

Ich habe ein sehr gutes Umfeld, das mich in die normale Welt zurückholt, wenn ich heimkomme. Mir ist es sehr wichtig, bei meiner Familie zu sein. Denn dort geht es um andere Themen, dort bin ich nicht die Hauptperson, dort dreht sich die Welt um das richtige Leben, um den Alltag. Alle sind gleich wichtig.

Als die ersten Erfolge diese Saison kamen, begannen die Vergleiche mit Magdalena Neuner. Nervt das? Oder ehrt das?

Es nervt auf keinen Fall. Es war anfangs aber schade für die Mannschaft, dass es immer hieß: Die Biathletinnen können ohne Magdalena Neuner nicht mehr gut sein. Wir hatten alle hart trainiert. Und wenn du dann so etwas liest, bist du traurig, dass dir gar nichts zugetraut wird. Ich bin vor der Saison gefragt worden, ob wir ohne Lena überhaupt eine Staffel an den Start bringen wollen. Das war deprimierend. Die Vergleiche mit Lena aber finde ich nicht schlimm.

Macht das vielleicht sogar Mut?

Es ist irgendwie nett, dass die Leute mir so viel zutrauen. Aber wir sind zwei unterschiedliche Personen, auch wenn wir uns sehr ähnlich sind und uns sehr gern haben. Lena hat wahnsinnig viel erreicht und sehr große Fußstapfen hinterlassen. Die kann man gar nicht füllen. Ich möchte meinen eigenen Weg gehen.

Bei Ihnen wechselt es am Schießstand öfter mal zwischen Frust und Freude. Was hilft bei Frust?

Bei Frust hilft gutes Essen. Pizza.

Wer kann Sie am besten aufmuntern?

Das ist unterschiedlich. Manchmal muntert es mich schon auf, wenn ich zu Hause die Tür aufmache und mein Hund angeschossen kommt. Oder wenn ich etwas mit meinen Freundinnen mache. Manchmal sind es auch meine Eltern. Wenn ich einen schlechten Wettkampf hatte und deprimiert bin, rufe ich sie an.

Und was geht gar nicht?

Unehrlichkeit geht für mich gar nicht. Ich mag Menschen, die mir ins Gesicht sagen, was sie denken – auch wenn es Kritik ist. Lieber soll es mal richtig krachen – dann ist hinterher die Luft wieder klar.

Wie belohnen Sie sich, wenn ein Wettkampf gut gelaufen ist?

Wenn es gut läuft, hast du gar nicht so viel Zeit, dich zu belohnen, weil du von A nach B laufen musst. Läuft es schlecht, hast du viel Zeit, dir aus Frust den Kuchen reinzuziehen.

Und das ist erlaubt?

Wir trainieren ja hart. Und wenn ich dann noch ein paar Extrameter gelaufen bin – in Antholz musste ich ja sieben Mal in die Strafrunde –, dann geht das.

Extrameter machen Sie auch privat. Sie wollen 2014 mit Ihrem Vater auf den Mount McKinley.

Ich würde das wahnsinnig gerne machen. Mein Papa ist Bergführer, kennt sich aus. Ich bin einfach gerne mit ihm unterwegs. Es ist schön, Zeit mit ihm zu verbringen. 2012 war ich erst mit Mama in Thailand, dann mit Papa auf dem Mont Blanc.

Respekt! Der Mont Blanc ist gut 4800 Meter hoch, Mount McKinley mit 6194 der höchste Berg Nordamerikas. Was gibt Ihnen das Bergsteigen?

Ein total schönes Gefühl. Du schaust hinunter und denkst: Wow, ich habe es hier hoch geschafft. Vielleicht kann man dieses Durchhaltevermögen mitnehmen in den Sport, diese Willensstärke.

Haben Sie sich vor der WM Tipps von Magdalena Neuner geholt?

Als wir neulich Essen waren, ging es eher um private Themen. Es ist auch mal schön, wenn nicht der Sport im Vordergrund steht. Es war einfach ein Mädelsabend.