Super Bowl

Die dunkle Seite des Superstars

Vom Mordverdächtigen wurde Ray Lewis zu einem der besten Footballspieler der Welt

Am Sonntag werden die Straßen in den USA wieder leergefegt sein. Das Aufeinandertreffen der Brüder Jim und John Harbaugh im 47. Super Bowl (0.30 Uhr, Sat.1), die als Trainer ihre Teams San Francisco 49ers und Baltimore Ravens im Superdome von Mercedes-Benz aufs Feld führen, elektrisiert die Amerikaner. Superstar Beyonce singt die Hymne, Arnold Schwarzenegger, Martina Navratilova und selbst US-Außenminister John Kerry haben ihr Erscheinen angekündigt. Die Werbeeinnahmen sind exorbitant: Vier Millionen Dollar kostet eine Minute im Fernsehen. Neben den Harbaughs ist Ray Lewis eine der Hauptattraktionen: Der 37-Jährige will nach dem Finale seine Karriere beenden.

In Handschellen abgeführt

Doch wenn Lewis zum letzten Mal in seiner 17-jährigen Karriere als Footballspieler für die Ravens aufläuft und dafür gefeiert wird, schaltet Priscilla Lollar den Fernseher mit Sicherheit nicht ein. Wenn der Defensivspezialist im Finale der Profiliga NFL gegen die 49ers nach dem Fällen eines gegnerischen Spielers zum letzten Mal seinen berühmten „Siegestanz“ aufführen sollte, wird Priscilla Lollar eine Blume am Grab ihres Sohnes niederlegen.

Am 31. Januar 2000 kam es in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia vor einem Nachtklub zu einer Messerstecherei. Beteiligt waren laut Polizeibericht Jacinth Baker (21 Jahre), Richard Lollar (24) und eben Ray Lewis, der mit zwei Freunden in der „Kobalt Lounge“ feiern wollte. Baker und Lollar starben nach dieser blutigen Auseinandersetzung, Lewis wurde in Handschellen abgeführt und kurz darauf wegen zweifachen Mordes angeklagt. Ein Verbrechen, auf das die Todesstrafe steht.

Lewis wurde nur zu einem Jahr Bewährungsstrafe verurteilt – offiziell musste der Superstar aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden. Die Gerüchteküche begann bereits zu brodeln, da hatte sich der Gerichtssaal noch nicht vollends geleert. Der Richter war bekennender Footballfan, die Diskussionen zogen sich über Wochen. Zu viele Fragen waren in dem Prozess unbeantwortet geblieben. Der Doppelmord ist bis heute ungeklärt.

Und Lewis? Nur ein Jahr nach der tödlichen Auseinandersetzung gewann der 1.85 Meter große Modellathlet, der nach dem Ende seiner Laufbahn eine Karriere als Sportreporter anstrebt, mit den Baltimore Ravens den Super Bowl. Lewis wurde als bester Spieler der Begegnung ausgezeichnet. Mit den Jahren verebbte die Story um den Doppelmord. Der National Football League (NFL) war das nur recht. Das Ravens-Trikot mit der Nummer 52 verkaufte sich besser denn je, mit jedem Rekord, den Lewis brach, wuchsen seine Beliebtheitswerte. Und er stellte eine Menge Bestmarken auf, wurde elfmal ins Team der besten Spieler gewählt und gilt als einer der effektivsten Defensivspieler in der Geschichte des Footballsports. Sogar eine Straße in Baltimore wurde nach ihm benannt.

Seine „Reise durch die letzte Saison“ ist bestens dokumentiert in den USA. Kaum ein Tag vergeht, an dem Lewis nicht in irgendeiner Talkshow auftritt und seinem Wunsch nach einem „märchenhaften Ende“ mit dem Gewinn einer weiteren Super-Bowl-Trophäe Ausdruck verleiht: „Ich habe einen Traum gelebt. Ein Traum, der endet.“ Aussagen wie diese haben Lewis zu einem der populärsten Athleten in Amerika gemacht. Angeblich hat er schon als Kommentator beim Sender ESPN unterschrieben. In der Tat ist Lewis ein sympathischer Mensch. Seine Spenden für wohltätige Zwecke sind bestens bekannt. Er hat sechs Kinder mit verschiedenen Müttern, aber allen sei er „ein guter Vater“. Ray Lewis hat sich seine Reputation redlich verdient, sagen die, die ihn mögen.

Nacht vor 13 Jahren ist tabu

Nur wenn er auf jene Nacht vor 13 Jahren angesprochen wird, wenn der ungeklärte Doppelmord und die vielen Fragen zur Sprache kommen, dann wird der 37 Jahre alte Lautsprecher ganz schnell ganz leise und verweist auf seinen Anwalt. Sein Mandant habe „viel gelernt aus jener Nacht“, sagt der: „Er ist erwachsener geworden.“ Ab und zu klingt jedoch „der andere Lewis“ durch. Jener Verteidiger, der die Angreifer reihenweise niederstreckt. Erst in dieser Woche konnte die Öffentlichkeit einen Blick auf die dunkle Seite von Lewis erhaschen.

Als er bei einer Pressekonferenz in New Orleans auf die in dieser Woche in „Sports Illustrated“ veröffentlichten Vorwürfe angesprochen wurde, er habe Steroide benutzt, um eine Muskelverletzung schneller zu heilen, bezeichnete Lewis Fragesteller Mitch Ross als einen „Feigling, der keine Kreditwürdigkeit verdient“. Es war einer jener Momente, in denen die meisten Anwesenden auf Abstand zu dem 109-Kilogramm-Koloss gingen.