Biathlon

Raus aus dem Schatten der Königin

Deutschlands Biathleten kämpfen im Jahr eins nach Magdalena Neuner um ihr Image

Manchmal wäre Miriam Gössner gern eine kleine Hexe. Aber keine böse, sondern eine wie Bibi Blocksberg. „Ich würde gern hexen können und auf einem Besen durch die Luft fliegen. Wenn du dir alles herzaubern könntest, was du dir wünschst, wäre das super“, sagt die 22-jährige Biathletin vergnügt.

Was sie sich herzaubern würde? Sportliche Erfolge. „Olympiasieg, Weltmeistertitel, Triumph im Gesamtweltcup“, zählt Gössner auf, „aber so einfach ist das ja nun nicht. Keine von uns kann hexen.“ Aber auch ohne Magie könnte Miriam Gössner den Weg zum WM-Titel beschreiten. Die deutsche Mannschaft jedenfalls geht optimistischer in die Weltmeisterschaften in Nove Mesto/Tschechien, als zu Beginn der Saison zu erwarten war. Weder bei den Männern noch bei den Frauen leuchtet alles rosarot, doch die schlimmsten Vermutungen im Jahr eins nach dem Rücktritt von Superstar Magdalena Neuner sind nicht wahr geworden. Es geht auch ohne die Biathlonkönigin.

Bei den Weltmeisterschaften kann die Mannschaft um Gössner, Andrea Henkel und Andreas Birnbacher jetzt endgültig aus dem Schatten laufen. „Fünf bis sechs Medaillen sind ein realistisches Ziel. Auch wenn uns natürlich bewusst ist, dass das nicht einfach sein wird“, sagt Thomas Pfüller, Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes (DSV). Schon beim ersten Rennen, der Mixedstaffel am Donnerstag, könnte es das erste Edelmetall für die Deutschen geben. Henkel, Gössner, Simon Schempp und Schlussläufer Birnbacher gehen an den Start.

Vor einem Jahr noch, bei der WM in Ruhpolding, drehte sich die Biathlonwelt in Deutschland fast nur um Neuner. Nicht zu unrecht, wie sie auch dort wieder mit einer Gold- und einer Silbermedaille bewies. Ihre Teamkollegen scheiterten allesamt bei dem Versuch, nach einem der Einzelrennen auf das Podest hüpfen zu dürfen. Die Staffeln polierten die Bilanz auf: Gold durch die Frauen, Bronze durch die Männer sowie durch die Mixedstaffel. Einmal also nur war Neuner nicht am Edelmetall beteiligt. Und dann trat sie zurück, mit gerade einmal 25 Jahren.

Gössner bei WM im Fokus

Nachdem zuvor schon Martina Glagow und Kati Wilhelm aufgehört hatten, war die bange Frage: Wer holt jetzt die Medaillen? Und dann trat nach dem misslungenen Weltcupauftakt auch noch Olympiasieger Michael Greis zurück. Sollte also alles vorbei sein mit der deutschen Biathlonherrlichkeit vergangener Jahrzehnte? Das war Chance und Risiko zugleich. „Es ist ja auch oft so, dass du an solchen Aufgaben wachsen kannst“, sagt Gössner.

Der Trubel um die 22-jährige ist seit Saisonbeginn besonders groß, gilt sie doch als größte Hoffnungsträgerin der deutschen Mannschaft. Und als habe sie genau auf jene Saison gewartet, in der Neuner den Platz für andere räumt, preschte Gössner hinein in die Lücke – mit ihrem ersten Weltcupsieg, auf den zwei weitere folgten, mit viel guter Laune und Unbekümmertheit. Nur die Sache mit dem Schießen beschert der Ausnahmeläuferin manchmal noch arges Kopfzerbrechen. Im Weltcup liegt Gössner einen Punkt hinter Henkel auf Rang vier. „Die Frauen sind überraschend stark“, sagt Bundestrainer Uwe Müssiggang.

Bei den Männern ruhen die Hoffnungen auf Andreas Birnbacher, der in diesem Winter schon zweimal ganz oben auf dem Podest stand. Zuletzt aber plagte ihn ein Infekt. „Teilweise hat uns bei den Männern das Quäntchen Glück gefehlt. Sie sind aber in jedem Fall in der Lage, vorn anzugreifen“, sagt Müssiggang. Die komfortable Situation vergangener Jahre, in denen am Ende in der Regel irgendein Deutscher um die Medaillen kämpfte, gibt es derzeit weder bei den Frauen noch bei den Männern. Chancen haben sie dennoch – und dank Miriam Gössner auch einen neuen Liebling der Fans.

Auftakt mit der Mixed-Staffel

Die Frage nach den neuen Leistungsträgern war vor der Saison die eine Sorge. Die andere Befürchtung war, dass in Neuner auch ein Teil der Euphorie kleiner wird. Beim Weltcup in Ruhpolding mussten die Organisatoren einen Besucherschwund verkraften. Die Gründe aber waren vielschichtig: schlechtes Wetter, späte Startzeiten – aber sicherlich auch Neuners Rücktritt. Und doch wird Deutschlands Biathlonstar a.D. zumindest am Anfang der Titelkämpfe wohl allgegenwärtig sein. Zu sehr war dieser Sport fokussiert auf sie. Ein guter Start mit der Mixedstaffel wäre deshalb umso wichtiger. Birnbacher: „Es nimmt den Druck von der Mannschaft, wenn schon eine Medaille da ist.“