Snooker

Im elitären Klub der eisernen Nerven

Beim German Masters in Berlin beweisen die Snookerspieler die Kunst der Regungslosigkeit

Die Frisur sitzt, die Fliege sitzt, in dem dunkelgrauen Hemd, das sich farblich noch ebenso von der makellosen Weste abhebt, ist selbstverständlich keine Falte. Würde man Allister Carter wie so oft auf dem heimischen Bildschirm sehen, wüsste man nicht, ob er in China, England oder sonstwo auf der Welt seinem Beruf nachgeht. Hobbypilot Carter, den alle auf der Tour den Captain nennen, ist 33 Jahre alt, seit 1996 spielt er professionell Snooker. In der vergangenen Woche war es für die Berliner nicht schwer auszumachen, wo der junge Mann aus England spielte. Er ist einer der Stars des German Masters im Tempodrom.

Snookerprofis wie Carter müssen die Kunst der Regungslosigkeit und des Desinteresses beherrschen, denn sie können ihre Gegner nicht austricksen, düpieren, provozieren oder – wie beispielsweise im Tennis – mit einer voll durchgezogenen Rückhand ins Leere laufen lassen und anschließend mit der „Becker“-Faust noch einmal siegesgewiss übers Netz schauen. Das, was sie am besten können, nämlich per Queue und Spielball serienweise rote und andersfarbige Kugeln in die Taschen des Tisches verschwinden zu lassen, tun sie äußerst selten. Spielt der Gegner, schauen sie zu. Je besser der Gegner spielt, desto länger gilt es, den Unbewegten zu geben. Wann der Moment kommt, nach einem Fehler seines Gegners selbst wieder an den Tisch zu gehen, weiß man nie. Fest steht nur: Man muss sofort voll da sein.

Emotionen schaden einem selbst

„Die eigenen Gefühle zu verbergen, ist nicht einfach, besonders für einen eher impulsiven Typen wie mich“, erklärt Carter, der bei den Preisgeldern die 1-Million-Pfund-Marke schon lange hinter sich gelassen hat. „Aber es gehört einfach zu unserem Sport, und meine Erfahrung ist auch, dass man sich am meisten selbst schadet, wenn man die Balance verliert.“ Und zwar in Matches, die sich über Tage hinziehen. Bei den Weltmeisterschaften 2008 beispielsweise schlug Carter seinen Landsmann Jo Perry im Halbfinale mit 17:15 Frames, im Finale unterlag er dann dem englischen Popstar unter den Snookerspielern, Ronnie O’Sullivan, mit 8:18. Wer die Dauer eines Frames mit 15 Minuten ansetzt, kalkuliert eher knapp. Ein Marathon also, der nicht nur das Zügeln der Emotionen verlangt, sondern auch die Fähigkeit, sich aus dem Stand bis in die Haarspitzen zu konzentrieren.

„Ich habe einen persönlichen Trainer und arbeite, wann immer es geht, an meiner Fitness“, erzählt Carter. „Je fitter man ist, desto besser kann man sich konzentrieren.“ Zumal ja nicht immer, wie im Fernsehen suggeriert, nur eine Partie gespielt wird. Im Tempodrom wurde während der ersten Tage an fünf Tischen gleichzeitig gespielt. Da kann ein kräftiger Applaus für einen gelungenen Stoß an Tisch fünf einem schon ganz schön in die Knochen fahren, wenn man selbst über einer entscheidenden Kugel an Tisch zwei steht. „Wenn du voll konzentriert bist, macht dir das wenig aus, aber wenn dein Spiel ein wenig fragil ist, kann es extrem stören.“

Doch wie eingangs besprochen: Snookerprofis verbringen viel Zeit, mit ansehen zu müssen, wie der Gegner endlos die Lage auf dem Tisch analysiert und dann Kugel nach Kugel versenkt. Da kommt es Carter entgegen, dass zeitgleich noch an anderen Tischen gespielt wird. „Es gibt Schöneres, als seinen Gegner gut spielen zu sehen“, schmunzelt Carter, „da tut es ab und zu mal gut, sich umzudrehen und zu sehen, wie andere leiden.“

Gestern war es Captain Carter nicht vergönnt, sich ab und an mit dem Leid anderer zu trösten. Bei seinem Halbfinale gegen Neil Robertson stand nur noch ein Snooker-Tisch im Rund des Tempodroms, und den TV-Kameras entging nichts. Womit er gut zurecht kam. Er schlug den Australier mit 6:2 und steht heute vor ausverkauftem Haus im Finale. Gewinnt er, ist er um 60.000 Euro reicher.