Afrika-Cup

Fußball gegen den Terror

Mali erreicht Halbfinale beim Afrika-Cup und widmet Erfolg der vom Krieg gezeichneten Heimat

Malis Kapitän Seydou Keita hüllte seinen Körper eilig in eine Flagge seines Heimatlandes, erst dann trat er im Stadion von Durban vor die Kameras. Er weiß um die Bedeutung patriotischer Bilder in Zeiten des Krieges. „Dieser Sieg bedeutet jedem einzelnen in Mali eine Menge“, sagte er mit jener kräftigen Stimme, die zuletzt schon so viele Botschaften der Hoffnung für Mali formuliert hatte.

Es war der einstige Star des FC Barcelona, der sich dafür eingesetzt hatte, vor dem Afrika-Cup in Südafrika ein Trainingslager in der vom Kampf gegen Islamisten gezeichneten Heimat abzuhalten. Tausende kamen zu den Trainingseinheiten. Es war Keita, der durchsetzte, einen Teil der Mannschaftsprämien für die Offensive des Militärs zu spenden. Und es war dann auch Keita, der im Viertelfinale gegen den Gastgeber den Ausgleich zum 1:1 erzielte und damit den Sieg im Elfmeterschießen (3:1) erst ermöglichte. „Wir haben heute unseren Job erledigt und hart gekämpft“, sagte der 33-Jährige. Man merkte ihm an, dass es hier nicht allein um ein Fußballspiel ging.

Islamisten verbieten Fußball

Wohl nur wenige verkörpern die Sehnsucht nach einem Stück Alltag in dem westafrikanischen Land wie der eloquente Profi, der inzwischen für den chinesischen Verein Dalian Aerbin antritt. Vor einem Jahr waren es seine Tränen, mit denen er Aufmerksamkeit auf die damals noch wenig beachtete Krise lenkte. Mali hatte beim Afrika-Cup in Gabun ebenfalls den Gastgeber im Viertelfinale besiegt, im Norden des Landes aber lief der Aufstand der Tuareg, der Militärputsch stand bevor. „Wir feiern unseren Sieg, aber gleichzeitig fühlen wir uns sehr traurig“, sagte er damals verzweifelt, „wir brauchen Frieden, wir sind doch eine Nation.“

Das Jahr, das folgen sollte, sieht nicht nur Keita als „eine der schwierigsten Epochen unserer Geschichte“. Islamisten nutzten das Machtvakuum nach dem Militäraufstand und rissen die Kontrolle über den Norden an sich. Die mit al-Qaida kooperierende Terrorgruppe Ansar Dine führte eine besonders strenge Form der islamischen Gesetzgebung Sharia ein. Tanz, Musik, Rauchen, Alkohol und auch das Spielen und Anschauen von Fußball wurden als Teil westlicher Einflüsse verboten. Erst als die Islamisten Anfang Januar eine Offensive auf die Hauptstadt Bamako im Süden des Landes startete, griff Frankreich ein.

Während sich Mali in Südafrika unter die letzten vier Mannschaften spielte, eroberten französische und malische Truppen in der 6000 Kilometer entfernten Heimat Ort für Ort zurück. Doch der Konflikt in dem Land ist komplexer als ein bloßer Kampf gegen den Terror, der nach Einschätzung von Diplomaten noch Jahre dauern wird. Mali ist eine Nation, der es an verbindender Identität fehlt. Umso wichtiger erscheint da der Erfolg von „Les Aisles“ (die Adler). Kapitän Keita erweist sich zunehmend als perfekter Botschafter einer Mannschaft, die sich ihrer gesellschaftlichen Rolle bewusst ist. Nach den Vorrundenspielen zeigte er sich mit einem Hemd, auf das die Friedensforderung „Un peuple, un but, une foi“ geschrieben war. Eine Nation, ein Ziel, ein Glaube.

Keitas Trauer des vergangenen Jahres ist einer kraftvollen Entschlossenheit gewichen, mit der er seine Botschaften präsentiert. „Ich bin nicht an Medaillen für mich interessiert, ich möchte nur eines: meinem Land Freude bereiten.“ Zum vierten Mal steht das defensiv gut organisierte Mali im Halbfinale eines Afrika-Cups, mit einem Sieg am Mittwoch gegen den Gewinner der Partie Elfenbeinküste gegen Nigeria (nach Redaktionsschluss) könnte erstmals der Einzug ins Finale gelingen.

Es scheint, als vermag die Sorge um Freunde und Verwandte die Spieler nicht zu hemmen. Nur drei Spieler stehen in Mali unter Vertrag, doch jeder einzelne telefoniert täglich mit der Heimat. „Wir glauben fest daran, dass bald Frieden einkehrt“, sagte Mittelfeldspieler Sigamary Diarra, „aber wir können nicht aufhören, an unsere Familien in Mali zu denken.“

Tausende tanzen in Bamako

Keita stammt aus der Hauptstadt Bamako, der die Islamisten vor drei Wochen gefährlich nahe gekommen waren. Er weiß um die begrenzte Kraft des Fußballs. „Wir wollen Fußball als Instrument für den Frieden nutzen, und das können wir nur, wenn wir Spiele gewinnen.“ Allerdings sei sich das Team bewusst, dass Fußball im Krieg letztlich nichts ändere. Es komme auf die internationalen und malischen Streitkräfte an. Doch wohl auf keinem anderen Kontinent hat der Fußball eine derart politische Bedeutung wie in Afrika, wo viele Nationen den Sport als Instrument der Nationenbildung einsetzen. Am Samstagabend feierten Tausende in Bamako bis tief in die Nacht.