Lindsey Vonn

Dieser Weg wird ein steiler sein

Skistar Lindsey Vonn muss mit schwersten Knieverletzungen um ihre Karriere bangen. Doch sie selbst spricht von Olympia 2014

Diese Geschichte hätte eine andere werden können, ja sollen. Die Geschichte von einer, die aus dem Dunkel zurück ins Licht fährt, die das Spektakuläre stets mit dem Triumphalen verbindet, die Depressionen und eine rätselhafte Erkrankung bewältigte, um beim Saisonhöhepunkt einmal mehr alle abzuhängen. Von einer, der nach ihrer Scheidung ein glamouröses Techtelmechtel mit Tiger Woods nachgesagt wird. Es hätte die Geschichte einer Gewinnerin werden können. In der Realität aber ist Lindsey Vonn (28) die erste Verliererin der alpinen Ski-Weltmeisterschaften.

Kreuzband- und Innenbandriss im rechten Knie und Bruch des Schienbeinkopfes – so liest sich, in ein ärztliches Bulletin gegossen, Vonns Tagesbilanz im ersten und letzten WM-Auftritt in Schladming. In dem von 13 Verschiebungen beeinträchtigten Super-G-Wettbewerb am Dienstag hatte sich die Amerikanerin das Knie derart unglücklich verdreht bei der Landung nach einem Sprung, dass sie fiel, sich überschlug und anschließend vor Schmerz schreiend liegen blieb.

Der Rettungshelikopter transportierte Vonn ins Krankenhaus nach Schladming, wo eine Magnetresonanztomographie die folgenschwere Diagnose erbrachte. Noch am selben Abend verließ sie das Hospital. Christian Kaulfersch, der behandelnde Oberarzt, sagte: „Vonn möchte ins Quartier zurück, um das Erlebte zu verarbeiten. Aus ärztlicher Sicht stellt das kein Problem dar.“ Eine Operation allerdings ist unumgänglich. Voraussichtlich Anfang kommender Woche soll sie in ihrer Heimatstadt unters Messer.

Noch drei Siege bis zum Rekord

Tom Hackett, Unfallchirurg an der Steadman-Klinik in Vail/US-Bundesstaat Colorado und einer von mehreren Medizinern im amerikanischen Skiverband, wagte in der „New York Times“ eine optimistische Prognose. „Es gibt eine sehr gute Chance, dass sie in voller Stärke zurückkehrt. Typischerweise wird sie das Kreuzband alleine sechs bis acht Monate, maximal zumindest, vom höchsten Level fernhalten, das sie gewohnt ist. Das Innenband kann oft von alleine heilen. Und ein Bruch in Verbindung mit dem Kreuzband spielt für gewöhnlich eine geringere Rolle.“

Viele Skirennläufer mit ähnlichen Verletzungen seien innerhalb eines Jahres zurückgekehrt „und haben gute Leistungen gezeigt“, sagt Hackett. Gute Leistungen sind jedoch nicht das, was von Lindsey Vonn erwartet wird. Sie soll – und will – das Außergewöhnliche leisten. Vier Gesamtweltcupsiege hat sie in ihrer Karriere gehamstert, mit 59 Weltcupsiegen ist sie nur noch drei Erfolge von Annemarie Moser-Prölls scheinbar für die Ewigkeit bestimmtem Rekord entfernt. Selbst in diesem mäßigen Winter hat Vonn ihrer Bilanz ja fünf erste Plätze hinzugefügt.

Nach einer mysteriösen Darmerkrankung im November gewann Vonn in Lake Louise alle drei Tempo-Wettbewerbe. Mitte Dezember dann schied sie gleich zweimal in Folge aus, in der Abfahrt in Val d’Isère rauschte sie gar in den Fangzaun – das war der besten Abfahrerin überhaupt in diesem Sport seit Jahren nicht passiert.

Nachdem Vonn im Dezember Depressionen einräumte, reiste sie im laufenden Weltcupgeschehen aus Europa ab. Sie igelte sich in den Vereinigten Staaten ein und kehrte erst Mitte Januar in St. Anton ins Renngeschehen zurück – um am Wochenende darauf in Cortina d’Ampezzo die Abfahrt zu gewinnen. Zur WM nun war die kapriziöse Blondine zuversichtlich angereist: „Ich fühle mich so gut vorbereitet wie noch nie.“ Nach ihrem Missgeschick sagte sie: „Ich plane, sobald wie möglich nach Vail zurückzukehren, um die notwendige Operation durchführen zu lassen. Ich werde so hart wie menschenmöglich arbeiten, um in der Lage zu sein, mein Land im kommenden Jahr in Sotschi zu repräsentieren.“

Die folgenschwerste Havarie ihrer Karriere hat es nicht verhindern können. Österreichs ursprünglich auf Feierlaune gepolte Presse greinte drum nach dem Auftakttag. „Bitterer Start in unsere Ski-WM“, titelte die „Kronenzeitung“.

Hatte denn dieser Super-G überhaupt unbedingt gefahren werden müssen angesichts der dreieinhalb Stunden langen, kräftezehrenden Warterei am Starthaus? Österreichs Frauencheftrainer Herbert Mandl meinte zur Entscheidung der Jury: „Es stimmt schon, es hat dann aufgerissen und man konnte fahren. Aber nach so langer Wartezeit war bei den Mädels die Konzentration völlig weg.“ Patrick Riml, der Alpinchef im US-Verband, knurrte bloß: „Das Rennen war. Und aus. “

Die Amerikanerin Julia Mancuso, Drittplatzierte hinter Siegerin Tina Maze und Lara Gut, sprach von dem „mit Abstand schwierigsten Rennen meiner Karriere“. Der deutsche Trainer Wolfgang Maier nannte die Entscheidung der Jury ein Eigentor. „Man wollte die beste WM machen, die es je gab, und was hat man erreicht: Ein Superstar des alpinen Sports ist jetzt außer Gefecht.“ Die meisten Teamchefs hätten eine Absage vorgezogen. Das „Skifest mit Herz“ aber verlangte nach dem Rennen – und bekam ein Desaster.

Für Maria Höfl-Riesch haben sich durch den Unfall der Freundin die Chancen in den kommenden WM-Rennen erhöht, doch ihre Gedanken kreisten eher um Vonn. „Wir haben noch kurz telefoniert. Es ging ihr den Umständen entsprechend gut“, berichtete Höfl-Riesch, „aber natürlich ist das eine brutale Verletzung.“ Ihre Schwester Susanne kehrt nach ähnlicher Diagnose im Sommer 2011 erst nach zwei Jahren Pause zurück auf die Piste.

2015 ist die WM in ihrer Heimat

Wann genau Lindsey Vonn die Skier wieder unterschnallen kann, ist noch nicht absehbar. Ende Oktober will sie zurück sein, heißt es. Der behandelnde US-Teamarzt William Sterett sagte: „Sie ist guter Dinge und optimistisch.“ Vonns Betreuer Robert Trenkwalder stieß Mittwochvormittag in dasselbe Horn. „Der Arzt sagte, das wird neun Monate dauern.“ Vonn aber habe gemeint: „‚Das geht nicht.’ Sie will in Lake Louise wieder gewinnen.“ An ein Karriereende, sagte Trenkwalder noch, habe niemand gedacht. Warum auch? 2015 findet ja die WM in Vail statt, für Vonn soll es der Höhepunkt ihrer Laufbahn werden.

Und hat nicht Picabo Street (41), Vonns Idol im eigenen Land, vor 16 Jahren gezeigt, dass ein malades Knie kein unüberwindbares Hindernis auf dem Weg zu neuen Höhen sein muss? Im Dezember 1996 erlitt Street einen Kreuzbandriss, musste operiert werden und gewann 14 Monate später in Nagano Olympiagold.