Boxen

Nach dem Kampf im Ring geht das Gerangel noch weiter

Gutknecht verliert EM-Titel an Brähmer. Sauerland-Cheftrainer Wegner sieht sich vom eigenen Management verschaukelt

Es war ja schon ziemlich beeindruckend, was sich die Protagonisten Eduard Gutknecht und Jürgen Brähmer in der Nacht zum Sonntag im Kampf um die Europameisterschaft im Halbschwergewicht um die Ohren gedroschen hatten – mit dem besseren Ende (114:113, 116:111, 117:110) für den 34 Jahre alten Herausforderer Brähmer. Doch was Gutknechts Trainer Ulli Wegner im Nachklang weit nach Mitternacht verbal abgefeuert hatte, schlug noch härter ein.

Versteckte Drohung

Die Vorwürfe des 70-jährigen Cheftrainers aus dem Team Sauerland, der sowohl Brähmer als auch dessen Coach Karsten Röwer (50) zuvor für ihre Leistung gelobt hatte, kurz zusammengefasst: Brähmer sei bereits im Vorfeld der gewünschte Sieger gewesen. Er und sein Schützling hätten ganz schnell gemerkt, dass sie nur dann siegen könnten, wenn es zu einer K.o.-Entscheidung käme. Und schließlich ließe er sich als erfahrener und erfolgreicher Trainer nicht auf die Rolle schieben. „Was glaubt ihr eigentlich, wen ihr vor euch habt?“, so Wegner und weiter: „Ob ich mit 70 oder 71 abtrete, macht mir auch nicht viel aus.“

Kalle Sauerland (34), Sohn, designierter Nachfolger und momentan rechte Hand von Boxstallchef Wilfried Sauerland (72), verdeckte sein Gesicht mit den Händen, schüttelte ungläubig den Kopf und konterte: „Was willst du uns eigentlich sagen, Ulli? Wenn ihr wusstet, dass ihr nur durch K.o. gewinnen könnt, warum seid ihr dann überhaupt angetreten?“ Später glättete er die Wogen: „Vielleicht sollte Ulli eine Nacht darüber schlafen.“

Die fast 5000 Zuschauer in der Max-Schmeling-Halle (und die knapp 3,2 Millionen bei der ARD) hatten einen Kampf gesehen, der von Seiten des 30-jährigen Titelverteidigers Gutknecht in der ersten Hälfte beherzt und phasenweise erfolgreich, mit zunehmender Dauer aber immer unsauberer (Herunterdrücken des Gegners im Infight) und weniger durchdacht geführt wurde. Brähmer, erstmals nach zehn Monaten wieder im Ring, gewann dagegen zunehmend an Selbstsicherheit, auch, weil der schwache englische Ringrichter Terry O’Connor Gutknecht in Runde neun verwarnt (ein Punkt Abzug) hatte. Der suchte daraufhin sein Heil immer mehr in wuchtigen Einzelaktionen – vergeblich.

Wenn es denn ein Indiz dafür gibt, dass Wegners Verdacht begründet war, dann sicherlich am ehesten jenes, wonach die ersten fünf Runden eindeutig zugunsten Brähmers gewertet wurden. Das entsprach definitiv nicht dem Geschehen im Ring. Hilfreich ist die stallinterne Diskussion aber nicht. Jürgen Brähmer steht als ehemaliger Weltmeister vor einer erneuten Titelchance. Der Schweriner trifft auf den Sieger des Duells Nathal Cleverly/ England) und Robin Krasniqi (München), das am 16. März in England ausgetragen werden soll. Titelverteidiger Cleverly ist der Favorit. Kalle Sauerland: „Wir werden versuchen, von der WBO (World Boxing Organisation, d. R.) die Erlaubnis zu kriegen, dass Jürgen noch einmal vorher boxen darf.“ Der Weltmeisterschaftskampf dürfte im August oder September ausgetragen werden. „Bis dahin muss ich aber noch einiges tun. Es fehlte manchmal die Spritzigkeit“, sagte Brähmer.

Versönliches Angebot

Karsten Röwer, schon zu Amateur-Zeiten Brähmers Trainer und 1996 mit ihm Junioren-Weltmeister, ist nach 15 Jahren Unterbrechung jetzt wieder der Mann in der Ecke. Seine Sicht der Dinge: „Eddy war stets gefährlich, aber Jürgen hatte die klarere Linie.“

Der Schweriner, nach einigen Jahren mit mehr oder weniger intensiven juristischen Erfahrungen (Gefängnisstrafen), scheint angekommen. Seit knapp zehn Monaten Vater einer kleinen Tochter (Jasmin), zeigte er sich erleichtert. „Ich wollte ganz schnell sehen, wo ich stehe. Das ist gelungen. Die Vorbereitung war hart, ich konnte in den letzten Wochen keine Boxhandschuhe mehr sehen. Aber es hat sich gelohnt. Trotzdem fehlt mir noch viel. Ich muss wieder einen kompletten Kampf auf hohem Niveau bestreiten können.“

Am Ende formulierte Kalle Sauerland noch einen attraktiven Vorschlag in Richtung Gutknecht und Wegner. „Vielleicht verteidigt Jürgen seinen WM-Titel, den er hoffentlich holt, ja zuerst gegen Eddy.“